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15.5.2007 | Von:

Interkulturelle Öffnung

Interkulturelle Öffnung in der Praxis

Anfang der 1990er-Jahre waren die Folgeprobleme der Einwanderung mit den speziell für Migranten und Migrantinnen eingerichteten Sozialen Diensten nicht mehr aufzufangen. Das führte zu der Überlegung, die soziale Versorgung für diese Zielgruppe nach 30 Jahren Einwanderung nicht mehr auf Sonderdienste zu beschränken. Die allgemeinen Sozialen Dienste wie z.B. Einrichtungen der Jugend-, der Familien- sowie der Altenhilfe, die als "Soziale Regeldienste" bezeichnet werden, waren aufgefordert, ihre Angebote auf die Bevölkerung mit Migrationhintergrund auszuweiten, um sie den Problemen und den Bedürfnissen dieser Gruppe anzupassen. Dieser Prozess wurde als Interkulturelle Öffnung der Regeldienste beschrieben. Darin hat der Begriff der Interkulturellen Öffnung seinen Ursprung.

Die Ziele der Interkulturellen Öffnung waren für die Sozialen Dienste zwar auf einer allgemeinen Ebene formuliert. Es fehlten aber zunächst ausgearbeitete Konzepte, was genau unter einer interkulturellen Öffnung zu verstehen ist. Diese Konzeptionslosigkeit kaschierte man durch die Einführung eines neuen Begriffs: die "interkulturelle Kompetenz". Sie galt von da an nicht nur für die Mitarbeiter der Sozialen Dienste als Schlüsselkompetenz, sondern wurde für alle Beschäftigten öffentlicher Institutionen gefordert. Wie der Zusammenhang zwischen den allgemeinen sozialen Kompetenzen in einer modernen und pluralen Gesellschaft und den konkreten Aufgaben des Arbeitsfelds aussieht, wurde jedoch kaum diskutiert. Interkulturelle Kompetenz hatte im weitesten Sinne mit dem Wissen über "fremde" Kulturen und den sie vertretenden Menschen zu tun. Sie blieb also weiter ein Spezialgebiet für Verwaltungsmitarbeiter, die sich mit "Fremden" zu beschäftigen hatten.

Interkulturelle Kompetenz - ein problematischer Begriff

Es ist inzwischen unbestritten, dass Interkulturelle Kompetenz zu den Schlüsselqualifikationen gehört, über welche die Bürger in modernen Gesellschaften im Zeitalter der Globalisierung verfügen sollten. Internationale Kontakte und die Berührung mit unterschiedlichen kulturellen Milieus, zu denen neben vielen anderen auch städtische Einwanderungsmilieus gehören, sind inzwischen Alltag, auch in der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Kognitive Flexibilität, Toleranz gegenüber Unsicherheit und Mehrdeutigkeit, Fähigkeit zum Management der eigenen Identität und zur Übernahme von Rollen und Perspektiven des Gegenübers: das sind Eigenschaften, mit denen die Interkulturelle Kompetenz beschrieben wird. Sie gehören heute zum Verhaltensrepertoire von Mitgliedern moderner Gesellschaften - zumindest normativ.

Immer häufiger werden Mitarbeiter öffentlicher Institutionen zu Trainings oder Weiterbildungen geschickt mit dem Ziel, interkulturelle Kompetenz zu erwerben. Doch diese sind nicht selten schematisch, praxisfern und berücksichtigen nur unzureichend die Erfahrungen, die auf in einem jeweiligen Arbeitsfeld gemacht wurden. Konkrete Konflikt- und Problemlagen, wie jene in Schulen mit einem hohen Anteil von Migrantenkindern oder die politische Brisanz einer Baugenehmigung für eine Moschee werden kaum berücksichtigt.

Fremdheit als Konstrukt

Dazu kommt eine weitere Problematik, die bisher kaum angemessen berücksichtigt wurde. Der Begriff der Interkulturellen Kompetenz, wie er im integrationspolitischen Diskurs benutzt wird, führt häufig dazu, Menschen mit Migrationshintergrund als Fremde zu konstruieren, selbst wenn sie schon in der dritten Generation in Deutschland leben. Die Probleme in der sozialen Umwelt, auf die die Verwaltungen reagieren sollen, werden dabei vorwiegend als kulturelle Probleme definiert.

