Koffer

17.10.2017 | Von:
Jenny Kuhlmann

Exil, Diaspora, Transmigration

Diaspora und Transmigration

Anfang der 1990er Jahre löste sich im Zusammenhang mit Debatten um Globalisierungstheorien und Phänomenen des Transnationalismus der zuvor grundsätzlich negativ besetzte Begriff Diaspora semantisch von den historischen Exilerfahrungen des jüdischen Beispiels, das bis dahin die Vorlage vieler Definitionsansätze zur Beschreibung dessen, was eine Diaspora ausmacht, war. Kritik an der essenzialisierenden Benutzung des Terminus (auf die jüdische und nur wenige weitere historische Erfahrungen beschränkt)[19] ging einher mit der gleichzeitigen Tendenz, Diaspora als Sammelbegriff für eine Vielzahl verschiedenster Migrationsphänomene, -praktiken und -formen zu verwenden, die seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu beobachten sind, einschließlich für Immigranten, Flüchtlinge, "Gastarbeiter" und ethnische Minderheiten. Die Frage nach Freiwilligkeit beziehungsweise Unfreiwilligkeit im Migrationsprozess war dabei wesentlich in der Diskussion um die Abkehr von der Vorstellung einer Diaspora als Exilgemeinschaft. So argumentierten Wissenschaftlerinnen wie Michele Reis, dass Exil, traumatische Erfahrungen und kollektive Identität zwar für klassische Diasporas (wie die jüdische oder auch die durch den atlantischen Sklavenhandel im 16. Jahrhundert entstandene afrikanische Diaspora)[20] zentral wären, die Migration heutiger Diasporagruppen jedoch nicht zwangsläufig eine permanente Trennung vom Heimatland oder eine tief greifende Entwurzelung bedeute. Eine solche Definition werde den Erfahrungen heutiger Diasporagruppen somit nicht gerecht.[21]

Der Begriff Diaspora wurde zunehmend in die semantische Nähe des in den 1990er Jahren populär werdenden Konzepts Transnationalismus beziehungsweise Transmigration gerückt. Der Begriff transmigrant beziehungsweise transnational migrant findet heute breite Verwendung in der Migrationsforschung, um eine Form von Migranten zu beschreiben, die mannigfaltige Beziehungen aufbauen und unterhalten, die die Gesellschaften ihrer Herkunftsländer mit denen ihrer Aufenthaltsländer verbinden.[22] Anders als Immigranten lassen sie ihre Heimat nicht hinter sich und assimilieren sich in ihrer Aufnahmegesellschaft. Sie agieren über wirtschaftliche, soziale, kulturelle, ethnische, politische und nationale Grenzen hinweg in einem transnationalen Raum, der sowohl das Herkunfts- als auch das Aufenthaltsland einbezieht. Ihr Zugehörigkeitsgefühl beschränkt sich nicht auf ihren Herkunftsort. Während Diasporen bereits eine spezifische, heimatlandbezogene Identität besitzen, die sie von der Aufnahmegesellschaft unterscheidet und die sie in Abgrenzung zur Aufnahmegesellschaft zu erhalten beziehungsweise zu erneuern versuchen, umschließt die Identität von Transmigranten vielmehr die Zugehörigkeit zu beiden Orten, hier und dort. Für Transmigranten besteht keine Notwendigkeit, neue Wurzeln zu schlagen, da sie nie entwurzelt wurden. Sie sind sowohl in Bezug auf ihre Identität als auch physisch in beiden Ländern zu Hause.

Die Debatten um einen Paradigmenwechsel in der wissenschaftliche Literatur weg vom starren Konzept von Diaspora als nation-in-exile hin zu einer semantischen Erweiterung des Begriffs hinterließen der Migrationsforschung jedoch eine Reihe uneindeutiger Merkmalszuschreibungen für Diasporas im auslaufenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert. Charakteristika, wie die Zerstreuung einer Gruppe, die einen gemeinsamen nationalen, kulturellen oder ethnischen Ursprung teilt, über mindestens zwei verschiedene Länder und die Unterhaltung von Netzwerkbeziehungen zwischen diesen verschiedenen Orten sowie symbolische oder reale Beziehungen zum Heimatland, treffen auf verschiedenste Migrationsformen zu, einschließlich der Transmigration. Warnungen vor dem inflationären Gebrauch des Begriffs Diaspora beziehungsweise seiner unkritischen und unreflektierten Anwendung auf jedwede Art globaler Zerstreuung oder Form der Migration wurden lauter.[23] Die allgemeine wissenschaftliche Kritik bestand folglich darin, dass das Konzept von Diaspora mit einem solchen vagen Merkmalskatalog seinen theoretischen Definitionsgehalt und seine analytische Nützlichkeit verliere. Eine konzeptionelle Unterscheidung zwischen Transmigranten und Diasporen würde somit kaum noch möglich, wenn wesentliche Aspekte wie die der eigenständigen kulturellen Identität, der symbolischen Zugehörigkeit, Loyalität und emotionalen Beziehung beziehungsweise Verbundenheit mit dem Heimatland an definitorischer Bedeutung einbüßten.

