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Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

11.8.2013

Interview: "Roma-Familien sind keine signifikante Problemgruppe mehr"

Eine Langfassung dieses Interviews erscheint in Kürze.

Ein Gespräch mit Hamze Bytyci, Aktivist und Mitgründer des Bundes Roma Verbandes, Zvonko Salijevic, Roma-Schulmediator bei den Regionalen Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) e. V., und Christoph Leucht, Projektberater und Rommediatoren-Trainer beim Europarat, über die Situation der Sinti und Roma in Deutschland, die nachhaltige Wirkung von kulturellen Stereotypen und erfolgreiche Integrationsansätze.

Wenn über die Situation der Roma in Deutschland und Europa gesprochen wird, ist oft unklar, wer gemeint ist. Die Begriffe Roma, Ashkali, Sinti und Roma, "Zigeuner" oder "Armutszuwanderer" werden verwendet. Welcher Begriff ist der richtige?

Hamze Bytyci: Es gibt diese richtige und falsche Bezeichnung nicht. Sehen wir mal vom Missbrauch in der Zeit des Nationalsozialismus ab, galt die Bezeichnung Zigeuner vorher nicht als Beleidigung. Heute darf man das Wort nicht mehr verwenden, weil es meist stigmatisierend verwendet wird. Ich selbst habe kein Problem, wenn man Zigeuner einfach nur als Titulierung und nicht stigmatisierend verwendet.

Christoph Leucht: In der Mannheimer Sinti-Bildungsstudie wurden die Leute gefragt, ob sie selbst ein Problem mit der Bezeichnung Zigeuner haben. Die überwiegende Mehrheit der Befragten bejahte das, ein Drittel sagte, dass es auf den Kontext ankomme und nur wenige sagten, dass es ihnen völlig egal sei. Die von den Medien eingeführte Bezeichnung "Armutszuwanderer" ist falsch. Auch aus Bulgarien und Rumänien kommen vor allem gut qualifizierte, junge Menschen zu uns.

Zvonko Salijevic: Für mich ist entscheidend, was derjenige, der mich als Zigeuner oder Rom oder wie auch immer bezeichnet, damit meint. Was will er damit sagen, indem er mich so oder so bezeichnet? Es ist doch ein Unterschied, ob jemand damit diskreditieren oder einfach nur eine Identität benennen will.

Gibt es Schätzungen zur Zahl der in Deutschland lebenden Roma?

Christoph Leucht: Auf nationaler Ebene sind nur grobe Schätzungen möglich. In Deutschland fühlen sich schätzungsweise 250.000 bis 300.000 Menschen selbst als Sinti oder Roma: etwa ein Drittel zählt zur anerkannten Minderheit der deutschen Sinti und Roma, ein Drittel sind Einwanderer aus der Anwerbephase aus Jugoslawien, Italien, der Türkei und Griechenland und ein Drittel zählt zu den in den letzten Jahren gekommenen Flüchtlingen und EU-Bürgern aus Serbien, Bosnien, Kosovo, Mazedonien, Bulgarien, Rumänien und Polen.

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Sinti und Roma in Deutschland

  • Deutsche Sinti und Roma (bereits seit dem 14./15. Jahrhundert in Deutschland lebende, anerkannte Minderheit; organisiert im Zentralrat)
  • Im Rahmen der Anwerbeabkommen der 1950er und 1960er Jahre eingewanderte Roma und deren Nachkommen, die eingebürgert sind oder unbefristetes Aufenthaltsrecht haben
  • Als Flüchtlinge und EU-27-Bürger eingewanderte Roma aus Ost- und Südosteuropa

Die seit Langem in Deutschland lebenden Sinti und Roma werden vom Zentralrat deutscher Sinti und Roma vertreten. Wer aber macht sich für die mehrheitlich seit den 1990er Jahren zugezogenen ausländischen Roma mit ihren vielfältigen Problemlagen wie Aufenthaltsstatus, Zugang zum Arbeitsmarkt und die Folgen für die soziale Lage stark?

