30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

10.12.2012 | Von:
Diana Sahrai

In der Diskussion: "Deutschklassen“ – eine neue Form der Segregation?

Die Open Society Justice Initiative hat im September eine Anfrage beim UN-Menschenrechtskomitee zum Problem der Diskriminierung von Migrantenkindern an deutschen Schulen gestellt. Trotz vieler nationaler und internationaler Regelungen und Verbote gibt es im deutschen Bildungssystem vielfältige, meist informelle Formen der Ausgrenzung und Segregation von Migrantenkindern.

"Spezialklassen“, "Eliteklassen“, "Deutschklassen“, "Deutsch-Garantie-Klassen“: Mit solchen oder ähnlichen Schlagzeilen erlangten separierte Klassen – insbesondere an Berliner Schulen – hohe öffentliche Aufmerksamkeit. Solche Klassen werden von Schulen in Stadtvierteln mit hohen Migrantenanteilen angeboten, um dem Ruf einer Brennpunktschule zu entkommen. Dabei führen die einen für die Aufnahme in ihren Schulen Sprachtests ein. Andere versuchen durch die Errichtung von Spezialklassen, ebenfalls gebunden an deutsche Sprachkompetenzen, die leistungsstärkeren Schüler von den leistungsschwächeren innerhalb der Schule zu trennen. Ein Gymnasium in Berlin hatte 2010 seine Klassen sogar nach ethnischer Herkunft und Religion der Schüler sortiert. Im August erregte eine Berliner Grundschule öffentliche Aufmerksamkeit, weil sie Kinder unterschiedlicher Herkunft in getrennten Klassen beschulte. Da Eltern ihre Kinder als Gruppe anmelden konnten, bestand eine Klasse fast nur aus deutschstämmigen und die Parallelklasse nur aus türkisch- und arabischstämmigen Kindern. Nach Beschwerden von Eltern mit Migrationshintergrund ordnete der Berliner Senat die Auflösung der separierten Klassen an.

Hintergrund ist die Tatsache, dass in einigen Schulen der Anteil der Kinder mit Zuwanderungsgeschichte teilweise bei über 90 % liegt. Viele Eltern meiden diese Schulen und versuchen, ihre Kinder auf anderen Schulen unterzubringen.

Das Paradoxe an der Situation ist jedoch, dass die Motivation der Schulen für diese Maßnahmen nicht die soziale und ethnische Ent-, sondern vielmehr die Durchmischung ihrer Schulen ist. So werden diese Maßnahmen von Schulen vorgenommen, die eine Schülerschaft mit Migrationshintergrund von 70 % und mehr haben. Diese bemühen sich mit den eingangs genannten Modellen, ihre Schulen für deutschstämmige Eltern wieder attraktiver zu machen und den Anteil von Kindern ohne Migrationshintergrund perspektivisch zu erhöhen.

Auch wenn diese aktuellen Diskussionen anderes vermuten lassen, ist die Praxis der Separierung von Kindern mit Migrationshintergrund weder neu noch eine Ausnahmeerscheinung. So wurden bereits in den 1970er Jahren sogenannte Ausländer- oder Nationalklassen eingerichtet, wenn der Anteil der ausländischen Kinder in einem Jahrgang mehr als 20 % betrug. Die Diskussion darüber, wie hoch der Anteil von Migrantenkindern an Schulen und Klassen sein sollte, wird bis heute kontrovers geführt. Dabei sind zwei Motive zentral: Erstens eine ethnisch-kulturelle Durchmischung im Kontext von Inklusion und zweitens die Berücksichtigung der Qualität des Unterrichts in Zusammenhang mit dem Migrantenanteil. Der Ruf nach Separierung ensteht meist erst dann, wenn der Migrantenanteil steigt und die Vermutung aufkommt, dass damit ein Verlust von Unterrichtsqualität einhergeht.

