Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.1.2010

Studie in europäischen Großstädten: Muslime werden stärker diskriminiert

Muslime in Europa sind zunehmend Diskriminierungen ausgesetzt, obwohl sich die meisten mit der Stadt und dem Land, in dem sie leben, identifizieren. Dies geht aus einer Studie des Open Society Institute hervor, die Mitte Dezember in London vorgestellt wurde. Muslime in elf europäischen Großstädten wurden zu ihrer Lebenssituation befragt, unter anderem auch in Berlin und Hamburg.

In der Studie "Muslims in Europe: A Report on 11 EU Cities" des Open Society Institute geht es um die politische, soziale und wirtschaftliche Partizipation von Muslimen auf lokaler, nationaler und europäischer Ebene. Der Studie zufolge leben 15 bis 20 Mio. Muslime in der EU, hauptsächlich in den großen Metropolen und Industriestädten. Bis 2025 werde sich ihre Zahl voraussichtlich verdoppeln.

Grundlage der nicht-repräsentativen Studie waren rund 2.200 persönliche Interviews mit 1.110 Muslimen und 1.089 Nicht-Muslimen im Zeitraum von Januar 2008 bis Juni 2009. Die elf ausgewählten Städte waren Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen, Berlin, Hamburg, Kopenhagen, Leicester, London, Marseille, Paris und Stockholm.

Der über 300 Seiten umfassende Abschlussbericht enthält positive Beispiele für Anti-Diskriminierungsarbeit auf lokaler Ebene und konkrete Empfehlungen für Behörden zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Muslimen und anderen Minderheiten in Bereichen wie Bildung, Arbeit, Gesundheit und Medien.

Diskriminierung

69 % der befragten Muslime und 56 % der befragten Nicht-Muslime gaben an, dass religiöse Diskriminierung in den vergangenen fünf Jahren zugenommen habe. Zielgruppe waren v. a. Menschen islamischen Glaubens, worin nahezu alle Befragten übereinstimmten (98 % der Muslime und 93 % der Nicht-Muslime). Insgesamt berichtete jeder zweite Muslim, innerhalb der vergangenen 12 Monate schon einmal religiös diskriminiert worden zu sein, aber nur 9 % der Nicht-Muslime. Muslimische Frauen gaben an, wegen ihrer Verschleierung diskriminiert worden zu sein.

Arbeitsmarkt

Jeder fünfte Muslim in der Befragung war arbeitslos. Muslime waren damit fast dreimal häufiger ohne Arbeit als Nicht-Muslime (7 %).

Zugehörigkeit

Entgegen weit verbreiteter Annahmen gaben viele der befragten Muslime an, keineswegs in Wohnvierteln leben zu wollen, wo sie mehrheitlich unter sich sind, sondern lieber in ethnisch und religiös gemischten Wohnvierteln. Auch befürchteten sie Nachteile für ihre Kinder, wenn sie sie auf eine nicht ethnisch gemischte Schule schickten. Genaue Zahlen liefert die Studie zu diesem Aspekt jedoch nicht.

Hinsichtlich ihres nationalen Zugehörigkeitsgefühls ist ein Ergebnis der Studie, dass sich die befragten Muslime stärker zu dem Land, in dem sie leben, zugehörig fühlten, je mehr sie durch Arbeit oder Ausbildung in die Mehrheitsgesellschaft eingebunden sind. Insgesamt identifizierten sich 61 % der Muslime (73 % der Nicht-Muslime) stark mit dem jeweiligen Land und 72 % mit ihrem Wohnort (76 % der Nicht-Muslime). Von ihnen gab jeder Zweite an, dass er sich von der Mehrheitsgesellschaft nicht als zugehörig betrachtet fühlt.

Diese Kluft zwischen Selbstwahrnehmung und vermuteter Außenwahrnehmung war in den beiden britischen Städten der Untersuchung am stärksten ausgeprägt. Hier gaben zwar 82 % in Leicester und 72 % in London an, sich als Briten zu fühlen, aber nur 40 % der befragten Muslime glaubten, dass auch andere sie als Briten betrachten.

In den beiden deutschen Städten, Berlin und Hamburg, war das nationale Zugehörigkeitsgefühl am schwächsten ausgeprägt. Nur etwa jeder vierte Muslim in der Bundesrepublik (25 % in Berlin, 22 % in Hamburg) gab an, sich als Deutscher zu fühlen. Jeweils 11 % sagten, dass auch andere sie als Deutsche wahrnehmen. Anlässlich dieser Zahlen sagte Berlins Integrationsbeauftragter Günter Piening: "Hier spiegelt sich nicht etwa ein besonderer Integrationsunwillen der deutschen Muslime oder gar die Ablehnung des deutschen Verfassungswesens wider, sondern hier zeigen sich die Folgen einer viel zu spät begonnenen und halbherzig geführten Anerkennungspolitik."

Empfehlungen

Den Städten empfehlen die Autoren dringend, die ethnische und religiöse Mischung von Wohnvierteln zu unterstützen. Muslime dürften keinerlei Einschränkung oder Diskriminierung bei der Wohnungssuche erleben. Auf kommunaler Ebene sollten die verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen an Schulen, im Geschäftsleben und am Arbeitsplatz stärker interagieren. Nach dem Vorbild von Amsterdam, Antwerpen und Kopenhagen sollten alle Städte Kampagnen entwickeln, "die eine gemeinsame und integrative Identität der Stadt hervorheben, um Einheit und Zusammenhalt wirksam zu stärken", heißt es in der Studie.

Auf staatlicher Ebene befürworten die Verfasser, die Einbürgerung für Drittstaatenangehörige zu erleichtern und doppelte Staatsbürgerschaften zu dulden. Auch das Wahlrecht für Drittstaatenangehörige solle nicht mehr nur auf kommunaler, sondern auch auf nationaler Ebene gelten (vgl. MuB 8/08, 7/08).

Der EU schlagen die Verfasser vor, mehr Informationen und statistische Daten über Minderheiten zu sammeln, um somit eine Grundlage für politische Entscheidungen und für den Informations- und Erfahrungsaustausch untereinander zu schaffen. Außerdem sollte es mehr Unterstützung für Einrichtungen zur Bekämpfung von Diskriminierung geben.

Fazit

"Viele Europäer glauben, dass religiöse Identität ein Hindernis für eine gelungene Integration darstellt. Dennoch ist die Mehrheit der Muslime ihren Ländern und Städten gegenüber, in denen sie leben, loyal", sagte die Projektleiterin Nazia Hussain. Europa müsse sein Versprechen halten und integrierender und offener werden. Insbesondere das kürzlich erfolgte Verbot von Minaretten in der Schweiz habe gezeigt, dass Islamfeindlichkeit in Europa ein ernstes Problem sei, mahnte Hussain.