Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.1.2010

Deutschland: Studie zu Auswirkungen der Nichtanerkennung ausländischer Abschlüsse

Die Nichtanerkennung von im Ausland erworbenen Berufs- oder Bildungsabschlüssen erschwert die Integration in den Arbeitsmarkt. Dies gilt besonders für Personen mit Migrationshintergrund, die Arbeitslosengeld II beziehen. Die Grundsicherungsstellen können den Betroffenen aus organisatorischen Gründen praktisch keine Unterstützung bei der Anerkennung ihrer Abschlüsse leisten. Zu diesen Ergebnissen kommt das Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen in der im Dezember 2009 vorgestellten Studie "Verschenkte Potenziale".

Das Forschungsprojekt "Auswirkungen des SGB II auf Personen mit Migrationshintergrund" wurde von 2007 bis 2009 in einem Forschungskonsortium unter Leitung des IAQ im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales durchgeführt. Dem Konsortium gehörten neben verschiedenen Wissenschaftlern auch das Zentrum für Türkeistudien, das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg sowie TNS Emnid an. Die Daten beruhen auf einer repräsentativen Befragung von über 11.000 Personen, die im Oktober 2006 ALG II ("Hartz IV") bezogen. Von diesen Befragten hatten 28,6 % einen Migrationshintergrund, während ihr Anteil in der Gesamtbevölkerung bei nur 19 % liegt. Außerdem wurden 16 Fallstudien in Grundsicherungsstellen durchgeführt, die Experteninterviews mit Leitungs- und Fachkräften sowie mit Vertretern von kommunalen Migrantennetzwerken umfassten.

Herkunftsstruktur

Von den ALG II–Beziehern mit Migrationshintergrund kommen rund 30 % aus den mittel- und osteuropäischen Staaten (einschließlich GUS). Zusammen mit Aussiedlern stellt diese Gruppe etwa 48 % der ALG II-Empfänger mit Migrationshintergrund. Danach folgt mit 23 % die Gruppe der türkischstämmigen ALG II-Bezieher.

"Verlorene" Qualifikationen

Knapp 29 % der zugewanderten ALG II-Bezieher haben im Ausland einen Berufsabschluss erworben, der in Deutschland nicht anerkannt wird. Diese Menschen werden in den Informationssystemen der Bundesagentur für Arbeit als Personen ohne beruflichen Abschluss geführt. Der Grund: Die im Ausland erworbenen Berufsqualifikationen können von der entsprechenden Software nicht erfasst werden, da sie nicht der berufsfachlichen Strukturierung des deutschen Arbeitsmarktes entsprechen. Besonders gravierend ist dies für die Gruppe der Aussiedler und Personen aus Mittel- und Osteuropa (einschließlich GUS). Von diesen haben knapp 39 % bzw. rund 45 % im Ausland einen beruflichen Abschluss erworben, der in Deutschland nicht anerkannt wird.

Im Hinblick auf die unterschiedlichen Qualifikationen werden akademische Abschlüsse aus dem Ausland allerdings deutlich häufiger anerkannt als Qualifikationsabschlüsse auf dem Niveau einer schulischen Ausbildung oder Lehre.

Arbeitsmarktintegration

Die Beschäftigungschancen von Personen mit ausländischen Abschlüssen hängen stark davon ab, ob diese Abschlüsse in Deutschland anerkannt werden. Wird der Abschluss nicht anerkannt, sind die Chancen auf Integration in den Arbeitsmarkt ebenso schlecht wie für ALG II-Bezieher ohne jeglichen Berufsabschluss.

Probleme in Grundsicherungsstellen

Aufgrund der geteilten Zuständigkeiten im Anerkennungsprozess von ausländischen Bildungsabschlüssen sind die zugewanderten ALG II-Bezieher auf Unterstützung angewiesen. Nur in Ausnahmefällen verfügen die Mitarbeiter der Grundsicherungsstellen jedoch über die nötigen Fachkenntnisse. Auch wissen viele Vermittlungsfachkräfte nicht, dass Kosten für Anerkennungsverfahren bis zu einer Höhe von 260 EUR von den Grundsicherungsstellen übernommen werden können. Noch liegen keine organisatorischen Routinen zur Verwaltung dieser Anerkennungsanträge vor.

Empfehlungen

Die Autoren der Studie empfehlen, die Anerkennungsverfahren einheitlicher und einfacher zu gestalten. Entsprechende Kenntnisse und Organisationsroutinen müssten in Grundsicherungsstellen etabliert werden, welche die Anerkennung von ausländischen Bildungsabschlüssen von einer Ausnahme- zu einer Standardaufgabe werden lassen. Hierzu müssten die Grundsicherungsstellen fachlich, organisatorisch und personell unterstützt werden, um vorhandene Qualifikationen von Arbeitssuchenden auszuschöpfen und so die Integration in den Arbeitsmarkt zu erleichtern. Die Bundesregierung kündigte Ende des letzten Jahres eine Initiative zur Verbesserung der Anerkennung ausländischer Abschlüsse an (siehe MuB http://1/10).
Fatma Ebcinoğlu, Diplom-Ökonomin, Bremen International Graduate School of Social Sciences