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Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.4.2010

Deutschland: Debatte um türkische Schulen

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ist mit seiner Forderung nach türkischen Gymnasien in Deutschland auf Ablehnung bei Politikern und Lehrkräften gestoßen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte Erdogans Vorstoß zunächst zurückgewiesen, zeigte sich beim Treffen mit ihrem Amtskollegen in der Türkei aber kompromissbereit.

Im Vorfeld des Staatsbesuchs von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in der Türkei am 29. und 30. März hatte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan (AKP, islamisch-konservativ) in einem Zeitungsinterview gesagt: "In der Türkei haben wir deutsche Gymnasien – warum sollte es keine türkischen Gymnasien in Deutschland geben?" Damit wiederholte er seine im Februar 2008 in Köln erhobene Forderung nach der Einführung türkischsprachiger Schulen in Deutschland, die bereits damals überwiegend kritisch aufgenommen worden war (vgl. MuB 2/08). Er begründete seinen Vorstoß mit den Sprachproblemen vieler der 2,7 Mio. in Deutschland lebenden Menschen türkischer Herkunft. "Man muss zunächst die eigene Sprache beherrschen, also Türkisch – und das ist leider selten der Fall", sagte Erdogan.

Bundeskanzlerin Merkel war zunächst gegen Erdogans Vorschlag. In der wöchentlich auf ihrer Website erscheinenden Videobotschaft bekräftigte sie ihre Forderung nach einer besseren Integration der in Deutschland lebenden Türken. "Das bedeutet natürlich, dass die deutsche Sprache erlernt wird und die deutschen Gesetze eingehalten werden", sagte Merkel. Nach dem Gespräch der Kanzlerin mit dem türkischen Ministerpräsidenten in Ankara näherten sich beide jedoch an. "Wenn Deutschland Auslandsschulen in anderen Ländern hat, zum Beispiel in der Türkei, dann kann natürlich auch die Türkei Schulen in Deutschland unterhalten", sagte Merkel. Zugleich betonte sie, dass dies nicht zu einer "Ausrede" für in Deutschland lebende Türken führen dürfe, die deutsche Sprache nicht zu lernen. Merkel wies ferner darauf hin, dass es bereits eine Vielzahl deutsch-türkischer Schulen in Deutschland und türkische Lehrer gebe, die die türkische Sprache unterrichteten. Zweisprachigkeit sei eine Voraussetzung für gute Integration.

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Info

Deutsch-türkische Universität in Planung

Das türkische Parlament verabschiedete am 1. April das Gründungsgesetz für die deutsch-türkische Universität (DTU) in Istanbul. Im Mai 2008 hatten der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), sein türkischer Amtskollege Ali Babacan (AKP) und Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) eine Gründungsvereinbarung unterzeichnet. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) will sich mit einem Zuschuss in Höhe von etwa 40 Mio. Euro beteiligen. Außerdem helfen 26 deutsche Hochschulen beim Aufbau der Universität, an der rund 5.000 Studierende und Doktoranden studieren sollen. Unterrichtssprachen sollen neben Deutsch in manchen Fächern auch Türkisch und Englisch sein. Beate Schindler-Kovats vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), der im Auftrag der Bundesregierung zusammen mit dem türkischen Hochschulverband das Programm der gemeinsamen Universität plant, sagte: "Wir wollen eine internationale Universität sein." Bei ihrer Türkeireise Ende März sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): "Wir erhoffen uns sehr viel von dieser deutsch-türkischen Universität." Ministerpräsident Tayyip Erdogan (AKP) gab bei ihrem Besuch bekannt, dass der türkische Staat für die Universität ein Gelände im Istanbuler Stadtteil Beykoz zur Verfügung stellt.
Die Reaktionen auf Erdogans Vorstoß fielen überwiegend kritisch aus. Serkan Tören, integrationspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, nannte Erdogans Forderung ein "falsches Signal", das zur Abgrenzung von der deutschen Gesellschaft führe. Rein türkische Gymnasien verbauten Kindern Integrations- und Aufstiegschancen, kritisierte der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet (CDU). Auch der SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel wies den Vorstoß zurück.

Die migrationspolitische Sprecherin der Linkspartei und stellvertretende Vorsitzende der Deutsch-Türkischen Parlamentariergruppe Sevim Dagdelen sagte, die Probleme der in Deutschland geborenen oder hier aufgewachsenen Jugendlichen türkischer Abstammung ließen sich nicht durch türkische Gymnasien lösen. Der Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen Hans-Christian Ströbele präferiert deutsch-türkische Schulen, an denen beide Sprachen gleichwertig nebeneinander gelehrt würden. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Krauss, nannte Erdogans Idee "inakzeptabel und anti-integrativ".

Der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland Kenan Kolat erklärte, man könne über die Einrichtung von zwei- oder mehrsprachigen privaten Gymnasien wie in der Türkei diskutieren und solche einrichten. Dies werde jedoch die Bildungsproblematik der türkischen Kinder nicht lösen und ist keine Alternative zum deutschen Schulsystem, so Kolat. Nach den Vorstellungen Türkischstämmiger gehe es vielmehr "um den Wunsch nach Förderung von Türkisch, in Form als 2. und/oder 3. Fremdsprache und Türkisch als Abiturfach".

Kadir Daglar von der Föderation türkischer Elternvereine sprach sich für türkische Gymnasien aus, "aber nur, wenn die deutsche Sprache an erster Stelle steht und die Schulen nach den Richtlinien geführt würden, die hier gelten". Schon lange setzten sich die Eltern dafür ein, dass Türkisch versetzungsrelevantes Fach an deutschen Gymnasien werde. Bülent Uçar, Professor für Islamische Religionspädagogik in Osnabrück, sagte: "Zielführender als Gymnasien wäre eine Investition in die Sprachförderung in Kindergärten."

Kritik an Merkels Haltung kam vom Regierenden Bürgermeister Berlins Klaus Wowereit (SPD): "Statt über wichtige bildungspolitische Fragen zu sprechen, mit Hilfe derer man den Aufstiegswillen befördern kann, verzettelt sie sich in einem unnötigen Streit um türkische Gymnasien."

Der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen Cem Özdemir kritisierte die Debatte scharf: "Offensichtlich gibt es eine Allergie gegen alles, was mit der Türkei und der türkischen Sprache zu tun hat." Das führe zu Gegenreaktionen und erschwere die Integration.