Die Weiterbildungen und Trainings suggerieren häufig, dass Verwaltungsmitarbeiter mit den gleichen Phänomenen konfrontiert sind wie Personen, die in ein ihnen fremdes Land reisen, wo Menschen mit wechselseitig unbekannten Orientierungssystemen kommunizieren müssen. Im Kontakt mit neu eingereisten Einwanderern, wie das z.B. häufig in der Ausländerbehörde der Fall ist, mag die Situation Ähnlichkeiten aufweisen. Aber für die Interaktion mit Einwanderern, die seit Jahren in Deutschland leben, oder mit Menschen mit Migrationhintergrund, die hier geboren und aufgewachsen sind, ist sie das nicht. Für sie ist nicht vordergründig die unterschiedliche kulturelle Herkunft relevant, sondern eine Lebenswelt, die sozial geprägt ist durch die Migrationserfahrung. Weiterbildungen und Trainings, die nach solchen abstrakten Orientierungen vorgehen, tendieren dazu, die Relevanz ethnischer Unterschiede überhaupt erst zu konstruieren. Das führt dazu, dass der Blick für die Heterogenität der Einwanderungsgesellschaft und deren tatsächliche Probleme verstellt wird.

Konsequenzen für die Verwaltung

Eine Interkulturelle Öffnung der Verwaltung sollte die spezifischen Qualifikationen beschreiben, über welche die jeweiligen Verwaltungsbereiche verfügen müssen, um integrationskompetent zu arbeiten. Um diese zu ermitteln, sollte die Verwaltung sich auf pragmatische, praxisorientierte und handlungsfeldbezogene Weise umorientieren und ihr Selbstverständnis neu und realitätsnah, eben "einwanderungsnah" definieren.

Perspektiven für die Zukunft

Aufgaben einer Integrationspolitik

Eine an den Realitäten orientierte Praxis der Integrationspolitik ist noch kaum verbreitet. Die erforderlichen Kompetenzen sind für die verschiedenen Handlungsfelder kaum erarbeitet. Wo sie aus Einzelinitiativen entwickelt wurden, sind es im Allgemeinen Insellösungen geblieben. Sie wurden nicht systematisiert, hängen häufig am Engagement einzelner Personen und gehen mit deren beruflichem Ausscheiden in der Regel wieder verloren. Aber sie gehen nicht nur in den Institutionen verloren, sondern auch als Orientierungsressource für andere Einrichtungen. Die Interkulturelle Öffnung muss daher ein Zusammenspiel sein zwischen der Kompetenzentwicklung einzelner Mitarbeiter und der Entwicklung der Kompetenz einer Organisation. Im Sinne der Nachhaltigkeit muss dafür gesorgt werden, dass ein solcher Transfer von Kompetenz auch auf das gesamte Handlungsfeld - wie z.B. Jugendhilfe, Schule, Polizei usw. - übertragen wird.

Beispiel: Kooperation zwischen Polizei und islamischem Milieu

Ein Modellprojekt der Bundeszentrale für politische Bildung in den Jahren 2003-05 zeigte, dass sich auf der Ebene des unmittelbaren Publikumskontakts ein beträchtliches Wissen über Interventionen im interkulturellen Kontext entwickelt hat. So gibt es z.B. in Berlin, Stuttgart und Essen Polizeieinheiten, die in der Präventionsarbeit eine bemerkenswerte Kooperation mit islamischen Milieus aufgebaut haben. Im Laufe der Zeit ist zwischen der Polizei und verschiedenen Moscheevereinen eine Vertrauensbasis entstanden, die auch für die Polizeiarbeit in anderen Bereichen fruchtbar ist.

Die Erfahrungen können auch auf die Arbeit anderer Polizeiinspektionen übertragen werden. Dazu bedarf es einer übergreifenden Strategie, um die in solchen Modellen steckenden Integrationspotenziale flächendeckend aufzubauen. Verwaltungen und Behörden auf unterschiedlichen Ebenen müssten zusammenarbeiten, um eine breit angelegte Kompetenzentwicklung steuern zu können.

Interdisziplinarität als Strategie

Es gibt Modelle aus dem Bereich der Wirtschaft sowie aus der Zusammenarbeit von Wirtschaft und Politik, die zeigen, wie ein solcher Prozess der Kompetenz- und Innovationsentwicklung angelegt sein sollte. Sie machen deutlich, wie der Transfer von Kompetenzen und Innovationen, die sich auf einem Gebiet oder Handlungsfeld entwickelt haben, innerhalb von Organisationen, im Rahmen einer Region und sogar überregional vonstatten gehen kann.

Solche Modelle wären auch auf die Verwaltungspraxis in ihrem Bemühen um Interkulturelle Öffnung zu übertragen. Dazu muss aber in Politik und Verwaltung die Rolle der Kompetenzentwicklung der Verwaltung für eine Förderung des Integrationsgeschehens erst erkannt und dann durch eine konzeptionell abgestimmte Strategie und eine angemessene Steuerung weiterverfolgt werden. Das ist eine realistische Forderung. Also ist sie auch realisierbar.


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