Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

11.6.2012 | Von:
Vera Hanewinkel

Deutschland: Gute Arbeitsmarktchancen für Migranten

Einer europaweiten Studie zufolge ist die Arbeitsmarktsituation von Einwanderern in Berlin und Stuttgart besser als in vielen anderen europäischen Städten.

Studie

Im Rahmen der von der Brüsseler Migration Policy Group (MPG) koordinierten Studie "Immigrant Citizens Survey“ wurden zwischen Oktober 2011 und Januar 2012 europaweit rund 7.000 Einwanderer zu ihren persönlichen Integrationserfahrungen befragt. Die Untersuchung konzentrierte sich auf 15 Städte in insgesamt sieben EU-Mitgliedsländern. Neben Deutschland (Berlin und Stuttgart) waren dies Belgien (Antwerpen, Brüssel, Lüttich), Frankreich (Lyon, Paris), Ungarn (Budapest), Italien (Mailand, Neapel), Portugal (Faro, Lissabon) und Spanien (Barcelona, Madrid).

Für Stuttgart und Berlin koordinierte der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) die Befragung. Insgesamt wurden in den beiden Städten 1.200 Interviews mit Zuwanderern aus Nicht-EU-Staaten geführt. Dabei wurden die Migranten zu ihren Erfahrungen in den Bereichen Arbeitsmarkt, Spracherwerb, politische Partizipation, Aufenthaltsrecht, Einbürgerung und Familienzusammenführung befragt. Insbesondere hinsichtlich der Arbeitsmarktintegration von Zuwanderern kam die Untersuchung im europäischen Vergleich zu bemerkenswerten Ergebnissen.

Arbeitsmarktintegration

Die Integration auf dem Arbeitsmarkt gehört zu den Schlüsselfaktoren in Bezug auf gesellschaftliche Teilnahmechancen nicht nur von Zuwanderern. Studien u. a. der OECD haben in der Vergangenheit immer wieder auf die unzureichende Arbeitsmarktintegration von Zuwanderern in Deutschland hingewiesen (vgl. MuB 6/07). Die Ergebnisse des "Immigrant Citizens Survey“ legen jedoch nahe, dass Migranten in Deutschland bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben als in anderen EU-Mitgliedstaaten.

Schwierigkeiten bei der Jobsuche

Während in Brüssel, Lyon und Neapel rund 70% der Befragten angaben, Probleme bei der Arbeitsplatzsuche gehabt zu haben, war dies in Berlin und Stuttgart nur bei 36% bzw. 41% der Fall. Damit schnitten die deutschen Städte neben Budapest (41 %) am besten ab. Am schwersten hatten es Zuwanderer, in den portugiesischen Metropolen Faro (83%) und Lissabon (79%) sowie im italienischen Mailand (79%), einen Job zu finden.

Als Probleme bei der Suche nach einer Arbeitsstelle nannten die befragten Zuwanderer u. a. mangelnde Arbeitsplatzsicherheit, Diskriminierungserfahrungen, Sprachschwierigkeiten und die fehlende Anerkennung ihrer im Ausland erworbenen Qualifikationen. In allen untersuchten Städten sind diese Probleme unterschiedlich stark ausgeprägt.

In Berlin wurden befristete Verträge, Diskriminierung durch Arbeitgeber sowie Schwierigkeiten bei der Qualifikationsanerkennung als Hauptprobleme genannt. Auch in Stuttgart zählen unzureichende Arbeitsplatzsicherheit und Diskriminierungserfahrungen zu den drei am häufigsten genannten Hürden bei der Jobsuche. Daneben verwiesen 25% der Befragten auf Sprachschwierigkeiten. Diese zählen auch in Antwerpen (35%), Budapest (32%), Lissabon (45%) und Faro (63%) zu den meistgenannten Problemen in Bezug auf die Arbeitsmarktintegration.

Qualifikationsniveau

Zuwanderer finden sich häufig in Tätigkeitsbereichen wieder, die ihr Qualifikationsniveau unterschreiten. Dies ist einerseits für die Zuwanderer selbst eine Quelle der Unzufriedenheit. Andererseits gelingt es so auch den sie aufnehmenden Volkswirtschaften nicht, das Potenzial der Migranten hinreichend auszuschöpfen. Dies ist im Kontext des demographischen Wandels und des zunehmenden Fachkräftemangels in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt (vgl. MuB 10/11, 6/11, 1/10).

In Stuttgart und Berlin dagegen finden Migranten besonders häufig einen Job, der ihren Qualifikationen entspricht. Nur 13% der Befragten in Stuttgart und 18% in Berlin fühlen sich für ihre aktuelle Tätigkeit überqualifiziert. In den meisten anderen untersuchten Städten sind es nahezu doppelt so viele. Am schlechtesten schnitten hier Neapel und Mailand ab. In beiden Städten gab die Mehrheit der Befragten an, in einem Job unterhalb ihres Qualifikationsniveaus zu arbeiten.

Anerkennung ausländischer Qualifikationen

Auffällig ist, dass nur rund 40% der befragten Zuwanderer in Stuttgart und Berlin im Vorfeld der Untersuchung versucht hatten, ihre im Ausland erworbenen Qualifikationen anerkennen zu lassen. Ein ähnliches Bild zeichnet sich auch in den anderen untersuchten Städten ab. Besonders gering war die Zahl derjenigen, die eine Qualifikationsanerkennung anstrebten, in Italien (in beiden Städten unter 10%). Für Deutschland haben Untersuchungen ergeben, dass sich die Möglichkeiten der Arbeitsmarktintegration deutlich verbessern, wenn deren Gleichwertigkeit mit einem deutschen Berufs- oder Bildungsabschluss bescheinigt wird. Allerdings ist in der Vergangenheit immer wieder auf das intransparente Anerkennungssystem in Deutschland hingewiesen worden. Das im April 2012 in Kraft getretene "Gesetz zur Verbesserung der Feststellung und Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen“ soll die Situation transparenter machen (vgl. MuB 9/11, 8/11).

Einschätzung

Die Ergebnisse der Studie sind mit Vorsicht zu betrachten. Da gezielt die Städte Berlin und Stuttgart untersucht wurden, die engagierte kommunale Integrationspolitiken betreiben, können die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf ganz Deutschland übertragen werden.

Im Gegensatz zu Spanien, Portugal oder Italien leidet Deutschland zudem derzeit nicht unter drastischen Konjunktureinbrüchen und hoher Arbeitslosigkeit. Von der positiven Arbeitsmarktsituation hierzulande profitieren auch Migranten. Ob es sich bei der positiven Arbeitsmarktintegration von Zuwanderern daher nur um eine Momentaufnahme handelt oder doch um einen langfristigen Trend, bleibt abzuwarten. Ferner sind Zuwanderer in Deutschland am Arbeitsmarkt immer noch benachteiligt. Sie weisen nach wie vor niedrigere Erwerbsquoten auf als die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund.

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