Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.12.2009

Deutschland: Studie zu Wertvorstellungen

Immer mehr junge Türkischstämmige in Deutschland fühlen sich unerwünscht, ein Großteil will in die Türkei übersiedeln. Dies geht aus einer Studie der Meinungsforschungsinstitute Info GmbH (Berlin) und Liljeberg Research International (Antalya) hervor, die Mitte November in Berlin vorgestellt wurde.

Für die repräsentative Studie mit dem Titel "Deutsch-türkische Wertewelten" wurden rund 1.000 Personen ab einem Alter von 15 Jahren am Telefon befragt, jeweils ein Drittel Deutsche, Türkeistämmige in Deutschland und Türken in der Türkei. Schwerpunkt der Studie waren Einstellungen zu den Themen Heimat, Grundrechte, Rollenverständnis, Sexualität und Religion.

Heimat

45 % der befragten Deutsch-Türken gaben an, sich in Deutschland unerwünscht zu fühlen. 62 % sahen sich "zwischen den Welten": als Türken in Deutschland und als Deutsche in der Türkei. 42 % planen eine Rückkehr bzw. Übersiedlung in die Türkei, wobei die 15- bis 29-Jährigen, von denen 62 % in Deutschland geboren wurden, häufiger "zurück" wollen als ältere.

Grundrechte

Übereinstimmend gaben je etwa 90 % der drei untersuchten Gruppen an, Werte wie Respekt gegenüber anderen Religionen und Kulturen, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie als wichtig zu erachten. In deutsche Institutionen setzten die Deutsch-Türken sogar ein deutlich stärkeres Vertrauen als die Deutschen.

Rollenverständnis und Sexualität

Gravierende Unterschiede fanden sich hinsichtlich des Rollenverständnisses in der Familie und religiöser Ansichten. Dass Kindererziehung Frauensache ist, sagten 52 % der Türken und 32 % der Deutsch-Türken, aber nur 9 % der Deutschen. 43 % der jüngeren Deutsch-Türken bejahten zudem, dass v. a. der Mann die Familie nach außen repräsentiere, aber nur 31 % der älteren. Diese Meinung teilten 18 % der befragten Deutschen und 62 % der Türken.

Gegen vorehelichen Sex der Frau waren 84 % der Türken in der Türkei, 56 % der Türkeistämmigen in Deutschland und 7 % der Deutschen.

Religion

Für 89 % der Deutsch-Türken und 98 % der Türken in der Türkei ist es wichtig, an Gott zu glauben. Von den Deutschen sagten dies nur 51 %. Hinsichtlich interreligiöser Eheschließungen in der eigenen Familie fänden es 28 % der Deutschen "unangenehm", wenn ein gläubiger Moslem in ihre Familie einheiraten würde. 8 % hätten ein Problem mit einem gläubigen Christen, 20 % mit einem Juden und 17 % mit einem Atheisten. Dagegen fänden es 40 % der Deutsch-Türken und 63 % der Türken "unangenehm", einen gläubigen Christen in die Familie aufzunehmen. Bei einer Eheschließung mit Juden lag die Ablehnung bei 48 % unter den Deutsch-Türken und 72 % unter Türken. Am meisten Ablehnung erfuhr die Vorstellung, dass ein bekennender Atheist in die Familie einheiratet (69 % der Deutsch-Türken, 87 % der Türken).

Fazit

Den Autoren der Studie zufolge erfüllt die Gruppe der Türkeistämmigen in Deutschland formal alle Merkmale einer ethnischen Minderheit, die "fest zu ihren kulturellen und religiösen Wurzeln und den türkischen Werten steht und nicht bereit ist, grundsätzlich davon abzulassen". Anpassungsdruck von Seiten der deutschen Öffentlichkeit führe jedoch zu Desintegration. "Gerade die Jüngeren, die mehr Berührungs- und damit auch Reibungspunkte mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft haben, stoßen ständig auf Ablehnung", erläuterte Geschäftsführer Holger Liljeberg. Ihr Wunsch, in die Türkei zu ziehen, sei als eine Gegenreaktion zu verstehen.

Eines der Hauptprobleme sind laut Liljeberg Sprachbarrieren, u. a. durch die lange ausschließliche Erziehung der Kinder in der eigenen Familie und damit außerhalb öffentlicher Kinderbetreuungseinrichtungen. Damit Integration besser gelinge, forderte er, den Anpassungsdruck zu senken und stärker auf die kulturellen Gewohnheiten und Besonderheiten der Einwanderer aus der Türkei Rücksicht zu nehmen.

Reaktionen

Kenan Kolat, Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, sagte: "Es ist fatal, wenn Jugendliche, die hier geboren sind und die wir hier ausgebildet haben, unser Land wieder verlassen wollen." Den Grund dafür sieht Kolat in einer "unterschwelligen Diskriminierung", die viele Türken in Deutschland erlebten. Wenn so viele Menschen sich in Deutschland nicht angenommen fühlten, müsse dringend etwas getan werden.