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28.11.2017 | Von:
Marieke Volkert

Diasporagruppen in Deutschland: Leben im Spannungsfeld von Aufnahme- und Herkunftsland

Die ghanaische Diaspora als Beispiel für afrikanische Diaspora-Gruppen

Mit der Nutzung des Begriffs Diaspora für politisch gut organisierte nationale Minderheitengruppen, die transnational agieren, erfolgt eine weitere Öffnung des Begriffs im öffentlichen Diskurs. Darunter fallen in Deutschland etwa verschiedene afrikanische Gruppen. Es wird exemplarisch die ghanaische Diaspora betrachtet, die bereits seit mehreren Jahren in Deutschland aktiv ist und zu den etablierten Diasporagruppen gezählt wird.[24]

Unter allen in Deutschland lebenden AusländerInnen stellten EinwanderInnen aus Afrika 2016 mit fünf Prozent (etwa 500.000 Personen) eine Minderheit dar. Auf Basis des Mikrozensus, der zusätzlich Eingebürgerte und deren Nachkommen in die Schätzung mit einbezieht, leben etwa 750.000 Personen mit einem afrikanischen Migrationshintergrund in Deutschland, davon stammen vermutlich 6,4 Prozent aus Ghana.[25] 2015 wurde die Zahl von Personen mit ghanaischem Migrationshintergrund in Deutschland auf 70.000 bis 80.000 geschätzt.[26] Im Zuge anhaltender wirtschaftlicher Probleme in Ghana und der zeitgleichen Ausweisung hunderttausender Ghanaer aus Nigeria in den 1980er Jahren kam es zu einer verstärkten Auswanderung in angrenzende Nachbarstaaten, aber auch nach Amerika und Europa. Nach Deutschland wanderten die meisten Ghanaer als Arbeitskräfte ein, weitere kamen als Asylsuchende ins Land.[27]

Trotz ihrer zahlenmäßig geringen Größe wird die ghanaische Diaspora in Deutschland als besonders bedeutsam angesehen.[28] Dies liegt nicht zuletzt an der über lange Jahre gewachsenen Vereinskultur und dem zivilgesellschaftlichen Engagement von GhanaerInnen seit etwa 2002.[29] Von Seiten des ghanaischen Staats werden vor allem finanzielle Zuwendungen durch die ghanaische Diaspora positiv bewertet. Wohl aufgrund dessen hat sich die angespannte Beziehung zwischen dem ghanaischem Staat und im Ausland lebenden GhanaerInnen mittlerweile erheblich verbessert. Der ghanaische Staat kommt im Ausland lebenden Bürgern durch die Gewährung einer doppelten Staatsbürgerschaft und Wahlrecht auch im Ausland entgegen und begrüßt die Organisation der ghanaischen Diaspora weltweit.[30]

Neue Diasporagruppen in Deutschland, das Beispiel syrischer EinwanderInnen

Inzwischen etablieren sich in Deutschland neue Gruppen als Diaspora, allen voran Menschen, die seit 2015 nach Deutschland geflüchtet sind und hier Asyl suchen. Die größte Gruppe bilden dabei SyrerInnen. Seit 2007 haben in Deutschland 488.685 Personen aus Syrien politisches Asyl in Deutschland beantragt, 86 Prozent davon alleine in den Jahren 2015 und 2016[31]. Damit wächst die Gruppe von Personen, die aus Syrien kommt, zu einer bedeutenden und sichtbaren Größe in Deutschland an. Neu ankommende SyrerInnen treffen dabei auf SyrerInnen, die z.T. schon vor vielen Jahrzehnten vor allem als BildungsmigrantInnen nach (Ost- und West-)Deutschland einwanderten. Vor Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs leben in Deutschland ca. 30.000 Menschen mit syrischer Staatsangehörigkeit.[32] Hinzu kommen eingebürgerte Personen und Nachfahren von eingewanderten SyrerInnen mit deutscher Staatsbürgerschaft. Die zum Teil schon seit den frühen 1990er Jahren existierenden Migrantenselbstorganisationen innerhalb dieser syrischen Diaspora erleben derzeit mit der verstärkten Einwanderung aus Syrien eine Vervielfältigung und Diversifizierung: Die bestehenden Vereine erhalten seit einigen Jahren enormen Zulauf und es entstehen dutzende neue Vereine, die sich um politische, humanitäre, kulturelle und entwicklungspolitische Belange kümmern. Dabei ist der Fokus der Arbeit der organisierten Diaspora in den meisten Fällen, wie die "klassische" Definition von Diaspora vorsieht, das Heimatland Syrien selbst: Es werden die politische Zukunft geplant, direkte humanitäre Hilfe organisiert oder entwicklungspolitische Wiederaufbauprojekte mit Mitteln aus Deutschland vorangetrieben.[33]

