Dossierbild Migration

16.5.2007 | Von:

Bildungsungleichheit und Ansätze interkultureller Pädagogik

Integration durch Sprache?

Die dominante Denkfigur im öffentlichen Diskurs über Sprache und Integration ist die, dass die deutsche Sprache eine zentrale Voraussetzung für soziale Integration in Deutschland ist. Die sprachliche Integration umfasst aber mehr als dies, nämlich zwei komplementäre Teilprozesse: zum einen die Übernahme des Deutschen als Verkehrssprache durch die Migrantinnen und Migranten, und zum zweiten die Akzeptanz der Herkunftssprachen der Zuwanderer durch die Aufnahmegesellschaft. Die öffentlichen Appelle zum Deutschlernen werden indes häufig einseitig an die Migrantinnen und Migranten gerichtet, ohne dies mit der Frage an die Verantwortlichen nach Art und Umfang der Deutschlernangebote zu verbinden. Übersehen werden darf auch nicht die Abhängigkeit des Deutscherwerbs von den Integrationserfahrungen insgesamt: Soziale Kontakte bilden die Grundlage für den Erwerb von Deutschkenntnissen, und daher stellt jede Form von Benachteiligung gleichzeitig eine Barriere für den Deutscherwerb dar. Warum soll jemand eine Sprache erlernen, wenn er sie für soziale Kontakte kaum braucht? Außerdem wird Sprache leicht verlernt, wenn die Gelegenheiten, sie zu benutzen, selten sind. Integration durch Sprache bedeutet daher nicht die Verdrängung der Herkunftssprachen, sondern die Förderung von Kommunikationsfähigkeit in einer sich internationalisierenden Gesellschaft.

Bildungssprache und Schulerfolg

Deutschkurs in der VHS Berlin-SchönebergDeutschkurs in der VHS Berlin-Schöneberg (© Susanne Tessa Müller)
Im Hinblick auf die Integration von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien im deutschen Schulsystem belegt die internationale PISA-Studie des Jahres 2000, dass die Bildungschancen vor allem von den Sprachkompetenzen im Deutschen abhängig sind. Ein unzureichendes Leseverständnis in der Bildungssprache Deutsch beeinträchtigt den Kompetenzerwerb in allen anderen Fächern. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Dauer des Aufenthalts und der Migrationstatus der Familien (ein bzw. kein Elternteil in der BRD geboren) zu einer besseren Beherrschung der deutschen Sprache beitragen. Beide Aspekte erhöhen auch die Wahrscheinlichkeit, einen höheren Bildungsabschluss zu erlangen. Dies darf umgekehrt aber nicht zu dem Schluss verleiten, dass die Pflege der Herkunftssprache für den Bildungsrückstand der Migrationskinder und -jugendlichen verantwortlich ist. Nach heutigem Wissensstand muss die weitere Nutzung einer Herkunftssprache in der Familie kein Hindernis für den Erwerb guter Deutschkenntnisse sein.

Generell stellt Zweisprachigkeit keine Gefahr für die kognitive Entwicklung und die Sprachentwicklung dar; das Gegenteil ist der Fall: die Spracherwerbforschung zeigt, so die Bildungsforscherin Ingrid Gogolin, dass zweisprachiges Aufwachsen eigentlich eine außerordentlich günstige Voraussetzung für die Entwicklung allgemeiner sprachlicher und geistiger Leistungen eines Kindes darstellt. Bilinguale Kinder verfügen sehr viel früher über "metasprachliche Fähigkeiten" als einsprachige Kinder. Dazu zählen das Wissen um verschiedene Sprachen im Allgemeinen, das Vermögen, sich über Verstehens- und Ausdrucksnot hinwegzusetzen und zu unterscheiden, wann, unter welchen Umständen und mit wem in einer bestimmten Sprache gesprochen werden kann. Abweichungen im Sprachverhalten, wie z.B. eigenwillige grammatische Strukturen, abweichende Wortformen und ungewohnte Aussprache weisen nicht auf eine gefährdete Sprachentwicklung zweisprachiger Kinder hin, sie werden aber häufig als solche gedeutet. Während ein französischer Akzent als "charmant" bewertet wird, werden andere Akzente als Schwäche aufgefasst, und eine negative Beurteilung von Leistung insgesamt ist häufig die Konsequenz.

Förderung von Zwei-/Mehrsprachigkeit

Erforderlich ist also eine planvoll angelegte schulische Förderung von Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit. Lernmodelle der zweisprachigen Alphabetisierung sehen dabei vor, dass die Grundschülerinnen und -schüler zunächst in ihrer Herkunftssprache unterrichtet werden, um das dort erworbene Wissen zu einem späteren Zeitpunkt auf andere Sprachen zu übertragen. Grundlegend ist dabei die Annahme, dass die Kinder umso schneller eine Zweitsprache lernen, je vollständiger sie ihre Erstsprache beherrschen. Dieses Modell lässt sich allerdings nur gut in Schulgegenden anwenden, wo hauptsächlich zwei Sprachkreise anzutreffen sind. Realistischer erscheinen also flexible Konzepte zur Mehrsprachigkeit, die sprachvergleichende Übungen einsetzen, eine Vermehrsprachlichung der Lehrpläne fordern und den Unterricht stärker auch an den Herkunftssprachen bzw. der Mehrsprachigkeit der Kinder orientieren. Weil die Bedeutung der Muttersprache bei der Sprachentwicklung eines bilingualen Kindes hoch ist, empfehlen viele Expertinnen und Experten im Zuge der Sprachförderung Angebote des muttersprachlichen Unterrichts zu stärken und Muttersprachen anstelle einer zweiten bzw. dritten Fremdsprache sowie als Abiturfach einzuführen.