Auch wenn der häufig diskutierte Vorschlag des Politikwissenschaftlers William Safran, den Exilcharakter von Diaspora als Definitionsgrundlage beizubehalten,[24] um den Begriff als analytische Kategorie sinnvoll zu erhalten,[25] weithin als zu rigide Einschränkung betrachtet wurde, besteht in der aktuellen Diasporaforschung doch eine breite Zustimmung zur Notwendigkeit, das Konzept von Diaspora nicht zu vage zu fassen, um es von Transnationalisierung beziehungsweise Transmigration unterscheiden zu können.

Schlussbetrachtung

Wie ich dargelegt habe, gibt es wesentliche konzeptionelle und terminologische Überschneidungen der Begriffe Exil, Diaspora und Transmigration. Die Konzepte weisen viele gemeinsame Merkmale auf und sind daher nicht klar voneinander trennbar. Sie sind jedoch auch keine Synonyme und ihre Unterschiede sind entscheidend. Die konzeptionelle Gemeinsamkeit aller drei Begriffe liegt darin, dass sie Migrationsbewegungen von Menschen über Grenzen hinweg beschreiben. Zudem beziehen sich alle drei Begriffe auf die Erfahrungen der geografischen Trennung vom und der Neuverortung außerhalb des Herkunftsortes sowie der damit einhergehenden Aushandlung von (unter anderem nationalen, sozialen und kulturellen) Identitäten. Dabei unterscheiden sich Exilierte, Diasporen und Transmigranten jedoch deutlich in ihrem Verständnis von Zugehörigkeit und der Vorstellung von Heimat. Der Beitrag verdeutlicht auch, dass die Bedeutungen der diskutierten Begriffe nicht statisch sind, sondern durchaus semantischem Wandel unterliegen. Während sich zum Beispiel der Begriff Diaspora ursprünglich konkret auf das Exil des jüdischen Volkes und seine Zerstreuung außerhalb des historischen Heimatlandes bezog, findet er heute zunehmend Anwendung auf transnationale Migrationsformen.

Trotz (oder gerade wegen) aller semantischen und konzeptionellen Gemeinsamkeiten der drei diskutierten Begriffe bleibt es eine Aufgabe der aktuellen Migrationsforschung, auch die wesentlichen Unterschiede von Exil, Diaspora und Transmigration als wichtige Kategorien dieses Forschungsfeldes herauszustellen, um eine klarere, analytisch sinnvolle Typologie verschiedener Migrationsformen zu erarbeiten – eine Typologie, die nicht starr ist (und nicht sein kann), aber es der theoretischen und empirischen Migrationsforschung ermöglicht, die Mannigfaltigkeit globaler Bewegungsphänomene besser erfassen und verstehen zu können sowie der Herausforderung eines nuancierten Verständnisses von historischen und gegenwärtigen Migrationsphänomenen gerecht zu werden.


Der Beitrag wurde aus der APuZ "Exil" (APuZ 42/2014) übernommen.

Fußnoten

19.
Vgl. u.a. Gabriel Sheffer, Diaspora Politics: At Home Abroad, Cambridge u.a. 2003.
20.
Vgl. Ruth Mayer, Diaspora: Eine kritische Begriffsbestimmung, Bielefeld 2005.
21.
Vgl. Michele Reis, Theorizing Diaspora: Perspectives on "Classical" and "Contemporary" Diaspora, in: International Migration, 42 (2004) 2, 41–60, hier: S. 47.
22.
Vgl. Nina Glick Schiller/Linda G. Basch/Cristina Szanton Blanc, Towards a Transnational Perspective on Migration, New York 1992.
23.
Vgl. u.a. Jana Evans Braziel/Anita Mannur, Nation, Migration, Globalization: Points of Contestation in Diaspora Studies, in: dies., Theorizing Diaspora: A Reader, Malden 2003, S. 1–22.
24.
Einschließlich des unfreiwilligen Verlassens der Heimat, der Heimatlandorientierung und dem Wunsch nach Rückkehr sowie eines sich auf diese Erfahrungen beziehenden und sich von der Aufnahmegesellschaft unterscheidenden Gemeinschaftsbewusstseins, das die kollektive Identität und Solidarität prägt.
25.
Vgl. William Safran, Diasporas in Modern Societies, in: Diaspora, 1 (1991) 1, S. 83–99.

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