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8.5.2017 | Von:
Sascha Schießl

Das Lager Friedland – vom Provisorium zum Museum

Grenzdurchgangslager für Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg, Entlassungslager für heimkehrende Kriegsgefangene, Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge – das Lager Friedland ist in seiner wechselvollen geschichte Zeuge verschiedenster Migrationsbewegungen nach Deutschland geworden. Das dokumentiert heute ein Museum.

Menschen mit Suchschildern hoffen auf Nachricht von ihren Vermissten, während Bundespräsident Heuss am 18.10.1955 in Friedland Heimkehrer begrüßt.Menschen mit Suchschildern hoffen auf Nachricht von ihren Vermissten, während Bundespräsident Heuss am 18.10.1955 in Friedland Heimkehrer begrüßt. (© picture-alliance/dpa)

Aus einem Provisorium unter vielen entwickelte sich Friedland zu dem langlebigsten Lager in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Es war zum einen eine komplexe Verwaltungseinrichtung, in der seit dem Herbst 1945 mehr als vier Millionen Menschen registriert wurden, die das Lager aus ganz unterschiedlichen Gründen durchliefen. [1] Zum anderen war das Lager als sogenanntes "Tor zur Freiheit" zeitweise ein wichtiger Bezugspunkt politischer Debatten, erinnerungskultureller Deutungen und emotionaler Zuschreibungen. Das Lager Friedland ist, seit Frühjahr 2016 um ein Museum ergänzt, [2] bis heute in Betrieb. Die Geschichte des Lagers lässt sich in vier, allerdings nicht allzu streng voneinander abgrenzbare Phasen unterteilen.

1. Das Lager als Provisorium

Die Bewältigung unmittelbarer Folgen des von Deutschland entfachten Zweiten Weltkrieges prägte die erste Phase von der Gründung des Lagers im September 1945 bis etwa 1947/48 . Nach Ende des Krieges waren Millionen von Menschen im besetzten Deutschland (wie auch in anderen Teilen Europas) unterwegs. Menschen, die nach dem Zusammenbruch des deutschen Besatzungsregimes aus dem östlichen Europa vertrieben worden oder von dort geflohen waren, befanden sich auf dem Weg von Ost nach West. Bewohner der Großstädte, die während des Krieges evakuiert worden waren oder als Angehörige der Wehrmacht und der deutschen Besatzungsverwaltungen im Einsatz gewesen waren, kehrten zurück. Darüber hinaus mussten die Alliierten befreite KZ-Insassen und Zwangsarbeiter in ihre Herkunftsländer zurückführen. Angesichts der enormen Zerstörungen am Ende des Krieges bemühten sich die Alliierten, den Zuzug in ihre jeweilige Zone zu begrenzen oder zumindest die Verteilung der eintreffenden Menschen zu regulieren. Nur auf diese Weise ließ sich, so die Überlegung, die Verbreitung von Krankheiten verhindern und die Versorgung der Menschen mit Nahrung und Obdach sicherstellen.[3]

Friedland, das die britische Militärverwaltung im September 1945 in der Nähe von Göttingen einrichtete, war dabei eines von unzähligen Lagern, das den alliierten Besatzungsverwaltungen dazu diente, die Kontrolle über die sich etablierenden innerdeutschen Grenzen zu gewinnen. Ganz in der Nähe trafen die britische, die sowjetische und die US-amerikanische Besatzungszone aufeinander. In diesen frühen Lagern wurden jene, die im besetzten Deutschland in alle Richtungen unterwegs waren, registriert, notdürftig versorgt und dann an ihre Bestimmungsorte weitergeleitet. Chaos und kurzfristiges Handeln zur Lösung akuter Herausforderungen prägten diese frühen Lager. Ein professionelles Verwaltungshandeln etablierte sich erst allmählich. Allein in Friedland wurden innerhalb des ersten Jahres mehr als eine Million Menschen betreut. Es dominierten Evakuierte, Flüchtlinge und Vertriebene. Allerdings lassen sich die Gruppen kaum klar voneinander abgrenzen. Während die überwiegende Zahl der Aufgenommenen auf dem Weg von Ost nach West war, bewegte sich eine anfangs beträchtliche, aber bis 1947/48 stark sinkende Zahl von Menschen in umgekehrter Richtung – also von der britischen in die sowjetische Besatzungszone.

