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Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

16.9.2013 | Von:
Stefan Alscher

Deutschland: Studie belegt zahlreiche Formen der Diskriminierung

Diskriminierung gegenüber Minderheiten ist in Kindergärten, Schulen, Universitäten sowie auf dem Arbeitsmarkt alltäglich. Dies zeigt eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, die am 13. August veröffentlicht wurde. Demnach hat jeder vierte Schüler oder Student mit Migrationshintergrund bereits Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) wurde 2006 mit dem Inkrafttreten des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) eingerichtet (vgl. Ausgabe 3/06) und dient in erster Linie als Anlaufstelle für Personen, die sich einer Diskriminierung ausgesetzt fühlen. Die Mitte August vorgestellte Studie zeigt Diskriminierungen und Diskriminierungsrisiken in den Bereichen frühkindliche Bildung (Kindergärten), Schule, Hochschule, Ausbildung sowie Arbeitsmarkt. Sie untersucht nicht nur Diskriminierung aufgrund von ethnischer Herkunft, sondern ebenso aufgrund von Religionszugehörigkeit, Weltanschauung, sexueller Orientierung oder Behinderung. Der Studie zufolge sind Diskriminierungsrisiken in allen Bildungsetappen erkennbar.

Grundlage der Untersuchung sind Beratungsanfragen von Juni 2009 bis Dezember 2012 an die ADS und andere Beschwerdestellen sowie wissenschaftliche Auftragsanalysen zu Fragen der Diskriminierung. Auch weitere Bundesbehörden waren an der Erstellung der Studie beteiligt, darunter das Büro der Integrationsbeauftragten, der Beauftragte für Belange behinderter Menschen sowie der Beauftragte für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten.

Frühkindliche Bildung

Bereits in der frühkindlichen Betreuung finde Segregation statt, weil die Eltern von Kindern mit Migrationshintergrund oft in Stadtvierteln mit hohem Migrantenanteil leben und ein Austausch mit Kindern ohne Migrationshintergrund seltener möglich ist. Dies gefährde die Teilhabe- und Bildungschancen der Kinder, die in heterogenen und vielfältigen Gruppen besser seien, heißt es in der Studie. Zudem werde die deutsche Sprache in Kindertageseinrichtungen zum Teil als "einzig anerkanntes und zugelassenes Kommunikations- und Denkmittel angesehen", obwohl sich Mehrsprachigkeit als Ressource positiv auf die Entwicklung von Kindern auswirke.

Schule

In der Schule führe ein ausländisch klingender Name oder die Herkunft aus einer niedrigeren sozialen Schicht häufig zu einer schlechteren Bewertung durch Lehrkräfte. Beim Übergang von der Grundschule in weiterführende Schulen kommt es diversen Untersuchungen zufolge in bis zu einem Viertel der Fälle zu Fehleinschätzungen. Die ADS-Studie bestätigt, dass Kinder mit Migrationshintergrund sowie Kinder "niedriger sozialer Herkunft“ bei gleichen Leistungen seltener eine Gymnasialempfehlung erhalten als deutsche Kinder ohne Migrationshintergrund bzw. Kinder aus besseren sozialen Verhältnissen. Die geringe Durchlässigkeit des deutschen Bildungssystems zementiere zudem frühzeitig die weitere Bildungskarriere, so dass ein späterer Ausgleich der Benachteiligung erschwert werde. Schülerinnen muslimischen Glaubens würden zudem angesichts mangelnder Akzeptanz von Kopftüchern häufig benachteiligt.

Studium

Beim Zugang zur Hochschule spiele ebenfalls die soziale Herkunft eine zentrale Rolle. Hier wiederholen sich oft Bildungsmuster der elterlichen Generation. Kinder aus Akademikerfamilien haben eine dreimal höhere Chance zur Aufnahme eines Studiums als Kinder aus nichtakademischen Haushalten. Die eigentliche Hürde sei die Studienberechtigung, also die Erlangung von Abitur oder Fachhochschulreife. Jugendlichen mit Migrationshintergrund gelingt dies – auch aufgrund von Diskriminierung während der Schullaufbahn – deutlich seltener (vgl. Ausgabe 6/10). Bei Studienbewerbern aus dem Ausland wirken sich nicht nur sprachliche Hürden, sondern auch komplizierte bürokratische Zulassungsprozesse sowie Probleme bei der Anerkennung von im Ausland erworbenen Leistungen negativ auf den Hochschulzugang aus.

Arbeitsmarkt

Sowohl bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz als auch bei der Jobsuche werden Bewerber mit ausländisch klingendem Namen oft benachteiligt, da potenzielle Arbeitgeber unzureichende Deutschkenntnisse und schulische Defizite unterstellen oder von vornherein denken, dass die Bewerber nicht in den Betrieb "passen" würden. Auch hier würden Frauen mit Kopftuch eine besonders große Ausgrenzung erfahren. Zudem bestehe weiterhin das Problem der Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen (vgl. Ausgaben 8/11, 1/10).

Handlungsempfehlungen

Die Autoren entwickeln für jedes Problemfeld Handlungsempfehlungen. An Schulen und Hochschulen sollten eigenständige Beratungsstellen eingerichtet werden, zudem müsse ein umfassender Diskriminierungsschutz in den Landesbildungsgesetzen verankert werden. Bereits jetzt sind Arbeitgeber nach dem AGG verpflichtet, Beschwerdestellen einzurichten. Diese müssten jedoch nach Ansicht der Autoren gestärkt sowie untereinander vernetzt werden. Zudem sei es wichtig, die Vielfalt in den Belegschaften gezielt zu fördern. Dazu seien innovative Rekrutierungsmaßnahmen notwendig, wie etwa anonymisierte Bewerbungsverfahren, in denen keine Informationen zur ethnischen Herkunft der Bewerber, wie etwa Fotos oder Namen, preisgegeben werden.

Reaktionen

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle Christine Lüders unterstrich, dass Deutschland es sich "nicht leisten" könne, ganze Gruppen nicht chancengerecht am Bildungserfolg teilhaben zu lassen. Ähnlich äußerte sich die Bundesbeauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration Maria Böhmer (CDU): "Wenn Migranten aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft oder ihrer Religion ausgegrenzt werden, darf dies nicht toleriert werden. Jeder Einzelne in unserem Land muss seine Chancen in vollem Umfang nutzen können." Es seien jedoch positive Entwicklungen erkennbar, ergänzte Böhmer. So würden Arbeitgeber immer häufiger "auf die gezielte Ausbildung und Beschäftigung von Menschen aus Zuwandererfamilien" setzen.

Der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks Otto Kentzler rief Anfang August die Betriebe auf, verstärkt jungen Menschen mit Migrationshintergrund die Chance auf eine qualifizierte Ausbildung zu geben. Bei den Arbeitsagenturen waren Ende August noch 102.423 Lehrstellenbewerber als "unversorgt" registriert. 103.586 Ausbildungsplätze waren zu dem Zeitpunkt noch unbesetzt. Unter den "Unversorgten" befanden sich Daten der Bundesagentur für Arbeit zufolge 15.138 junge Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft (14,8 %), wovon 6.587 türkische Staatsbürger waren (6,4 %). Erst vor wenigen Wochen hatte die Bundesagentur für Arbeit Daten veröffentlicht, denen zufolge jeder dritte Arbeitslose einen Migrationshintergrund hat (vgl. Ausgabe 5/13).

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