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Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.9.2010

Pakistan: Millionen Menschen auf der Flucht

Die seit Anfang August anhaltenden Überschwemmungen in Pakistan haben eine humanitäre Katastrophe ausgelöst. Obwohl der Wasserpegel langsam sinkt, ist ein Ende der Notlage nicht absehbar. Millionen Pakistanis sind auf der Flucht vor den Wassermassen.

Ende August hatten die Wassermassen ein Fünftel der Landesfläche überschwemmt. Laut UNO-Angaben sind bis zu 21 Mio. Menschen von den Überflutungen betroffen, dies entspricht rund 12 % der Gesamtbevölkerung. Nach Angaben der pakistanischen Behörde für Katastrophenschutz (NDMA) waren bis Anfang September 1.752 Tote und 2.697 Verletzte zu beklagen. Über 1,8 Mio. Häuser wurden beschädigt, rund 10 Mio. Menschen wurden obdachlos. Den Vereinten Nationen zufolge benötigen etwa 6 bis 8 Mio. Menschen Lebensmittelhilfe. Mindestens 72.000 Kinder litten bereits an schwerer Unterernährung, 200.000 weitere seien akut mangelernährt, so das Kinderhilfswerk Unicef.

Besonders betroffen war zunächst die nordwestliche Region des Landes, die teilweise völlig von der Außenwelt abgeschnitten war. Hier kamen den Behörden zufolge etwa 1.400 Menschen ums Leben. Später weitete sich die Flutkatastrophe auf Zentral- und Südpakistan aus. In den Provinzen Punjab und Sindh fehlt es noch immer an sauberem Trinkwasser, hier breiten sich nach Angaben der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen Haut-, Atemwegs- und Durchfallerkrankungen rapide aus. Der Zusammenbruch der Infrastruktur erschwert die Verteilung von Hilfsgütern. Wegen der starken Regenfälle konnten Hubschrauber teilweise nicht starten. In abgelegenen Regionen übernahmen Anhänger der fundamental-islamischen Partei Jamaat-e-Islami die Organisation humanitärer Hilfe und erwiesen sich oft als effizienter als staatliche und internationale Hilfsorganisationen. Die Kritik von Opposition und breiten Bevölkerungsteilen an der schleppenden Hilfe seitens der pakistanischen Behörden wird immer stärker.

Presseberichten und internationalen Organisationen zufolge hat die Flutkatastrophe zu umfangreichen Fluchtbewegungen innerhalb des Landes geführt. Genaue Zahlen zu deren Ausmaß liegen noch nicht vor. Allein die Stadtverwaltung der südpakistanischen Handelsmetropole Karatschi rechnet mit etwa 1 Mio. Flüchtlingen aus der umliegenden Provinz Sindh.

Beobachter gehen davon aus, dass die Massenflucht und die damit steigende Urbanisierung weitere soziale und ethnische Konflikte, etwa zwischen im Süden ansässigen Sindhis und aus dem Zentrum und Norden fliehenden Punjabis, hervorrufen wird.

Der Sprecher des Pakistaner UN-Büros für die Koordination Humanitärer Angelegenheiten (OCHA) Maurizio Giuliano erklärte, die Dimension der Katastrophe sei größer als die des Erdbebens auf Haiti oder des Tsunamis im Indischen Ozean Ende 2004 (vgl. MuB 1/05). Mitte August riefen Hilfsorganisationen zu verstärkter internationaler Unterstützung auf. Die New Yorker UN-Zentrale bat in einem Hilfsappell um Sofortzahlungen in Höhe von 460 Mio. US-Dollar (rund 353 Mio. Euro). Bis Anfang September gingen insgesamt 310 Mio. US-Dollar bei den Vereinten Nationen ein. Durch private und bilaterale Spenden ist die weltweit zugesagte Summe für Pakistan auf fast 1,1 Mrd. US-Dollar (860 Mio. Euro) angestiegen.