Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.7.2010

Deutschland: Umstrittene Studie zu Religion, Integration und Gewaltanwendung

Muslimische Jugendliche seien gewaltbereiter und schlechter integriert, je gläubiger sie sind. Zu diesem Ergebnis kommt eine umstrittene Studie des Kriminologischen Instituts Niedersachsen. Bei andersgläubigen Jugendlichen bestehe ein gegenteiliger Effekt. Islamische Verbände wiesen den Zusammenhang von Delinquenz und islamischem Glauben entschieden zurück.

Gemeinsam mit dem Bundesinnenministerium (BMI) befragte das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) 2007 und 2008 insgesamt 45.000 Schüler mit und ohne Migrationshintergrund in 61 Städten und Landkreisen zu Religiosität und Verhaltensweisen. Auf der Grundlage der Selbstaussagen der Schüler zu Religiosität, Integration und Delinquenz trafen die Wissenschaftler dann Rückschlüsse auf deren Zusammenhänge, allerdings ohne die Aussagen vorher anhand statistischer Daten zu verifizieren. Die Ergebnisse wurden in dem Bericht "Kinder und Jugendliche in Deutschland: Gewalterfahrung, Integration, Medienkonsum" im Juni veröffentlicht.

Religiosität

In den alten Bundesländern gaben 81,5 % der Jugendlichen an, einer christlichen Kirche anzugehören. 8,1 % bezeichneten den Islam als ihre Religion und 2,6 % zählten sich zu einer anderen Religion (Judentum, Buddhismus u. a.). 7,9 % der Befragten in den alten Bundesländern sagten, sie seien konfessionslos.

In den neuen Bundesländern ist das Bild konträr (ohne Sachsen, wo aus Datenschutzgründen nicht nach der Religion gefragt werden durfte). Als konfessionslos bezeichneten sich hier 75,8 % aller befragten Schüler. 21,6 % sagten, sie seien christlichen und 0,3 % islamischen Glaubens. 2,3 % der Studienteilnehmer zählten sich zu einer anderen Religion.

Die Bedeutung der Religion ist für die einzelnen Gruppen unterschiedlich. Fast jeder dritte Jugendliche mit einem christlichen Hintergrund stufte sich als nicht religiös ein (29,9 %). Bei den sonstigen Religionen sagte dies jeder fünfte Jugendliche (20,5 %), von den muslimischen Jugendlichen nur jeder Zwanzigste (5,2 %). Zur Gruppe der religiösen und sehr religiösen Jugendlichen zählten sich 71,2 % der muslimischen Jugendlichen, 20-45 % der christlich-orientierten und 54,5 % der Jugendlichen anderen Konfessionen.

Integration

Anhand von vier Merkmalen – Nutzung der deutschen Sprache, Anteil deutscher Freunde, Quote der Abiturwilligen sowie Anteil der Migranten, die sich selbst als Deutsche bezeichnen – untersuchte das KFN bei jugendlichen Migranten den Einfluss der Religiosität auf die Integration. Nichtreligiöse Jugendliche nutzen mehr als alle anderen die deutsche Sprache, streben deutlich öfter das Abitur an, besitzen häufiger als religiöse Jugendliche deutsche Freunde und fühlen sich häufiger als Deutsche. Jugendliche christlichen, jüdischen oder buddhistischen Glaubens folgen mit etwas niedrigeren Werten. Die mit Abstand niedrigsten Werte in allen vier Kategorien wurden bei muslimischen Jugendlichen verzeichnet. Dabei stellten die Wissenschaftler fest, dass sowohl bei den muslimischen Jugendlichen insgesamt als auch bei den türkeistämmigen Muslimen die Integrationswerte mit zunehmender Religiosität abnehmen.

Insgesamt zeigte sich, dass sich eine höhere Religiosität negativ auf die Integration auswirke. Das KFN erklärt dies damit, dass die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft zum Rückzug in dieselbe führt und sich gläubige Migranten insgesamt weniger der deutschen Umwelt öffnen.

Gewalttätigkeit

Insbesondere im Bereich der Gewalttätigkeit sind die Schlussfolgerungen der Studie kritisch zu betrachten. In einigen subkulturellen Milieus kann die Angabe von Religiosität einerseits und gewalttätigem Verhalten andererseits ansehenssteigernde Wirkung entfalten. Dies kann dazu führen, dass sich Jugendliche als religiöser und gewalttätiger ausgeben, als sie es tatsächlich sind. Ein Abgleich mit Polizeistatistiken o. Ä. wäre daher notwendig, um die Aussagen der Jugendlichen zu verifizieren und möglicherweise auch zu relativieren. Dies ist in der Studie jedoch nicht geschehen.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass mit steigender Religiosität die Neigung zu kleinkriminellen Delikten wie Ladendiebstahl, aber auch zu Alkoholmissbrauch sinkt. Dieser Trend sei bei muslimischen Jugendlichen noch stärker ausgeprägt als bei allen anderen Gruppen. Muslime konsumieren seltener Alkohol (7,5 %) als Christen (24,3 %) oder religionslose (25,6 %) und haben nach eigenen Aussagen seltener einen Ladendiebstahl begangen (11,9 %) als Christen (13 %) oder Konfessionslose (16,9 %).

