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1.7.2010

Deutschland: Geringere Chancen auf Abitur und Studium für ausländische Jugendliche

Nur 11 % der ausländischen Jugendlichen im deutschen Bildungssystem machen das Abitur, im Gegensatz zu 31 % der deutschen Jugendlichen. An Hochschulen sind nur 2,9 % der Studierenden Ausländer mit deutschem Schulabschluss. Die Autoren eines Berichts des Paritätischen Gesamtverbandes empfehlen eine grundlegende Reform des Schulsystems, von der auch andere benachteiligte Schüler profitieren würden.

Anfang Juni stellte die Initiative "AB In die Zukunft" des Forums der Migrantinnen und Migranten des Paritätischen Gesamtverbandes ihren Bericht "Bildungschancen von Migrantinnen und Migranten: Fakten, Interpretationen, Schlussfolgerungen" vor. Ziel der Initiative ist es, die Kultusministerkonferenz dabei zu unterstützen, die Bildungsabschlüsse von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund bis 2012 anzugleichen (vgl. MuB 6/07).

Ungefähr 10 % der Schüler an deutschen Schulen haben laut den Zahlen der Schulbehörden eine ausländische Staatsangehörigkeit. 43 % der ausländischen Schüler sind Türken. Über die Zahl der Schüler mit Migrationshintergrund liegen keine Daten vor, aber rund 27 % der 5- bis 20-Jährigen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund (vgl. MuB 10/08).

Obwohl die durchschnittliche Schulbildung der deutschen und ausländischen Bevölkerung kontinuierlich steigt, bleibt die Kluft zwischen beiden Gruppen bestehen. Im Schuljahr 2008/09 erreichten 11 % der ausländischen gegenüber 31 % der deutschen Schüler die Hochschulreife. Der Schulerfolg unterschied sich stark nach Herkunftsland. 25 % der russischen Schüler, aber nur 7 % der türkischen Schüler besuchten im Schuljahr 2006/07 das Gymnasium.

An den Hochschulen sind so genannte "Bildungsinländer", also Ausländer, die ihren Schulabschluss in Deutschland erworben haben, ebenfalls stark unterrepräsentiert. Sie machen nur 2,9 % der Studierenden aus, während der Anteil von Ausländern unter den 20- bis 30-Jährigen in der Bevölkerung 14 % beträgt. Zudem brechen Bildungsinländer häufiger ihr Studium ab als deutsche Studierende.

Ursachen

Als Gründe für den geringeren Bildungserfolg von ausländischen Jugendlichen nennen die Autoren die soziale Herkunft und das durchschnittlich niedrigere Bildungsniveau der Eltern. Migrationsspezifische Merkmale, v. a. eine andere Muttersprache als Deutsch, verstärken den negativen Einfluss. Schulen versagen laut den Autoren bei der Vermittlung von Deutsch als Bildungssprache.

Ausländische Jugendliche erhalten zudem bei gleichen Noten seltener eine Empfehlung für den Übergang in die Realschule oder das Gymnasium. Dies liege daran, dass Lehrer ausländischen Schülern oft weniger zutrauten, heißt es in dem Bericht. Auch die soziale Segregation an Schulen wirkt sich negativ auf den Bildungserfolg aus. Migrantenkinder gehen häufiger auf Schulen mit einem hohen Migrantenanteil und einem hohen Anteil von Kindern aus bildungsfernen und sozial schwachen Familien.

Empfehlungen

Die Initiative plädiert für eine längere gemeinsame Lernzeit durch den Ausbau von Ganztagsschulen mit zusätzlichem außerschulischem Angebot. Außerdem sollten Schüler möglichst spät auf die verschiedenen Schularten aufgeteilt werden und die Durchlässigkeit in weiterführende Schulen sollte erhöht werden.

Die Schulen müssten sich ferner nach außen öffnen und die Kompetenzen von außerschulischen Einrichtungen wie etwa Migrantenverbänden nutzen. Viele dieser Verbände fördern beispielsweise bereits die Zusammenarbeit zwischen Elternhäusern und Schulen. Die systematische Einbindung der Eltern ist eine weitere Forderung der Autoren, beispielsweise indem ausländische Eltern besser über das deutsche Schulsystem informiert und bei Problemen von den Schulen sozialpädagogisch betreut werden. Außerdem müsste mehr Personal mit Migrationshintergrund eingestellt werden, da dieses eine Identifikations- und Vorbildfunktion übernehmen könne.

Der Deutscherwerb in allen Altersstufen müsse stärker in den Unterricht integriert werden. Gleichzeitig müsse die Mehrsprachigkeit von Schülern als Potenzial und nicht als Problem angesehen werden.

Das Vorstandsmitglied des Paritätischen Gesamtverbandes und Berlins ehemalige Ausländerbeauftragte Barbara John (CDU) sagte bei der Vorstellung des Berichts: "Wenn wir allen Kindern unabhängig von ihrer sozialen oder ethnischen Herkunft die gleichen Chancen zur Förderung geben wollen, muss unser Schulsystem durchgreifend reformiert werden." Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) schloss sich in einer Presseerklärung dieser Meinung an und teilte mit: "Die Ergebnisse der Studie sind keinesfalls neu – und das ist der eigentliche Skandal."

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Maria Böhmer (CDU) forderte: "Bei der Unterstützung der jungen Migranten in der Schule muss an Intensität und Tempo deutlich zugelegt werden." Die Bundesländer seien gefordert, Schulen mit hohem Zuwandereranteil mit mehr Geld und mehr Lehrern auszustatten. Eine strukturelle Schulreform lehne sie jedoch ab.