Dossierbild Migration

15.5.2007 | Von:

Migrantenorganisationen

Weltliche Organisationen

Arbeitervereine: Ihre Funktion als Interessenvertretung wurde schon früh durch die erfolgreiche Einbindungsstrategien der deutschen Gewerkschaften aufgehoben. Sie bestehen dennoch weiterhin für verschiedene Zuwanderergruppen aus ehemaligen Anwerbeländern.

Freizeit- und Sportvereine: Sie kümmern sich um speziellere Freizeitangebote und werden oft eigens für die Mitglieder einer Nationalitätengruppe gegründet.

Kulturvereine: Zu diesem Vereinstyp, der Folkloregruppen ebenso wie Literaturclubs umfasst, gehören inzwischen die meisten Migrantenorganisationen.

Politische Vereine: Sie wurden in aller Regel als unmittelbare Reaktion auf politische Gegebenheiten in den Herkunftsländern gegründet, in denen autoritäre und undemokratische Herrschaftssysteme an der Tagesordnung waren. Demokratisierungsforderungen und Proteste gegen Repressalien etwa im franquistischen Spanien oder im obristischen Griechenland der 1970er-Jahre konnten von diesen Organisationen teilweise wirkungsvoll artikuliert werden.

Erst in den 1990er-Jahren bildeten sich auch innerhalb der deutschen politischen Parteien Partner- und Unterorganisationen von Migranten, die in der Regel nach Nationalitäten getrennt sind. Beispiele sind das CDU-nahe "Deutsch-Türkische Forum (DTF), die FDP-nahe "Liberale Türkisch-Deutsche Union" oder die "Föderation der Volksvereine türkischer Sozialdemokraten". Obwohl Nichtdeutsche sich um Parteiämter bewerben dürfen, bleiben die Möglichkeiten der Mitarbeit ohne deutsche Staatsbürgerschaft begrenzt. Grundsätzlich steigt allerdings die Bedeutung von Migranten als aktive oder passive Mitgestalter deutscher Politik, weil es schon seit den 90er-Jahren immer mehr deutsche Wähler mit Migrationshintergrund gibt und diese Zahl in den nächsten Jahrzehnten weiter steigern wird.

Weitere Formen der politischen Interessenvertretung entstanden, als sich Vereine vor allem türkischstämmiger Migranten auf Bundesebene zu Dachverbänden zusammenschlossen, so etwa die 1995 entstandene "Türkische Gemeinde in Deutschland".

Familien- und Elternvereine: Sie kümmern sich insbesondere um die schulischen Probleme der Kinder, die sich schon bald als zentrale Herausforderung für die Zugewanderten (und für die deutsche Gesellschaft) erweisen sollten. Dieser Organisationstypus ist besonders bei Griechen und Spaniern verbreitet; insbesondere die spanischen Elternvereine haben durch sehr beharrliche Lobbyarbeit gegenüber Schulen, aber auch gegenüber den Migranteneltern geschafft, die schulischen Leistungen der spanischen Kinder nachhaltig zu verbessern.

Migrantenorganisationen und Integration

Die Bedeutung von Migrantenorganisationen für den Integrationsprozess von Einwanderern wird unterschiedlich bewertet. Eine eindeutige Bewertung erscheint aufgrund der großen Bandbreite an Organisationstypen und Funktionen schwierig. Nach dem 11. September 2001 begann nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Niederlanden eine neue Debatte um die ideologischen und politischen Funktionen der Migrantenorganisationen. Besonders kritisch diskutiert wurde die organisatorische und ideologische Ausrichtung der großen religiösen (islamischen) Verbände.

Ein Fachkongress der Bundeszentrale für politische Bildung, der Friedrich-Ebert-Stiftung sowie des Modellprojekts "Transfer Interkultureller Kompetenz" fragte im Oktober 2003 nach der Funktion von Migrantenorganisationen als "Identitätswächter oder Integrationslotsen" (vgl. den Link zur Tagungsdokumentation unter bpb-Angebote). Trotz der sicherlich - insbesondere bei einzelnen islamischen Vereinen - zu beobachtenden Abschottungstendenzen sah eine Mehrheit der Migrationsexperten ein hohes Integrationspotenzial bei Migrantenorganisationen. Sie plädierten für eine aktive Nutzung ihrer zivilgesellschaftlichen und integrationspolitischen Dienstleistungen. Dazu gehören die Vermittlung von wichtigem Alltagswissen, die Bereitstellung von Hilfe insbesondere bei der schulischen Integration und eine unentbehrliche Orientierungshilfe in einer fremden Gesellschaft gerade in der ersten Phase der Einwanderung. Darüber hinaus sind sie für die politische Meinungs- und Willensbildung sowie für die soziale Orientierung der Zuwanderer maßgeblich. Eine abgestimmte und nach klaren Standards ausgerichtete Förderung der Migrantenorganisationen sollte daher - so das Plädoyer der Experten - zentraler Bestandteil der zukünftigen Integrationspolitik in Deutschland sein. Die vielfältigen, insgesamt positiven Erfahrungen mit der bunten und heterogenen Landschaft von Migrantenorganisationen bieten hierfür eine gute Grundlage.

Der Beitrag stützt sich auf das Gutachten "Wie können Migrantenselbstorganisationen den Integrationsprozess betreuen?" von Uwe Hunger sowie auf das das Jahresgutachten 2004 des Sachverständigenrats für Zuwanderung und Integration


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