Dossierbild Migration

15.3.2005 | Von:

Die Deutschen in Polen

Gegenwart

Seit Mitte der achtziger Jahre verstärkten sich bei den Deutschen in Oberschlesien die Bemühungen um Anerkennung, die in der zunächst illegalen Gründung von "Deutschen Freundschaftskreisen" zur Wahrung ihrer Interessen und Rechte gipfelte. Die polnischen Behörden verweigerten bis zum Ende des kommunistischen Systems jede offizielle Anerkennung.

Im Jahre 1991 wurde der deutsch-polnische "Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit" abgeschlossen, der auch die Rechte der Deutschen in Polen festlegte. Zuvor hatte das wieder vereinigte Deutschland in einem Grenzvertrag mit Polen am 14. November 1990 die polnische Westgrenze an Oder und Lausitzer Neiße bestätigt und damit die deutsch-polnischen Beziehungen auf eine neue Grundlage gestellt. Der Nachbarschaftsvertrag garantierte das Recht auf freien Gebrauch der Muttersprache, auf Gründung deutscher Bildungs-, Kultur- und Religionseinrichtungen und den ungehinderten Kontakt über die Grenzen. Die zwangsweise Polonisierung der Vor- und Familiennamen konnte von den Betroffenen rückgängig gemacht werden.

Rolle der Minderheit

Die Gesamtzahl der Deutschen in Polen kann auch nach der Entstehung deutscher Organisationen nicht genau angegeben werden. Anders als in Rumänien, Ungarn oder den Staaten der GUS waren und sind im deutsch-polnischen Grenzbereich die nationalen Übergänge fließend. Polnischen Schätzungen zufolge leben in Polen derzeit etwa 300.000 bis 400.000 Personen, welche sich als Deutsche bezeichnen. Deutsche Schätzungen gehen von mindestens 600.000 Deutschen in Polen aus. Die deutsche Minderheit in Polen hat auch nach der politischen Wende mit organisatorischen, politischen und gesellschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, insbesondere dort, wo die Deutschen in großer Zerstreuung leben. So sind die Deutschen außerhalb Oberschlesiens kaum in der Lage, ein deutsches Schulwesen aufzubauen. Ihre Akzeptanz in der polnischen Bevölkerung ist teilweise noch gering.

Kluft zwischen Alt und Jung

Bei den Mitgliedern deutscher Minderheitenorganisationen ist eine starke Überalterung festzustellen. Aktiv sind derzeit vor allem diejenigen, welche zumindest als Jugendliche noch die deutsche Zeit vor 1945 bewusst erlebt haben. Naturgemäß sind deshalb die Vorstellungen und Ziele der Mitglieder häufig noch an den Verhältnissen von vor 1945 orientiert. Jugendliche sind in den Gruppen nur schwach vertreten. Wo eigene Jugendgruppen existieren, zeigen sich Generationskonflikte. Die Vorstellungen und Aktivitäten der älteren Generation finden bei den Jugendlichen kaum Widerhall. Dabei spielen nicht nur sprachliche Probleme eine Rolle, sondern vor allem unterschiedliche Interessen. Während die mittlere und ältere Generation der Minderheitenangehörigen ähnlich wie landsmannschaftliche Gruppierungen in Deutschland den Schwerpunkt auf die Pflege heimatlichen Brauchtums und geselliges Beisammensein legt, wird die junge Generation dadurch nicht angesprochen. Sie wollen vor allem im beruflichen Bereich eine Perspektive haben. Dass in dieser Lage in der ersten Zeit nach der Wende die Aussiedlung nach Deutschland, wo die meisten Verwandte besaßen, als attraktive Möglichkeit erschien, ist verständlich.

Die meisten Deutschen haben sich jedoch unter den neuen demokratischen Bedingungen und ihrer Anerkennung als nationale Minderheit in Polen zum Bleiben entschieden. Sie können ihre kulturellen Traditionen und die Verbindungen nach Deutschland pflegen und werden aus Deutschland unterstützt. Sie tragen heute ihren Teil zum Auf- und Umbau Polens und seiner Gesellschaft bei. Von Deutschland wie von Polen wird dabei stillschweigend geduldet, dass viele Deutsche in Polen faktisch eine Doppelstaatsbürgerschaft und neben ihrem polnischen Pass auch einen deutschen Pass besitzen. Schätzungen gehen davon aus, dass rund 200.000 Personen eine doppelte Staatsbürgerschaft haben.

