Koffer

1.9.2006 | Von:
Stefanie Hertlein
Florin Vadean

Auswirkungen der Rücküberweisungen auf Armut, Einkommensverteilung und Wachstum

Ausgabeverhalten

Die neue Einkommenssituation der Rücküberweisungsempfänger hat ebenfalls Einfluss auf das Ausgabeverhalten. Die zusätzlichen finanziellen Mittel werden vor allem für den täglichen Konsum, den Hausbau, den Landerwerb, für die medizinische Versorgung und die Bildung der Kinder ausgegeben. Nur ein kleiner Teil des Geldes wird gespart und eventuell in Investitionen gesteckt. Der Hauptanteil wird jedoch für die Deckung des Lebensunterhaltes ausgegeben. Lange Zeit wurde die Meinung vertreten, dass diese Ausgabenstreuung in Konsumgüter keine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung bewirke. Aktuelle wirtschaftliche Untersuchungen weichen vermehrt von dieser Meinung ab. Die Ausweitung der Haushaltsausgaben fördere die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen, was möglicherweise die Produktion anrege und neue Arbeitsplätze schaffe. Diese These konnte bereits durch wirtschaftliche Untersuchungen belegt werden, die der Konsumsteigerung einen Multiplikatoreffekt nachsagen (vgl. unten).

Den zweitgrößten Ausgabeposten machen Hausbau und Landerwerb aus. Neben den positiven Anstößen für den Bausektor kann dieser Trend jedoch auch negative Folgen haben, wie beispielsweise an Ägypten zu sehen ist: Hier erhöhten sich die Preise für landwirtschaftliche Nutzflächen zwischen 1980 und 1986 um 600%, weil die Nachfrage durch Rücküberweisungen gestiegen war. Eine solche Zunahme der Nachfrage nach nicht handelbaren Gütern wie Grundstücke und Immobilien kann zu einem Anstieg des allgemeinen Inflationsniveaus führen. Ähnlich nachteilige Auswirkungen werden festgestellt, wenn die zusätzliche Nachfrage nicht durch die inländische Produktion befriedigt werden kann. Dies kann einen Zuwachs der Importe und/oder eine Aufwertung der realen Wechselkurse zur Folge haben, welches die Binnenproduktion beeinträchtigt, da Exporte im internationalen Vergleich teurer werden und weniger wettbewerbsfähig sind. Sehr starke Ausschläge in diese Richtung sind jedoch noch nicht empirisch nachgewiesen worden.

Bildung und Gesundheit

Viele Experten sehen den Beitrag von Rücküberweisungen in der zukunftsweisenden Stärkung von Bildung und Gesundheit. Ein beträchtlicher Teil fließt in die Schulausbildung der im Herkunftsland verbliebenen Kinder. Durch eine Vielzahl an Studien konnte belegt werden, dass das Bildungsniveau der jungen Generation deutlich gestiegen ist. Der erhöhte Mittelzufluss während der Finanzkrise in Asien führte zum Beispiel auf den Philippinen zu einem deutlichen Anstieg der Einschulungsrate, zu einem Rückgang der Kinderarbeit sowie zu einer generellen Steigerung des Ausgabenanteils für Bildung. Schätzungen für El Salvador besagen, dass durch Rücküberweisungen im Vergleich zu anderen inkommensarten die Wahrscheinlichkeit eines verfrühten Schulabganges im urbanen Bereich um 10% abnimmt.

Die tatsächlichen Auswirkungen von höheren Gesundheitsausgaben sind nur schwer zu ermessen. Es bleibt offen, ob in Mexiko der mit Migration in Verbindung gebrachte Rückgang der Kindersterblichkeit und das höhere Gewicht von Neugeborenen nicht auch durch andere Faktoren begünstigt wurden. Für Gesundheit und Bildung sind - neben der stärkeren finanziellen Förderung - vor allem die Sensibilisierung und der Wissenserwerb der im Ausland weilenden Angehörigen von entscheidender Bedeutung.