Über das bundesweite Ausmaß einer Separierung auf Klassenebene ist statistisch wenig bekannt. Allerdings lassen sich über die Praxis der getrennten Klassen hinaus statistisch haltbare Anhaltspunkte für eine Segregation im Bildungssystem auf Schulformebene und Stadtteilebene finden. Zu nennen ist hier in erster Linie das drei- bzw. das viergliedrige (inkl. Förderschulen) deutsche Schulsystem. So ist seit den Anfängen der Einwanderung in Deutschland bekannt, dass Schüler mit Migrationshintergrund an Förder- und Hauptschulen konstant überrepräsentiert sind. Zudem war es – und ist es auch heute noch häufig – gängige Praxis, neu eingewanderte Kinder und Jugendliche automatisch auf eine Hauptschule zu schicken.

Neben der schulform- und klassenspezifischen Segregation sind insbesondere stadtteilspezifische Benachteiligungen von Bedeutung. Auf der Grundlage regionaler Bildungsberichte kann gezeigt werden, dass in Großstädten Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in einzelnen Schulen stark konzentriert sind. So gibt es allein in Berlin 53 Grundschulen (von insgesamt ca. 400), die Klassen mit mehr als 70 % an Kindern mit Migrationshintergrund aufweisen. Für die ungleiche schulspezifische Verteilung in Großstädten ist vor allem die Segregation nach Stadtteilen verantwortlich. In fast allen deutschen Großstädten gibt es Stadtteile mit hohen Anteilen von Menschen mit Migrationshintergrund; diese Anteile spiegeln sich in den Schulen wider. Diese Ungleichverteilung zeigt sich auch in den Übergangsquoten auf die weiterführenden Schulen. So schwankt die Übergangsquote auf das Gymnasium, je nach Stadtteil und in Abhängigkeit vom Migrantenanteil, in Städten wie Essen oder Freiburg zwischen 20 % und 85 % (vgl. Ausgabe 9/12).

Die Errichtung von Klassen, die gute Deutschkenntnisse zur Aufnahmebedingung machen, findet häufig positiven Widerhall bei Eltern, weil damit einhergehend eine Qualitätssteigerung der Schulbildung angenommen wird. Wenn aber die leistungsstarken Kinder bzw. Kinder mit guten Deutschkenntnissen in Sonderklassen beschult werden, kommen die leistungsschwachen Schüler im Umkehrschluss ebenfalls in Sonderklassen. Diese Separierung von leistungsschwachen Schülern stellt wiederum eine Diskriminierung dar, die das Recht auf inklusive Beschulung aller Schüler verletzt.

Hier setzt die Kritik der Open Society Justice Initiative an, die diesen Tatsachenbestand nun vom UN-Menschenrechtskomitee prüfen lassen will. Für die segregierende Praxis wurde das deutsche Schulsystem schon häufiger international kritisiert, so etwa von dem UN-Sondergesandten für das Recht auf Bildung Vernor Muñoz und dem UN-Sonderbeauftragten für Rassismus Githu Muiga (vgl. Ausgabe 2/06).

Den alltäglichen Schwierigkeiten, mit denen sich Schulen konfrontiert sehen, kann jedoch nicht auf Klassen- oder Schulebene begegnet werden. Das mehrgliedrige deutsche Schulsystem, segregierte Stadtteile und zunehmende soziale Ungleichheiten bilden die Hintergrundstrukturen, die die Probleme an innerstädtischen Schulen verursachen. Die Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems, eine Wohnungsmarkt- und Stadtpolitik, die die Entstehung von ghettoartigen Stadtteilen verhindern, sowie die Reduzierung sozialer Ungleichheiten wären wichtige Maßnahmen, um einer segregierten Beschulung entgegenzuwirken.

Weitere Informationen:

www.ohchr.org
www.svr-migration.de
www.freiburg.de
www.opensocietyfoundations.org

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Diana Sahrai für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.