Politische Vertretung

Mit ihrer Legalisierung wurde die deutsche Minderheit in ihrem geschlossenen Siedlungsgebiet Oberschlesien auch zu einer politischen Kraft. Dies zeigte sich bei den Wahlen, die seit 1990 in Polen stattgefunden haben. 25 Gemeinden im Oppelner Schlesien haben derzeit einen deutschen Bürgermeister, 304 deutsche Vertreter sitzen in Gemeinde- oder Stadträten (in 34 von 71 Gemeinderäten stellen sie die Mehrheit) und im Oppelner Landtag hat die deutsche Minderheit 7 Abgeordnete. In der Woiwodschaft Oppeln stellt die deutsche Minderheit in 3 von 12 Kreisen (einschließlich der kreisfreien Stadt Oppeln) die Mehrheit im Kreistag, in weiteren vier Kreisen stellt sie die stärkste Fraktion. Die Landräte der Kreise Kandrzin-Cosel, Krappitz, Oppeln, Rosenberg und Groß Strehlitz sind Angehörige der deutschen Minderheit.

Bei den Parlamentswahlen im Jahre 1991 konnte die deutsche Minderheit sieben Abgeordnetenmandate und einen Senatssitz erringen, bei den Wahlen im September 1993 dagegen bei geringerer Wahlbeteiligung nur vier Abgeordnetenmandate und einen Sitz im Senat. Nach der Wahl 1997 hat die Minderheit ihren Senatssitz verloren, obgleich die Zahl der Stimmen für den deutschen Kandidaten gleich blieb. Sie wird im Parlament noch durch zwei Abgeordnete vertreten. Eine Erklärung für die schwindende Zahl der deutschen Vertreter wird in einem generellen Desinteresse der Minderheit an polnischer Politik gesehen. Ein weiterer Grund ist die zunehmende Integration der jüngeren Angehörigen der Minderheit in Polen, die ihre wichtigsten kulturellen Belange gesichert sehen und keine spezielle deutsche Lobby im Parlament mehr für notwendig halten. Die sachliche, um Verständigung bemühte und von Loyalität zum polnischen Staat geprägte Tätigkeit der Minderheitspolitiker wird in Polen wie in Deutschland anerkannt. Für die Deutschen in Polen bedeutet ihre Parlamentsvertretung neben der politischen Aufwertung auch die Gewissheit, dass ihre Probleme auf höchster politischer Ebene zur Sprache gebracht werden können.

Förderung aus Deutschland

Aus der Bundesrepublik Deutschland wurde die deutsche Minderheit in Polen in den vergangenen Jahren nachhaltig, vor allem auch finanziell, unterstützt. Die Bundesregierung stellte für die Kulturarbeit der deutschen Minderheitenorganisationen in den 1990er Jahren jährlich rund 25 Millionen Mark zur Verfügung. Dabei achtete man darauf, durch die Zuwendungen aus Deutschland die Trennung zwischen den Deutschen und ihren polnischen Nachbarn nicht unnötig zu vertiefen. Der größte Teil der Hilfsmaßnahmen kommt allen Bewohnern der jeweiligen Orte oder Regionen zugute.

So wurden beispielsweise Krankenhäuser mit Geräten und Medikamenten ausgestattet oder die Wasserversorgung bestimmter Gebiete durch entsprechende Baumaßnahmen verbessert. Die Minderheitenorganisationen wurden durch Auf- und Ausbau von Begegnungszentren, Büchereien, Kultur- und Sprachlehrinstitutionen unterstützt. Neben staatlichen Stellen erfährt die deutsche Minderheit durch zahlreiche Wohlfahrtsverbände, Organisationen und Privatpersonen weitere Unterstützung für ihre Arbeit. Hierbei ist in Deutschland wie in Polen die Tätigkeit deutscher landsmannschaftlicher Organisationen wie des Bundes der Vertriebenen, die auch politische Forderungen artikulieren, nicht unumstritten. [...]

Deutsche Minderheiten in Polen – ein heterogenes Bild

Ein Vergleich der Aussiedlerzahlen der letzten Jahre zeigt deutlich, wie sehr aufgrund der offiziellen Anerkennung und der Entwicklung der deutschen Minderheitenorganisationen der Aussiedlungsdruck in Polen abgenommen hat. Die deutsche Minderheit in Polen bietet heute ein heterogenes Bild. Die ältere Generation hat sich wohl oder übel mit ihrer Existenz in Polen abgefunden, ist aber nicht wirklich in die polnische Gesellschaft integriert. Sie pflegt ein Heimat- und Kulturbewusstsein, das sich an der deutschen Vorkriegszeit orientiert. Für sie ist Deutsch noch die Muttersprache, auch wenn sie es teilweise nur in oberschlesischer oder masurischer Färbung spricht, und Deutschland der kulturelle Bezugspunkt. Die jüngere Generation dagegen ist ein integrierter Teil der polnischen Gesellschaft, sprachlich und kulturell ganz überwiegend polnisch geprägt, für die der Bezug zu Deutschland allenfalls noch eine mehr oder weniger ausgeprägte Familientradition darstellt.

*Dieser Text ist eine überarbeitete, aktualisierte und in Teilen gekürzte Version des Artikels "Deutsche in Polen" von Dr. Joachim Rogall in den Informationen zur politischen Bildung "Aussiedler" (Nr. 267).


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