Investitionen

Ein weiterer Pfeiler dauerhafter Entwicklung ist die Akkumulation von Sachkapital, wofür Neuinvestitionen notwendig sind. Die Finanzierung unternehmerischer Tätigkeiten würde in diesem Zusammenhang die stärksten Impulse für Kapitalbildung und Beschäftigungszunahme in den jeweiligen Volkswirtschaften hervorrufen. Sie rangiert jedoch bei den Entscheidungen über Ausgaben auf einem der hinteren Plätze. Für Mexiko zeigen Studien, dass sogar 95% der monetären Rückflüsse für Konsum verwendet und lediglich 5-8% für spätere Investitionen gespart werden. Trotz der geringen Sparquote scheinen sich die Rücküberweisungen positiv auf Unternehmensgründungen in Mexiko auszuwirken. Bei der Untersuchung kleiner mexikanischer Firmen in urbanen Gebieten konnte festgestellt werden, dass Rücküberweisungen fast 20% des gesamten Kapitalstockes ausmachen.

Die relativ weit verbreitete Kritik, Rücküberweisungen würden sehr wenig zu nachhaltigen Strukturverbesserungen und damit zur Entwicklung beitragen, ist hingegen durchaus berechtigt. Den Investitionsanteil zu steigern, ist gewiss eine Herausforderung für die Zukunft. Der berufliche Wechsel der Migranten zum Unternehmetum hat sich dabei als wenig erfolgreich erwiesen. Den nationalen Regierungen obliegt es daher, einen gesunden Finanzsektor und ein freundlicheres Investitionsklima zu schaffen, um damit die allgemeinen Sparquoten (auch aus Rücküberweisungen) und die Investitionen zu steigern.

Gezielte Emigrationspolitik in den Philippinen Von vielen Seiten wird häufig gefordert, das Entwicklungspotenzial von Rücküberweisungen durch politische Strategien zu optimieren. Bis jetzt haben nur wenige Staaten offizielle Maßnahmen bezüglich Migration und Rücküberweisungen ergriffen. Die Philippinen sind eines der wenigen Länder, die schon seit Jahrzehnten die Emigration gezielt steuern. Das Overseas Employment Program fördert und regelt bereits seit 1974 die temporäre Arbeitsmigration. Anfänglich wurden im Zuge des Öl-Booms viele Kontraktarbeiter in den Mittleren Osten entsandt, um damit die Arbeitslosigkeit zu reduzieren und den Zufluss ausländischer Devisen zu steigern. Die heutige Begründung für das bestehende Programm stützt sich auf die Bekämpfung irregulärer Migration und Prostitution sowie auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Aufnahmeland. Nach Regierungsangaben hielten sich im Jahr 2004 mehr als 7,3 Mio. Filipinos im Ausland auf. Das entspricht 8% der nationalen Bevölkerung. Die offiziell erfassten Rücküberweisungen belaufen sich auf 5,2% des BIP. Die Hauptzielländer sind nach wie vor Saudi Arabien und Kuwait; private und staatliche Einrichtungen vermitteln die Arbeitsemigranten jedoch auch in andere Staaten weltweit. Seit den 1990er Jahren stärkt die Regierung auf Druck der Bevölkerung und von außen die Rechte und das Sozialwesen für philippinische Arbeitnehmer im Ausland. Es wurden zusätzlich vorbereitende Kurse eingeführt, die über Arbeitsbedingungen und die Rechtslage in den Empfängerländern aufklärt, um die Arbeitsmigranten vor Ausbeutung zu schützen. Um weitere Rücküberweisungsaktivitäten zu fördern, wurde ein spezieller Ausweis mit Bankkonto und integrierter Visa-Karte eingeführt, was eine kostengünstige Überweisung ermöglicht. Die Überweisungsgebühren betragen dabei weniger als 3 US$ und die Wechselkurse sind marktgesteuert. Die Bewertung der philippinischen Emigrationspolitik ist durchwachsen. Der Steuerung wird Modellcharakter für temporäre Migration attestiert, da sie es im Vergleich zu Maßnahmen anderer Staaten geschafft hat, einen geordneten und geschützten Migrantenstrom hervorzubringen. Trotzdem werden auch kritische Stimmen laut. Diese sehen das Ziel - die Beseitigung irregulärer Auswanderung - nicht erfüllt, sondern machen auf zwei parallel verlaufende Abwanderungsströme aufmerksam. Zusätzlich seien die sozialen Kosten des brain drain erheblich, und auch nach fast drei Jahrzehnten Emigrationspolitik konnte kein nachhaltiger Wandel im Inland herbeigeführt werden.


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