Koffer

1.6.2013 | Von:
Thorsten Nieberg

Menschliche Sicherheit

Touristen in Bangkok laufen an einem Soldaten vorbei. (© picture-alliance/dpa)

Das konventionelle Verständnis von Sicherheit beruht auf der Sicherheit des Staates und dem Schutz seines Territoriums und seiner Bevölkerung vor gezielten Angriffen anderer Staaten oder Individuen. Diese Definition von Sicherheit ist jedoch zu eingeschränkt. Sie kann die Bedrohungen, denen sich die Menschheit und einzelne Individuen heute ausgesetzt sehen, nicht adäquat erfassen. Dies betont auch der Bericht der Vereinten Nationen (VN) über die menschliche Entwicklung – der sogenannte Human Development Report – aus dem Jahr 1994. Darin heißt es:

Zu lange wurde das Verständnis von Sicherheit durch das Potenzial für Konflikte zwischen einzelnen Staaten geprägt [und] mit Bedrohungen für die Grenzen eines Staates gleichgesetzt. … Heutzutage [aber] entspringt für die meisten Menschen ein Gefühl von Unsicherheit eher aus Anliegen, die das tägliche Leben betreffen, als aus der Furcht vor einem weltumwälzen-den Ereignis. Arbeitsplatzsicherheit, Einkommenssicherheit, Gesundheits-schutz, Schutz vor Umweltkatastrophen und Schutz vor Kriminalität – das sind die herausragenden Anliegen menschlicher Sicherheit überall auf der Welt.[1]

Abb. 2: Das klassische/konventionelle und das neue/menschliche Konzept von Sicherheit im Vergleich
  Traditionelle nationale Sicherheit Menschliche Sicherheit
Quelle: Prezelj 2008 (Nachbildung durch den Autor)
Sicherheit für wen
(Referenzobjekt)
Vorrangig StaatenVorrangig Individuen
Werte, die auf dem Spiel stehen
(Sicherheit welcher Werte)
Territoriale Integrität und nationale UnabhängigkeitPersönliche Sicherheit und individuelle Freiheit
Sicherheit vor was
(Bedrohungen und Risiken)
Traditionelle Bedrohungen (militärische Bedrohungen, durch Staaten ausgeübte Gewalt)nicht-traditionelle aber auch traditionelle Bedrohungen
Sicherheit durch was (Mittel)(Militärische) Gewalt als vorrangiges Sicherheitsinstrument, unilateral von Staaten eingesetzt, um die eigene Sicherheit zu gewährleisten(Militärische) Gewalt als ein untergeordnetes Instrument, einzusetzen in Bündnissen und vorrangig für kosmopolitische Ziele; Sanktionen, menschliche Entwicklung und menschenwürdiges Regieren als Schlüsselinstrumente personenzentrierter Sicherheit
Einschätzung von MachtMachtgleichgewicht (balance of power) ist wichtig; Macht ist militärischem Potenzial gleichgestelltMachtgleichgewicht ist von eingeschränkter Nützlichkeit; weiche Macht (soft power) wird zunehmend wichtiger
Stellenwert von zwischenstaatlicher KooperationKooperation zwischen Staaten jenseits von Allianzen (die nicht der eigenen Position/Sicherheit dienen) ist gefährlichKooperation zwischen Staaten, internationalen Organisationen und NGOs kann effektiv und dauerhaft sein


Diese Aspekte greifen das Konzept der menschlichen Sicherheit auf, das aus dem politikwissenschaftlichen Teilbereich der Internationalen Beziehungen hervorging. Die Kommission für Menschliche Sicherheit (Commission on Human Security) hat dazu Folgendes angemerkt:

Menschliche Sicherheit beinhaltet viel mehr als nur die Abwesenheit gewaltsamer Konflikte. Sie umfasst Menschenrechte, verantwortungsvolle Regierungsführung (good governance), Zugang zu Bildung und Gesundheit sowie eine Gewährleistung, dass jedes Individuum die Freiheiten und Mög-lichkeiten hat, sein Potenzial zu entfalten.[2]

In der Vorstellung des Konzepts der menschlichen Sicherheit steigt die Sicherheit eines Staates dadurch, dass Menschen vor einer Reihe nicht-militärischer Bedrohungen geschützt werden, die gleichsam eine Quelle für Konflikte darstellen und folglich auch die Sicherheit des Staates gefährden könnten.[3] Das Konzept bietet durch seinen Fokus auf das Wohlergehen und die Würde des Menschen einen hilfreichen Bezugspunkt zur Beurteilung staatlicher Politik gegenüber der eigenen Bevölkerung, Expats eingeschlossen.

Abbildung 2 bietet einen Überblick über die verschiedenen Dimensionen des Konzepts menschlicher Sicherheit. Einige dieser Aspekte spiegeln auch die Sorgen und Bedürfnisse der deutschen Expats in Hongkong und Thailand wider, wie im Folgenden gezeigt werden wird.

Abb. 3: Die Dimensionen menschlicher Sicherheit und ihre Besonderheiten
Quelle: Darstellung des Autors basierend auf UNDP 1994b, S. 25-33
Wirtschaftliche SicherheitEin Gefühl von Sicherheit, das aus dem Zugang zu Arbeit oder einer relativ stabilen Beschäftigungssituation bzw. einem garantierten Mindesteinkommen entspringt, welches entweder durch diese Arbeit oder staatliche Wohlfahrt erzielt wird.
ErnährungssicherheitEin Gefühl von Sicherheit, das auf der Möglichkeit basiert, Zugang zu einer bestimmten Menge und Auswahl an Nahrung zu haben, die ausreicht, um die menschlichen Grundbedürfnisse abzudecken.
Gesundheitliche SicherheitEin Gefühl von Sicherheit, das auf dem Schutz vor Infektionen und Krankheiten beruht sowie auf der Möglichkeit des Zugangs zu professioneller medizinischer Versorgung.
UmweltsicherheitEin Gefühl von Sicherheit, das auf dem Schutz vor Gefahren basiert, die dem natürlichen Lebensumfeld entspringen. Dazu gehören plötzlich auftretende Gefahren wie Erdbeben, Wirbelstürme und Überschwemmungen ebenso wie sich über einen längeren Zeitraum entwickelnde Gefahren, z.B. Luftverschmutzung oder Wüstenbildung (Desertifikation).
Persönliche SicherheitEin Gefühl von Sicherheit, das auf dem Schutz der körperlichen und psychischen Integrität der Person beruht.
Sicherheit der GemeinschaftEin Gefühl von Sicherheit, das aus dem Bewusstsein hervorgeht, Teil einer größeren Gruppe von Menschen zu sein, die ähnliche Ansichten und Einstellungen haben.
Politische SicherheitEin Gefühl von Sicherheit, das damit einhergeht, Mitglied einer Gesellschaft zu sein, die nicht unterdrückt wird und in der die sie zusammenhaltenden Autoritäten die grundlegenden Menschenrechte wahren.


Dieser Text ist Teil des Kurzdossiers "Deutsche im Ausland - Expatriates in Hongkong und Thailand".

Fußnoten

1.
UNDP (1994a), S. 3 (Übersetzung des Autors aus dem Englischen).
2.
Commission on Human Security (2003), S. 4 (Übersetzung des Autors aus dem Englischen, Hervorhebung hinzugefügt).
3.
Hayes (2010), S. 91-92.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Thorsten Nieberg für bpb.de

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