Sprachstandserhebungen

Darüber hinaus sind Verfahren hilfreich, welche die sprachlichen Fähigkeiten mehrsprachiger Kinder vor Schuleintritt erfassen, sodass auf deren Grundlage über spezifische Fördermaßnahmen im Laufe der Vor- und Schulzeit entschieden werden kann. Von den verschiedenen Sprachstandsdiagnoseverfahren, die zurzeit in einer Reihe von Bundesländern diskutiert und erprobt werden, erhebt nur das "Hamburger Verfahren zur Analyse des Sprachstandes Fünfjähriger" (HAVAS-5) sowohl die Kompetenzen im Deutschen als auch in den Herkunftssprachen. Der Vorteil der Erfassung des gesamten Sprachvermögens der Kinder besteht darin, Informationen darüber zu erhalten, ob beispielsweise mangelnde Deutschkenntnisse ihre Ursache in einer allgemeinen Sprachentwicklungsverzögerung haben und wie ggf. im Anschluss die Förderung gestaltet werden kann (z.B. systematische Förderung in Deutsch als Zweitsprache oder sprachheilpädagogische Behandlung). Die Gefahr bei Verfahren, die lediglich die Kompetenzen im Deutschen erheben (so z.B. "Delfin"), besteht darin, dass das Augenmerk auf mögliche Defizite gerichtet wird statt auf die Ressourcen mehrsprachiger Kinder. Denn wer stellt sicher, dass die mit einem solchen Verfahren getroffenen Diagnosen nicht zu Selektionszwecken missbraucht werden?

"Integration" in Bildungspolitik und Pädagogik

Schülerinnen der Reinhardswald-Grundschule in Berlin-KreuzbergSchülerinnen der Reinhardswald-Grundschule in Berlin-Kreuzberg (© Susanne Tessa Müller)
Als Reaktion auf Arbeitskräftezuwanderung und Familienzusammenführung etablierte sich in den 1970er-Jahren die sog. "Ausländerpädagogik". Der Aufenthalt der Arbeitsmigranten wurde im Wesentlichen als vorübergehend definiert. Für die Schule dominierte daher eine sog. Doppelstrategie: Die "Defizite" der Kinder von Arbeitsmigranten - insbesondere ihre mangelhafte Beherrschung der deutschen Sprache - sollten abgebaut werden, damit sie möglichst schnell den Anschluss fanden und keine Belastung darstellten. Gleichzeitig sollte ihre "kulturelle Identität" bewahrt und unterstützt werden, um ihre Rückkehrfähigkeit in die Herkunftsländer zu erhalten. Die zu diesem Zweck getroffenen bildungspolitischen Regelungen Muttersprachlicher Ergänzungsunterricht, Förderunterricht, Vorbereitungsklassen, Hausaufgabenhilfen - hatten überwiegend kompensatorischen Charakter.

Von der Ausländerpädagogik zur Interkulturellen Pädagogik

In den 80er-Jahren wurde Kritik an den Konzepten der "Ausländer-Sonderpädagogik" und ihrer Defizitorientierung geübt. Da sich das Umfeld der deutschen Schulen zunehmend und auf Dauer internationalisierte, begann eine Diskussion darüber, wie dieser neuen Normalität zu begegnen sei. Interkulturelle Bildung und Erziehung sollte zur normalen Aufgabe in Schule und Lehrerbildung werden.

Anfang der 90er-Jahre machten die rassistischen Gewalttaten beispielsweise in Mölln und Solingen die Dringlichkeit einer nachhaltigen Interkulturellen Pädagogik deutlich - auch um jugendlichen Rechtsextremismus vorzubeugen.

1996 verabschiedete die Kultusministerkonferenz die wichtigen Empfehlungen zur "interkulturellen Bildung und Erziehung in der Schule". Darin wurde interkulturelle Bildung und Erziehung erstmals nicht auf Migrationskinder und -jugendliche reduziert, sondern als "neue Allgemeinbildung" definiert. Danach ist sie eine Schlüsselkompetenz für alle Schülerinnen und Schüler in einer pluralisierten Gesellschaft und globalisierten Welt und eine Querschnittsaufgabe in allen Bereichen des Bildungswesens.

Eine umfassende Anpassung des Bildungssystems an die Erfordernisse einer Einwanderungsgesellschaft bleibt - trotz zahlreicher Einzelinitiativen und Bemühungen - somit weiterhin auf der Tagesordnung deutscher Bildungspolitik.


Der Film "Die Piroge" erzählt die Geschichte afrikanischer Flüchtlinge auf ihrer gefährlichen Reise nach Europa. 30 Menschen wagen die Flucht von Dakar zu den Kanarischen Inseln in einem einfachen offenen Fischerboot, einer Piroge. Als unterwegs immer mehr Probleme auftauchen und der Motor ausfällt, wird die Reise zu einem Albtraum.

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Was bedeutet es, alles hinter sich zu lassen und in einem fremden Land neu anzufangen? Das "Alphabet des Ankommens" kombiniert Journalismus mit Comics, um das Thema Aus- und Einwanderung einmal anders anzugehen. Journalisten und Zeichner aus zehn verschiedenen Ländern berichten, wie Migration heute Gesellschaft prägt.

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