Wann gilt eine Gruppe als Diaspora?

Anhand der gewählten Beispiele wird deutlich, dass sich das Verständnis, welche Minderheitengruppen als Diaspora verstanden wird, seit den 1960er Jahren geweitet hat. Diasporagruppen werden demnach nicht mehr zwingendermaßen durch den leidvollen Verlust der Heimat beschrieben. Das wichtigste verbindende Element, das auf alle hier vorgestellten Gruppen zutrifft, ist hingegen der Bezug auf eine gemeinsame Nation. Durch den Bezug auf eine andere Heimat agieren Diasporagruppen im Spannungsfeld zwischen Aufnahme- und Herkunftsland bzw. -region.

Im Vergleich der kurdischen gegenüber der ghanaischen Diaspora wird deutlich, welche Rolle die außenpolitische Ausrichtung Deutschlands spielt. Im Falle der kurdischen Diaspora ist eine konkrete Entsprechung in einem Staat bislang nicht gegeben, obwohl im Irak wie auch in Syrien autonome kurdische Gebiete bestehen. Da die Türkei als Bündnispartner Deutschlands gilt, wird von Seiten des deutschen Staates die kurdische Bewegung nicht unterstützt. Dies zeigt sich etwa in zwei Kleinen Anfragen der linken Abgeordneten Ulla Jelpke, die eine stärkere Unterstützung von in Deutschland lebenden KurdInnen befürwortet. Aus der Antwort der Bundesregierung geht hervor, dass eine stärkere Förderung der kurdischen Community in Deutschland weder stattfindet, noch geplant ist.[34] Im Gegensatz dazu wird die ghanaische Diaspora in Deutschland aktiv gefördert, etwa durch das "Programm Migration für Entwicklung (PME)" des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).[35] Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass die ghanaische Diaspora weder von Seiten Deutschlands, noch von Seiten Ghanas infrage gestellt wird und deren Förderung von beiden Staaten als zuträglich eingeschätzt wird.

Diaspora wird damit im öffentlichen Diskurs als Begriff mit einer politischen Botschaft verwendet. Die Selbstbezeichnung einer Minderheitengruppe als Diaspora weist auf ein eigenes nationales Gruppenverständnis hin. Gleichzeitig werden Gruppen von außen als Diaspora bezeichnet, wenn der Gruppe diese politischen Ausrichtung auch zugestanden wird. Beide Aspekte wirken sich auf den politischen Handlungsspielraum der Diasporagruppe aus.

Fußnoten

24.
Mörath (2016), S. 119.
25.
Prothmann und Kreienbrink (i.E.), S. 4ff.
26.
Mörath (2016), S. 12.
27.
Nieswand (2009), S. 18f; Prothmann (i.E.), S.962.
28.
Mörath (2016), S. 38.
29.
Mörath (2016), S. 119.
30.
Nieswand (2009), S. 20f.
31.
Lederer (2017), S. 17.
32.
Statistisches Bundesamt (2017).
33.
vgl. z. B. Verband Deutsch-Syrischer Hilfsvereine e.V. (2017).
34.
Deutscher Bundestag (2011); Deutscher Bundestag (2000).
35.
Mörath (2016), S. 6.
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