Während die meisten der an den Zonengrenzen gelegenen Durchgangslager bald wieder geschlossen wurden, bestand Friedland neben einigen anderen fort. Mit der Ankunft der ersten geschlossenen Transporte entlassener Kriegsgefangener vor allem aus östlicher Internierung übernahm das Lager ab August 1946 nicht nur eine neue Aufgabe. Friedland entwickelte sich zu einem wichtigen Übergangspunkt zwischen Ost und West. Zudem hob es sich durch ein positives öffentliches Bild von vergleichbaren Einrichtungen ab und war in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft über das lokale und regionale Umfeld hinaus bekannt. Lagerleitung und Vertretung der Wohlfahrtsverbände verstanden das Lager schon früh als einen besonderen und eigenständigen Ort, dem, so die Selbstwahrnehmung, eine wichtige Aufgabe im Nachkriegsdeutschland zukam. Die Lagerleitung achtete penibel auf den Ruf der Einrichtung, während Friedland für die Lagerpfarrer ein beinahe weihevoller Ort war, den sie in ihren ausgedehnten und eigenständigen Spendenwerbungen entsprechend darstellten. Die Medien beförderten dieses Bild, was auch darauf zurückzuführen war, dass sich in Friedland immer wieder Berichtenswertes zutrug und sich zugleich emotionale Geschichten erzählen ließen.

2. Friedland als emotionaler Ort in der frühen Bundesrepublik

Die zweite Phase des Lagers war untrennbar mit der Aufnahme der letzten Kriegsgefangenen aus sowjetischer Internierung verbunden. Das Schicksal vermisster deutscher Soldaten und die Frage der Entlassung der letzten Kriegsgefangenen gehörten zu den zentralen gesellschaftlichen Themen der Nachkriegszeit, die in vielfältiger Weise politisch instrumentalisiert wurden. Friedland, das im August 1946 die ersten Transporte registriert hatte, war seit Ende der 1940er Jahre das zentrale Entlassungslager für diese sogenannten "Heimkehrer". Die letzten großen Transporte mit Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion erfolgten zwischen September 1953 und Februar 1954 sowie zwischen Oktober 1955 und Januar 1956. Beide Entlassungswellen, insbesondere die so bezeichnete "Heimkehr der Zehntausend" ab Herbst 1955, waren mediale und politische Großereignisse, die den Bekanntheitsgrad des Lagers noch einmal erhöhten. Die Entlassenen wurden weitgehend als Opfer verklärt, die sowjetisches Unrecht heldenhaft überstanden hätten. Nach den Taten einzelner Entlassener wurde zunächst kaum gefragt. Dabei gehörten zu ihnen NS-Parteigrößen, Wehrmachtsgeneräle, KZ-Ärzte und –Wachmannschaften sowie Einsatzgruppenleiter, die für die Ermordung der jüdischen Bevölkerung im östlichen Europa unmittelbar verantwortlich waren. Allerdings wurden diese Kriegsverbrechen von den Inszenierungen im Umfeld des Lagers weitgehend überdeckt.

