Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

10.12.2012 | Von:
Fatma Rebeggiani

Industriestaaten: Bericht zur Integration

In Deutschland holen Kinder von Zuwanderern in der Bildung auf. Vor allem Hochqualifizierte können ihre Bildungsabschlüsse aber nicht immer in eine entsprechende Beschäftigung umsetzen. Nachholbedarf gibt es auch bei der Beschäftigung von Menschen mit Migrationshintergrund im öffentlichen Dienst.

Die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat am 3. Dezember ihren ersten internationalen Integrationsreport vorgelegt. In dem Bericht "Integration von Zuwanderern: OECD-Indikatoren 2012“ analysiert sie Einkommensverteilung und Armut, Wohnverhältnisse, Gesundheit, Bildung, Arbeitsmarkt, zivilgesellschaftliches Engagement und Diskriminierung von Zuwanderern in allen 34 OECD-Mitgliedsstaaten. Eine derart umfassende mehrdimensionale internationale Vergleichsstudie liegt somit erstmals vor und soll den Auftakt einer neuen Berichtsreihe markieren.

Deutschland werden Fortschritte vor allem bei der Beschäftigung und beim Bildungsstand der zugewanderten Bevölkerung bescheinigt. Auch die Nachkommen von Zuwanderern – die sogenannte zweite Generation – hat in der Bildung aufgeholt.

Lesekompetenz

Die schulischen Ergebnisse von Migrantenkindern sind nicht erst seit der PISA-Studie ein stark diskutiertes Thema (vgl. Ausgabe 10/10, 10/8, 10/7). In Deutschland, wo der Erfolg auf dem Arbeitsmarkt mehr als in anderen Ländern vom Bildungsabschluss abhängt, kommt der schulischen Integration von Zuwandererkindern eine Schlüsselrolle zu. Die aktuelle OECD-Vergleichsstudie zeigt auf, dass die Unterschiede in der Lesekompetenz zwischen in Deutschland geborenen Kindern von Einwanderern und deutschen Kindern ohne Migrationshintergrund in den vergangenen Jahren abgenommen haben. Lag die Differenz im Jahr 2000 noch bei 73 Punkten, so ist sie 2009 auf 54 Punkte gesunken (458 gegenüber 512).

Die unterschiedliche Lesefähigkeit kann dabei oft mit der sozialen Herkunft der Migrantenkinder erklärt werden. Bereinigt man die Ergebnisse um den sozialen Faktor – also Familieneinkommen und Bildungshintergrund der Eltern – so ergibt sich eine migrationsspezifische Differenz von 23 Punkten (2009), die in etwa dem OECD-Durchschnitt (20) entspricht. Wie schon bei PISA 2000 sind die Leistungsdifferenzen der Migrantenkinder also vor allem ein Abbild der sozialen Selektivität des deutschen Schulsystems. Anders ist dies etwa in Australien, Israel, den USA, Irland und Kanada. In diesen Ländern erzielen die Kinder von Migranten – nach der Kontrolle der sozialen Herkunft – sogar bessere Ergebnisse als die Kinder von Einheimischen.

Bildungsabschlüsse

Im Hinblick auf die erreichten Bildungsabschlüsse hatten in Deutschland im Jahr 2008 – neuere vergleichbare Daten waren nicht verfügbar – in der Altersgruppe 25-34 nur 10,7 % der Kinder von Zuwanderern einen Hochschulabschluss. Für deutschstämmige Kinder lag dieser Wert bei 27 %. Beide Werte liegen unter dem jeweiligen OECD-Durchschnitt (37,6 % und 40,4 %), die Differenz ist aber im internationalen Vergleich sehr hoch. Ähnlich große Unterschiede bestehen nur noch in Luxemburg, Belgien, Spanien und Slowenien. Auch hier dürfte der in Deutschland sehr starke Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und (Hochschul-)Bildungsbeteiligung ein wesentlicher Grund für das schlechtere Abschneiden der Kinder von Migranten sein. Dies wird regelmäßig auch in der Sozialerhebung des deutschen Studentenwerks nachgewiesen.

