30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.5.2010

Deutschland: Zuwanderung bleibt auf niedrigem Niveau

Das aktuelle Migrationsgeschehen in Deutschland wird von unterschiedlichen Trends bestimmt. Insgesamt bleibt die Zuwanderung auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Im Jahr 2008 kam es erstmals seit rund 25 Jahren zu einem negativen Gesamtwanderungssaldo. Eine leichte Zunahme gab es bei der Einwanderung von Fachkräften.

Zu- und Fortzüge

Der Wanderungssaldo (auch: Nettozuwanderung) errechnet sich aus der Differenz zwischen den Zuzügen aus dem Ausland und den Fortzügen ins Ausland. Demnach ist die Zuwanderung nach Deutschland weiter rückläufig. 2008 haben sogar erstmals seit 1984 wieder mehr Personen die Bundesrepublik verlassen, als im gleichen Zeitraum zugezogen sind: 682.146 Zuzügen standen 737.889 Fortzüge gegenüber (-55.743 Personen). Die Zahl der Zuzüge hat sich gegenüber 2006 leicht gesteigert, als mit rund 662.000 Personen der niedrigste Wert seit der Wiedervereinigung registriert wurde. Gleichzeitig stieg 2008 die Zahl der Fortzüge im Vergleich zu den beiden Vorjahren deutlich an, als jeweils nur knapp 640.000 Personen aus Deutschland abwanderten (siehe Tabelle).

Migration und Bevölkerung 5/2010Migration und Bevölkerung 5/2010
Der überwiegende Teil der grenzüber-
schreitenden Wanderungen betrifft Ausländer (84,1% der Zuzüge; 76,3% der Fortzüge), wobei sich rund die Hälfte des Wanderungs-
geschehens zwischen Deutschland und anderen EU-Staaten abspielt. Wie auch in den Vorjahren war 2008 Polen das Hauptherkunftsland der Zuwanderer, auch wenn im Vergleich zu 2007 ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen war. Stark angestiegen sind in den beiden Jahren seit dem EU-Beitritt die Zuzüge aus Rumänien (2008: 47.642, Veränderung zu 2006: +100%) und Bulgarien (2008: 23.834, Veränderung zu 2006: +211%). Auch die Vereinigten Staaten und Ungarn haben als Herkunftsländer an Bedeutung gewonnen. Die Zuwanderung aus der Türkei ist dagegen leicht rückläufig. Die Statistikbehörde rechnet auch für das Jahr 2009, für das noch keine endgültigen Zahlen vorliegen, mit einem negativen Wanderungssaldo zwischen 20.000 und 70.000 Personen.

Auswanderung von Deutschen

Bereits seit 2006 ist unter deutschen Staatsangehörigen ein stetig wachsender negativer Wanderungssaldo zu verzeichnen: Im Jahr 2008 verließen 174.759 Deutsche die Bundesrepublik, während nur 108.331 zuzogen (-66.428). Das Statistische Bundesamt weist jedoch darauf hin, dass in den Jahren 2008 und 2009 umfangreiche Bereinigungen der kommunalen Melderegister vorgenommen wurden, die sich in erhöhten Fortzugszahlen niedergeschlagen haben.

Verschiedene Merkmale der Fortziehenden deuten darauf hin, dass es sich bei den Fortzügen oftmals um Akademiker oder qualifizierte Arbeitskräfte handelt. Diese Annahme wird gestützt durch Statistiken der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit (ZAV) über ins Ausland vermittelte Arbeitskräfte oder Daten des DAAD zum internationalen Austausch von Wissenschaftlern. Zahlen der Bundesärztekammer belegen, dass 2008 rund ein Viertel mehr Ärzte aus Deutschland abgewandert sind als im Vorjahr (2008: 3.065, 2007: 2.439). Ob es sich bei den Fortzügen um dauerhafte Abwanderungen im Sinne eines "Braindrain" handelt, lässt sich aus den verfügbaren Zahlen nicht ohne weiteres schließen, da die Aufenthaltsdauer im Zielland unbekannt ist (vgl. MuB 7/05).