Friedland war, zumindest für einen kurzen Zeitraum, in aller Munde. Die Akteure vor Ort – Lagerleitung und Lagerpfarrer – waren gefragte Ansprechpartner für Politik, Verwaltungen und Medien. Die Bilder von der sogenannten "Heimkehr der Zehntausend" ab Oktober 1955 gingen in das kulturelle Gedächtnis der Bundesrepublik ein.[4]

3. Die Aufnahme der Aussiedler. Friedland als Verwaltungsbehörde

Die dritte Phase des Lagers setzte etwa Ende der 1950er Jahre ein. Friedland war nun fast ausschließlich für die Aufnahme von Aussiedlern aus dem östlichen Europa zuständig. Diese Gruppe wurde seit dem März 1950 durch das Lager geschleust. Die Aussiedler wurden von der Bundesrepublik als "deutsche Volkszugehörige" aufgenommen, die noch nach dem offiziellen Ende der Vertreibungsmaßnahmen als Minderheiten in Polen, der Sowjetunion und anderen osteuropäischen Staaten lebten. Sie hatten in den allermeisten Fällen entweder vormals eine deutsche Staatsangehörigkeit besessen, waren während des Zweiten Weltkriegs von den deutschen Besatzungsbehörden im Zuge der Germanisierungspolitik als "Volksdeutsche" betrachtet worden oder konnten glaubhaft machen, Angehörige einer deutschen Minderheit im östlichen Europa zu sein.

Die Friedländer Lagerverwaltung war für die Registrierung, Versorgung, gesundheitliche Überprüfung, Beratung und Weiterleitung der Aussiedler zuständig und stand im Austausch mit Kommunal- und Landesverwaltungen, wenn unklar war, nach welchen Kriterien die Ankommenden als "deutsche Volkszugehörige" zu kategorisieren waren.

Im Gegensatz zu den Kriegsheimkehrern standen die Aussiedler, obwohl zahlenmäßig die viel größere Gruppe, weit seltener im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Da die Bundesregierung aus außen- wie innenpolitischen Gründen seit Anfang der 1950er Jahre nicht klar kommunizierte, aus welchen Gründen und auf welcher Grundlage diese Gruppe aufgenommen wurde, und sich auch keine Interessengruppe in dieser Frage lautstark positionierte, blieb das öffentliche Bild diffus. Darüber hinaus verloren mit dem Wandel der bundesdeutschen Erinnerungskultur seit Ende der 1950er Jahre die Bezüge auf so verstandene deutsche Opfer des Krieges und seiner Folgen allmählich an gesellschaftlicher Bedeutung. Friedland, das noch kurz zuvor als ein emotionaler Ort verstanden worden und in aller Munde gewesen war, bot nun nicht länger einen Anknüpfungspunkt für die dominierende politische und öffentliche Debatte jener Jahre. Das Lager geriet mehr und mehr aus dem öffentlichen Bewusstsein. Die Friedländer Wohlfahrtsverbände kompensierten diesen Bedeutungsverlust, indem sie betonten, dass mit den Aussiedler*innen weiterhin hilfsbedürftige Menschen im Lager betreut würden. An gesellschaftlichen Debatten und politischen Entscheidungsprozessen, in die sie noch in den 1950er Jahren einbezogen waren, hatten Friedländer Akteure nun aber keinen Anteil mehr.

Die Möglichkeiten der Aussiedler, in die Bundesrepublik auszureisen, schwankten in den kommenden Jahrzehnten. Wie durchlässig der Eiserne Vorhang war, hing von den Entwicklungen des Kalten Krieges und den jeweiligen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und den Ausreisestaaten ab. Nach einer kurzen Hochphase 1957/58, in der jeweils mehr als 100.000 Aussiedler in Friedland registriert wurden, sank die Zahl der Betreuten zunächst wieder, um dann im Zuge der Neuen Ostpolitik unter den Bundeskanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt in den 1970er Jahren wieder anzusteigen. Mit Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow konnten seit Ende der 1980er Jahre auch Angehörige jener deutschen Minderheiten in die Bundesrepublik ausreisen, denen diese Möglichkeit bis dahin nicht offen gestanden hatte. Dies führte zu einem neuen Anstieg der Aussiedlerzahlen, der sich mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs fortsetzte. Nachdem in den 1990er Jahren die Bedingungen, unter denen Menschen als Aussiedler in die Bundesrepublik kommen konnten, verschärft wurden, sank die Zahl der Aufnahmen deutlich. Gleichwohl werden bis heute jährlich einige tausend Aussiedler aus Osteuropa und Westsibirien in Friedland registriert.