Hamze Bytyci: Der unter anderem von mir vertretene Bundes Roma Verband kümmert sich ehrenamtlich um Fragen zu Aufenthalt, Gesundheit, Wohnen, Arbeit. Dabei liegen uns auch die in Deutschland geborenen Kinder der ausländischen Roma am Herzen, denen teilweise permanent die Abschiebung droht. Aber wir erheben keinen Vertretungsanspruch.

Eine nationale Strategie der Roma-Integration könnte zu einer besseren Integration der Roma in Deutschland beitragen. Warum gibt es in Deutschland keine solche Strategie?

Hamze Bytyci: Zum einen liegt es daran, dass der Zentralrat, der ausschließlich die anerkannte Minderheit der Sinti und Roma vertritt, von Anfang an zwar zahlreiche Wünsche formuliert, aber eine Strategie abgelehnt hat. Wir Migranten-Roma wiederum sind nicht organisiert und haben der Absage des Zentralrats nichts entgegengesetzt. Die Bundesregierung hat dem Zentralrat dankbar zugestimmt.

Christoph Leucht: Die Situation der Roma hat auch keine nationale Priorität. Anders ist das auf der kommunalen Ebene, wie das Städtetagspapier gezeigt hat.

Was halten Sie vom gerade verabschiedeten "Berliner Aktionsplan zur Einbeziehung ausländischer Roma"?

Hamze Bytyci: Dieser Plan ist ein großer Fortschritt. Es geht genau um das, was wir machen: um Roma-Selbstorganisation.

Christoph Leucht: Er bietet mit den vier Bereichen Wohnen, Gesundheit, Arbeit und Bildung eine gute Vorlage der Roma-Integration. Dabei spielt auch eine große Rolle, dass der Aktionsplan nicht erwägt, wie man die ausländischen Roma wieder loswird, sondern wie die Probleme hier in Berlin gelöst werden.

Haben die Europäischen Roma-Gipfel, die seit 2008 regelmäßig veranstaltet wurden, Ihrer Ansicht nach eine positive Wirkung gehabt?

Hamze Bytyci: Ich weiß nicht, was die Europäischen Roma-Gipfel tatsächlich gebracht haben. Es wurden zwar viele Papiere angefertigt und Vorschläge gemacht, aber bei den Betroffenen ist davon kaum etwas angekommen. Das Problem des Antiziganismus ist nicht beseitigt worden. Vielmehr ist es durch den EU-Fokus in Ländern wie Frankreich und Italien vielleicht erst wirklich zu einem Problem geworden.

Christoph Leucht: Der Roma-Gipfel 2008 war ein Meilenstein und ein Ausgangspunkt für den Versuch, andere Rahmenbedingungen zu schaffen. Das Thema ist seither viel präsenter.

Wie schätzen Sie die Fortschritte bei der Integration der Roma in Deutschland ein?

Christoph Leucht: Perspektivisch glaube ich, werden wir in 10 bis 20 Jahren auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken. Die Grundschulen beispielsweise, die mit den Roma-Mediatoren zusammenarbeiten, sagen, dass sie das Problem gelöst haben. Roma-Familien sind keine signifikante Problemgruppe mehr.

Zvonko Salijevic: Meine Erfahrung als Roma-Schulmediator bestätigt das. Über 90 % der Roma-Kinder sind regelmäßiger in der Schule. Wenn ein Kind früher nicht kam, gab es maximal eine Schulversäumnisanzeige, aber warum ein Roma-Kind nicht kommt, hat niemanden interessiert. Aber jetzt ist eine viel größere Aufmerksamkeit da. Die Schule sucht mit unserer Hilfe den Kontakt zu den Eltern und die Eltern sehen die Bedeutung der Schule für ihre Kinder. Alle arbeiten gemeinsam daran, die Hürden abzubauen.

Das Interview führte Thomas Hummitzsch.

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