Im Bereich der Gewaltdelikte ergibt sich laut KFN ein unterschiedliches Bild: Junge Christen ohne Migrationshintergrund begingen seltener Gewalttaten (12,6 %) als nichtreligiöse Jugendliche ohne Migrationshintergrund (15,4 %). Sehr religiöse nichtmuslimische Migranten neigten deutlich seltener zu Gewalt (12,4 %) als nichtreligiöse Migranten (21,8 %). Bei den Muslimen hingegen seien die sehr religiösen Jugendlichen etwas häufiger gewalttätig (23,5 %) als ihre nichtreligiösen Altersgenossen (21 %).

Ursächlich dafür ist nach Aussage der Wissenschaftler, dass bei jungen Muslimen das Maß der Gewalt fördernden Einflussfaktoren mit steigender Religiosität zunähme. Das heißt, die Akzeptanz von "Gewalt legitimierender Männlichkeitsnormen", das Maß der Gewalterfahrungen im Elternhaus, die Zahl delinquenter Freunde sowie die Nutzung gewalthaltiger Medien steige bei muslimischen Jugendlichen mit dem Grad der Religiosität. Diese Faktoren existieren allerdings unabhängig von der Religion – eine Tatsache, die die Studie nicht ausreichend berücksichtigt, obwohl muslimische Migranten aufgrund ihrer sozialen Lage besonders häufig davon betroffen sind. Sie besitzen jedoch einen deutlich höheren Erklärungswert als die subjektive Religiosität – zumal der Unterschied bei den Gewaltdelikten zwischen nicht-religiösen und religiösen Jugendlichen ohnehin nur bei 1,5 %-Punkten liegt.

Der Leiter der Studie und Direktor des KFN, der Kriminologe Christian Pfeiffer hält es für denkbar, dass die Befunde mit einem wachsenden Misstrauen von Deutschen gegenüber dem Islam zusammenhängen könnten und die Jugendlichen auf dieses Misstrauen reagieren. Die höhere Gewaltbereitschaft muslimischer Jugendlicher sei kein Problem des Islams, sondern der Islamvermittlung. Die konservativ-religiöse Erziehung durch Imame in Deutschland, mit der die muslimischen Jugendlichen mit steigender religiöser Verankerung zunehmend konfrontiert seien, befördere die Entwicklung von "Macho-Kulturen".

Kritik

Wissenschaftler des Forschungszentrums für Religion und Gesellschaft (forege) kritisierten, dass die Studie Religiosität und Gewalt in einen engen Zusammenhang stelle, ohne dafür signifikante Belege anzuführen. Ursachen für die stärkere Gewaltbereitschaft bei muslimischen Jugendlichen seien laut forege vielmehr in der fehlenden Anerkennung der Integrationsleistung der muslimischen Migranten einerseits und deren Rückzug in ihre Bezugsgruppe andererseits zu suchen. Darüber hinaus kritisieren die Wissenschaftler in einer Stellungnahme zur KFN-Studie, dass der Faktor Religiosität von der Studie nicht ausreichend erfasst sei und daher "der Komplexität persönlicher religiöser Konstruktsysteme nicht gerecht" werden könne.

Reaktionen

Dem von der Studie unterstellten Zusammenhang von islamischer Religion und einer höheren Gewaltbereitschaft widersprach der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime Aiman A. Mazyek. Erklärungsansätze sieht er hingegen in der stärkeren Benachteiligung von Muslimen: "Muslimische Migrantenkinder machen mehr Diskriminierungserfahrungen als christliche. In Ermangelung einer festen Identität erklären sie sich dann zu überzeugten Muslimen, obwohl ihre Gewalttaten oder auch ihr Alkoholkonsum im Widerspruch zum islamischen Glauben stehen", sagte Mazyek. Bülent Ucar, Professor für islamischen Religionsunterricht in Osnabrück zeigte sich irritiert über die Ergebnisse, weil sie sich nicht mit denen anderer neuer Untersuchungen decken. Dennoch sieht er die Notwendigkeit für "ein neues Verständnis für die Vermittlung des Islam in europäischen Kontexten auf der Höhe der Zeit". Er forderte "staatlich ausgebildete islamische Religionslehrer und v. a. Religionslehrerinnen, die auf dem Boden des Grundgesetzes stehen, in Deutschland sozialisiert."

Der Vorsitzendes des Islamrats Ali Kizilkaya widersprach der grundsätzlichen These, dass die Gewaltbereitschaft von Muslimen bei wachsender Religiosität ansteigt: "Mit meinen Beobachtungen deckt es sich nicht, dass gläubige Muslime gewaltbereiter sind", sagte er gegenüber den Medien.