Hingegen hat von den in Deutschland geborenen Kindern von Zuwanderern in der Altersgruppe 25-34 nahezu ein Fünftel (19,1 %) lediglich einen sogenannten niedrigen Bildungsabschluss – also maximal einen Abschluss der Sekundarstufe I. Für gleichaltrige Deutsche ohne Migrationshintergrund beträgt der Anteil nur 7,7 %. Dieser hohe Anteil Geringqualifizierter unter den Zuwandererkindern ist in der OECD keine Ausnahme, der Durchschnittswert beträgt 23,1 %.

Beschäftigung

In Deutschland liegt die Beschäftigungsquote der Zuwandererkinder mit niedrigem Bildungsabschluss aber etwas höher als die der gering qualifizierten Kinder Einheimischer (um 1,4 Prozentpunkte). Der Nachteil im Bildungssystem setzt sich für diese Gruppe beim Übergang in die Arbeitswelt also nicht weiter fort.

Anders sieht es für die Hochqualifizierten aus: Hier können die – zahlenmäßig ohnehin wenigen – hochqualifizierten Zuwandererkinder ihren Vorteil nicht auf dem Arbeitsmarkt umsetzen. Ihre Beschäftigungsquote liegt 3,5 Prozentpunkte unter der von hochqualifizierten Deutschen ohne Migrationshintergrund. Außerdem gehen sie häufiger als Deutsche ohne Migrationshintergrund einer Arbeit nach, für die sie überqualifiziert sind (22,2 % gegenüber 15,7 %). Migranten leiden in Deutschland „unter dem Vorurteil, dass Zuwanderer generell gering qualifiziert seien“, sagte der Integrationsexperte der OECD Thomas Liebig bei der Vorstellung der Studie.

Ähnliche Nachteile haben Zuwandererkinder in den Benelux-Staaten, Frankreich und Dänemark. In Kanada, der Schweiz und den USA ist der Anteil der Überqualifizierten unter den Kindern von Zuwanderern mit hohem Bildungsabschluss dagegen niedriger als bei Kindern nichtzugewanderten Eltern. In der Schweiz liegt das vor allem an der hohen Zuwanderung aus europäischen Nachbarländern, in denen dieselbe Sprache gesprochen wird. In den USA und in Kanada ist dies eine Folge der selektiven Einwanderung von Menschen mit hohem Bildungsniveau, bei denen die innerfamiliäre Weitergabe von Bildung recht hoch ist. Es bleibt abzuwarten, ob der stärker werdende Fachkräftemangel in Deutschland in Zukunft dazu führen wird, dass mehr hoch gebildete Zuwandererkinder entsprechend ihre Qualifikation beschäftigt werden (vgl. Ausgabe 6/11, 1/11).

Beschäftigung im öffentlichen Dienst

Eine Aufgabe kommt dabei auch dem deutschen Staat als Arbeitgeber zu. In fast keinem anderen OECD-Land sind die Nachkommen der Einwanderer im öffentlichen Dienst so unterrepräsentiert wie hierzulande. Arbeitet rund ein Viertel (25,8 %) der 15 bis 34-Jährigen Kinder deutscher Eltern im Staatsdienst, sind es bei den gleichaltrigen Kindern von Migranten lediglich die Hälfte (13,4 %). In Kanada und dem Vereinigten Königreich hingegen gibt es hier kaum Unterschiede. Dieses Missverhältnis in Deutschland ist auch ein Ausdruck der mangelnden Förderung von Zuwanderern im öffentlichen Dienst. In ihrem Nationalen Aktionsplan Integration hat die Bundesregierung Anfang 2012 Maßnahmen beschlossen, um den Migrantenanteil im öffentlichen Dienst zu erhöhen (vgl. Ausgabe 2/12).

Da die hier genannten Daten zu Bildungsabschlüssen und Beschäftigung allesamt von 2008 sind, bleibt also abzuwarten, was der nächste OECD-Bericht für ein Bild der deutschen Integrationsleistung der letzten Jahre zeichnet.

Weitere Informationen:

www.oecd.org/migration/integrationindicators/#d.en.217290
www.oecd.org/berlin/publikationen/integration2012.htm
www.sozialerhebung.de

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