4. Friedland und internationale Konflikte

Neben der Aufnahme der Aussiedler wurde Friedland– zum Teil durch die Bundesregierung, zum Teil durch die niedersächsische Landesregierung – immer dann als Aufnahmeort für internationale Flüchtlinge herangezogen, wenn es nicht anderweitig ausgelastet war. Zu den bekanntesten Gruppen, die im Kontext internationaler Krisen aufgenommen wurden, gehörten Flüchtlinge aus Ungarn nach dem dortigen Aufstand Ende 1956, [5] chilenische Flüchtlinge nach dem Sturz der Allende-Regierung 1973 [6] sowie vietnamesische boat people Ende der 1970er Jahre. Ihre Aufnahme stand dabei nicht mehr in einem Zusammenhang mit der Bewältigung spezifischer Kriegsfolgen, wie dies noch bei den Flüchtlingen und Vertriebenen, Evakuierten, entlassenen Kriegsgefangenen sowie den Aussiedler*innen der Fall gewesen war.

Im Jahr 2009 nahm die Bundesregierung Kontingentflüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland Irak auf. Dieser Entscheidung folgten weitere Aufnahmeprogramme, bis schließlich die niedersächsische Regierung im Jahr 2011 im Lager eine Landesaufnahmebehörde für jene Asylbewerber einrichtete, die abseits dieser konzertierten Aktionen eintrafen und die das Land nach dem vereinbarten Verteilungsschlüssel zu übernehmen hatte. Zeitgleich baute das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Friedland eine Außenstelle auf. Damit haben sich die Aufgaben des Lagers noch einmal nachhaltig verändert. Denn die Registrierung und Weiterleitung der nach wie vor in geringer Zahl eintreffenden Aussiedler prägt Friedland heute kaum mehr. Seit Mitte 2015 werden vor allem Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan in Friedland betreut. Zeitweise war das Lager massiv überbelegt, was wie andernorts zu chaotischen Zuständen führte. Diese neue Aufgabe verbindet das Lager eng mit aktuellen Debatten um die deutsche und europäische Flüchtlings- und Grenzpolitik sowie mit der Frage, wie aufnahmewillig die Gesellschaft sein will.

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Fußnoten

1.
Vgl. für die Geschichte des Lagers Schießl, Sascha (2016): "Das Tor zur Freiheit. Kriegsfolgen, Erinnerungspolitik und humanitärer Anspruch im Lager Friedland (1945-1970). Göttingen.
2.
http://www.museum-friedland.de
3.
Zur Situation bei Kriegsende siehe Bessel, Richard (2009): Germany 1945. From War To Peace. London.
4.
Schießl, "Das Tor zur Freiheit", S. 159-299. Zur Bedeutung der Kriegsheimkehrer für die frühe Bundesrepublik siehe einführend Biess, Frank (2006): Homecomings. Returning POWs and the legacies of defeat in postwar Germany. Princeton.
5.
Zu den Ereignissen in Ungarn siehe Lendval, Paul (2006): Der Ungarnaufstand 1956. Die Revolution und ihre Folgen. München. Zu den Flüchtlingen Csík, Sándor: Die Flüchtlingswelle nach dem Ungarn-Aufstand 1956 in die Bundesrepublik. In: Deutsch-Ungarische Gesellschaft (Hg.): Almanach II (2003-2004), S. 207-246.
6.
Wojak, Irmtrud / Holz, Pedro (2000): Chilenische Exilanten in der Bundesrepublik Deutschland (1973–1989). In: Jahrbuch der Gesellschaft für Exilforschung, Nr. 18, S. 168–190.

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