Arbeitsmigration

Im Bereich der Arbeitsmigration war im Jahr 2008 ein Trend zu verstärkter Zuwanderung von qualifizierten Fachkräften zu beobachten. Die Bundesagentur für Arbeit stimmte z. B. wesentlich öfter der Erteilung eines Aufenthaltstitels zu, wenn ausländische Fachkräfte der Informations- und Kommunikationstechnologie in Deutschland einer Beschäftigung nachgehen wollten (+15% auf 3.906). Die zahlenmäßig wichtigsten Nationalitäten in diesen Bereichen waren indische, chinesische und russische Staatsangehörige.

Auch die Zahl der neu eingereisten Selbständigen mit einer Aufenthaltserlaubnis stieg 2008 um mehr als 60% auf 1.239. Allein aus den USA stammten 29% und aus China 17%. Weitere wichtige Nationalitäten waren russische (6%), australische (5%) und kanadische Staatsangehörige (4%).

Ende 2008 waren insgesamt 5.412 Drittstaatsangehörige in Besitz einer Aufenthaltserlaubnis nach §21 des Aufenthaltsgesetzes. Weitere 547 Personen verfügten über eine Niederlassungserlaubnis als Selbständige, nachdem sie die geplante Tätigkeit erfolgreich verwirklicht und ihren Lebensunterhalt gesichert hatten.

Die Zuwanderung von Hochqualifizierten mit einer Niederlassungserlaubnis stagnierte hingegen bei rund 150. Das wichtigste Herkunftsland war hier – wie in den Vorjahren – mit Abstand die USA: 45% der neu einreisenden Hochqualifizierten waren US-Amerikaner, es folgten russische (8%) und indische Staatsangehörige (6%).

Die Zuwanderung gering qualifizierter Saison- und Werkvertragsarbeitnehmer schwankte dagegen in den letzten drei Jahren nur geringfügig. Sie ging vom Höchststand im Jahr 2004 (333.690) zunächst kontinuierlich bis auf 285.217 im Jahr 2008 zurück (-14,5%). Die mit Abstand wichtigsten Nationalitätengruppen im Jahr 2008 waren Polen und Rumänen (68% bzw. 27%). Im vergangenen Jahr erfolgte wieder ein leichter Anstieg auf 294.828 (+3,4%). Seit 1. Januar 2009 dürfen Saisonarbeitnehmer bis zu sechs Monate pro Kalenderjahr beschäftigt werden (vorher: vier Monate).

Bei den Werkvertragsarbeitnehmern, die als Beschäftigte von ausländischen Firmen auf der Basis bilateraler Abkommen und entsprechender Werkverträge in Deutschland tätig werden können, setzte sich in den letzten Jahren ein Negativtrend fort: Von knapp 47.000 im Jahr 2001 sank die Zahl der im Jahresdurchschnitt Beschäftigten kontinuierlich bis auf 16.209 (2009). Wichtigste Herkunftsländer der Werkvertragsarbeitnehmer 2008 waren Polen (34,8%), Kroatien (20,7%), Rumänien (11,6%) sowie Bosnien-Herzegowina (11,2%). Differenzierte Daten zur Arbeitsmigration für 2009, die Aufschluss über etwaige Auswirkungen der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise auf die Zuwanderung geben könnten, sind noch nicht verfügbar.

Bildungsmigration

Im Wintersemester 2008/09 stieg die Zahl der ausländischen Studienanfänger an deutschen Hochschulen, die ihre Zugangsberechtigung nicht in Deutschland erworben haben ("Bildungsausländer"), erstmals seit fünf Jahren wieder deutlich an, von 39.496 im Wintersemester 2007/08 auf 42.670 im folgenden Wintersemester (+8%). Hauptherkunftsländer waren China, Russland, Polen und Bulgarien.

Außerdem erteilte die Bundesagentur für Arbeit 2008 insgesamt 5.935 ausländischen Absolventen deutscher Hochschulen die Zustimmung, eine Beschäftigung auf einem ihrer Ausbildung angemessenen Arbeitsplatz aufzunehmen. Auch dies bedeutet eine Steigerung um rund ein Drittel gegenüber dem Vorjahr (2007: 4.421 Zustimmungen).

Das Migrationsgeschehen im Hinblick auf andere Zuwanderergruppen wie nachziehende Familienangehörige, Spätaussiedler und Asylsuchende entwickelte sich ebenfalls sehr unterschiedlich (Fortsetzung in der nächsten Ausgabe von MuB).