Dossierbild Migration

15.3.2005 | Von:
Jan Schneider

Integration

Im Brennpunkt: Integrationsprobleme jugendlicher Spätaussiedler

Abfahrt: Hilde Pfeifers Enkelin Anastasia wird zum Bus gebracht.Abfahrt: Hilde Pfeifers Enkelin Anastasia wird zum Bus gebracht. (© Dirk Gebhardt für Körber-Foto-Award 2003)
Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 stieg der Zuzug von Spätaussiedlern, insbesondere aus Russland und Kasachstan, sehr stark an. Während viele Aussiedler aus Polen, der damaligen Tschechoslowakei und Rumänien gut Deutsch sprachen, kamen aus den Staaten der GUS viele Familien in die Bundesrepublik, die nur über sehr geringe Deutschkenntnisse verfügten. Nur wenige Kinder waren in der Sowjetunion zweisprachig aufgewachsen. Viele hatten bei ihrer Ankunft keine Beziehung zu Deutschland. Stattdessen waren sie kulturell und durch persönliche Bindungen stark mit ihrem Herkunftsumfeld verbunden. Und ein großer Teil ihrer Sozialisation hatte in einem völlig anderen Schul-, Erziehungs- und Gesellschaftssystem stattgefunden.

Alte und neue Heimat

Altersstruktur der im Jahr 2003 zugezogenen Spätaussiedler und der deutschen Gesamtbevölkerung des Jahres 2003, Quelle: Migrationsbericht, Bundesministerium des Innern (Hg.), 2004, S. 30, Abb. 19.Altersstruktur der im Jahr 2003 zugezogenen Spätaussiedler und der deutschen Gesamtbevölkerung des Jahres 2003, Quelle: Migrationsbericht, Bundesministerium des Innern (Hg.), 2004, S. 30, Abb. 19. (© BMI)
Für diese jungen Zuwanderer war die Integration in die deutsche Gesellschaft ähnlich schwierig wie für Kinder und Jugendliche, die auf dem Wege des Kindernachzugs aus den ehemaligen Anwerbestaaten nach Deutschland kamen. Wegen des enormen Umfangs der Aussiedlerimmigration in den 1990er-Jahren ergaben sich von Anfang an insbesondere für Jugendliche große Integrationsprobleme. In einer ersten Phase mussten sie das Gefühl der oftmals völligen Fremdheit und den ersten Anpassungsschock bewältigen. Dies fiel ihnen dann besonders schwer, wenn der Wegzug aus dem Herkunftsland mit starken inneren Widerständen verbunden war: Freundschaften mussten gekappt werden, und das sichere Lebens- und Lernumfeld ging - von der unmittelbaren Kernfamilie abgesehen - zunächst einmal verloren. In einer zweiten Phase mussten sie die innere Bereitschaft zum aktiven Handeln im neuen Lebensumfeld aufbauen. Dazu gehörten etwa das Zurechtfinden in einer neuen gesellschaftlichen und sozialen Umwelt, die Akzeptanz der neuen Sprache sowie die fachliche Orientierung in der Schule. Das Erlernen der deutschen Sprache galt auch hier als wichtigste Voraussetzung für erfolgreiche Integration.

Veränderte Migrationsmotivation

Status von Aussiedlern von 1993 bis 2003, Quelle: Migrationsbericht, Bundesministerium des Innern (Hg.), 2004, S. 27.Status von Aussiedlern von 1993 bis 2003, Quelle: Migrationsbericht, Bundesministerium des Innern (Hg.), 2004, S. 27. (© BMI)
Einige Jahre nach Aufhebung sämtlicher Reisebeschränkungen für Aussiedler in den Staaten des Warschauer Pakts kam eine deutliche kulturelle Zäsur bezüglich der Auswanderungsmotivation der Deutschstämmigen hinzu: Die große Zahl derer, die sich kulturell in Deutschland verwurzelt sahen und zum Teil lange für ihre Ausreise gekämpft hatten, siedelten zwischen 1989 und 1992/93 aus. Doch gleichzeitig kamen immer mehr aus vorwiegend wirtschaftlichen Motiven und mit dem Wunsch, den unsicheren postsowjetischen Zuständen so rasch wie möglich zu entkommen. Der Wunsch, "als Deutsche unter Deutschen" zu leben, stand nicht mehr im Vordergrund. Vielmehr entwickelten sich eine Art Netzwerkmigration und ein erweiterter Familiennachzug. Noch 1993 hatten mehr als drei Viertel der im Rahmen der Aussiedlermigration Eingereisten selbst den Status als Spätaussiedler und 20 Prozent waren Ehegatten oder Kinder. Zehn Jahre später, im Jahr 2003, waren nur noch 20 Prozent selbst Spätaussiedler, 80 Prozent reisten als Ehepartner, Kinder oder sonstige Familienangehörige ein. Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass immer weniger der Angehörigen über Deutschkenntnisse verfügen, führten diese Entwicklungen zu steigenden Integrationsproblemen.

Die Kürzungen bei den Eingliederungshilfen wurden also in dem Moment wirksam, als eine deutliche Aufstockung vonnöten gewesen wäre. Wartezeiten von über einem Jahr auf einen Sprachkursplatz trugen nicht zur Verbesserung der defizitären Deutschkenntnisse bei. Entsprechend schwer fiel die Integration in Schule und Ausbildung. Wegen knappen Wohnraums in vielen Kommunen blieben zahlreiche Familien wesentlich länger in den Übergangswohnheimen als eigentlich vorgesehen. Dies führte zu Kontaktdefiziten und Segregationsproblemen - insbesondere in einigen Städten Niedersachsens und Süddeutschlands.

Insgesamt hat sich die psychosoziale Situation vieler junger Spätaussiedler seit den späten 1990er-Jahren verschlechtert. Männliche Jugendliche sind in der Kriminalitätsstatistik mit überdurchschnittlichen Raten bei Vandalismus, Gewalt und Drogendelinquenz vertreten. Viele Kommunen bieten seitdem - zum Teil in Kooperation mit der Polizei - spezielle Integrationshilfen für Jugendliche an.

Einheitliche Integrationskurse

Dennoch ist die Integrationsbilanz der über 2 Millionen Aussiedler und Aussiedlerinnen, die seit 1989/90 aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion gekommen sind, durchaus positiv - auch wenn das hohe Niveau der Integrationsleistungen nicht beibehalten werden konnte. Die Zahl der neu zuwandernden Spätaussiedler hat sich seit 2000 auf deutlich unter 100.000 pro Jahr gesenkt. Im Jahr 2004 kamen bereits weniger als 60.000, 2006 waren es lediglich 7.747. Es steht zu erwarten, dass die Zahl noch weiter sinkt. Da jedoch noch sehr viele Deutschstämmige vor Ort in Besitz eines Aufnahmebescheids sind und zudem die Anzahl der mitziehenden Familienangehörigen nicht prognostiziert werden kann, wird die jährliche Zuwandererzahl mittelfristig sicher bei einigen tausend verbleiben.

Angesichts zunehmend ähnlicher Probleme bei der Integration in den Bildungs- und Arbeitsmarkt sind Spätaussiedler mit anderen Neuzuwanderern gleichgestellt und werden im 2007 erarbeiteten Gesamtintegrationsprogramm der Bundesregierung berücksichtigt. Ein Ausdruck dieser Entwicklung sind die für alle Neuzuwanderer seit dem 1. Januar 2005 einheitlichen Integrationskurse.


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