Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.12.2009

Europa: Vorurteile weit verbreitet

Vorurteile gegenüber bestimmten sozialen Gruppen, so genannte "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit", ist in europäischen Gesellschaften weit verbreitet. Laut den diesjährigen Ergebnissen einer Langzeitstudie der Universität Bielefeld sind die Hälfte der Europäer der Meinung, in ihrem Land lebten zu viele Ausländer. Der Aussage, es gäbe eine "natürliche Hierarchie zwischen Schwarzen und Weißen", stimmten fast ein Drittel der Europäer und der Deutschen zu.

Für die Untersuchung "Europäische Zustände. Ergebnisse einer Studie über gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Europa", die Mitte November in Berlin vorgestellt wurde, hat das Zentrum für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld die Einstellung von Europäern gegenüber acht verschiedenen sozialen Gruppen untersucht. Die Untersuchung wird unter dem Titel "Deutsche Zustände" seit 2002 unter Leitung von Wilhelm Heitmeyer jährlich für die Bundesrepublik erhoben (vgl. MuB 1/08). Erstmalig wurde sie nun international vergleichend durchgeführt.

An der repräsentativen Studie nahmen im Winter 2008/09 jeweils 1.000 Personen ab 16 Jahren in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, Italien, Portugal, Polen und Ungarn teil. Die Frauen und Männer wurden zu ihrer Einstellung gegenüber Einwanderern, ethnisch-kulturellen Minderheiten, Juden, Muslimen, Frauen, Homosexuellen sowie obdachlosen und behinderten Menschen befragt. Dabei stellte sich heraus, dass die Art der Vorurteile gegen die genannten Gruppen in Europa weitgehend übereinstimmt. Es gibt jedoch Unterschiede in der Intensität. Unter den untersuchten Ländern ist die Zustimmung zu negativen Aussagen über einzelne Gruppen in Polen und Ungarn am stärksten, in den Niederlanden am geringsten. Deutschland liegt im Mittelfeld.

Ausländer

Ungefähr 50 % der Befragten in Europa und Deutschland gaben an, dass sie sich "durch die vielen Zuwanderer manchmal wie Fremde fühlen" in ihrem Land. Ebenso viele stimmten der Aussage zu, dass es in ihrem Land zu viele Einwanderer gebe. 48 % der befragten Europäer und über 42 % der Deutschen gaben an, Einheimische sollten bevorzugt werden, wenn Arbeitsplätze knapp seien.

Juden

Der Aussage "Juden haben zu viel Einfluss in meinem Land" stimmten 25 % der befragten Europäer und fast 20 % der befragten Deutschen zu. Die Ablehnung von Juden war in Ungarn und Polen besonders hoch: 50 % der befragten Polen und fast 70 % der befragten Ungarn meinten, Juden hätten in ihrem Land "zu viel Einfluss". Zugleich erkannten fast 62 % der Befragten in Europa und knapp 69 % in Deutschland an, dass das Judentum die Kultur ihres Landes bereichert.

Muslime

Gut über die Hälfte der Befragten in Deutschland und in den anderen europäischen Ländern halten den Islam für "eine Religion der Intoleranz". Über 55 % der befragten Europäer waren der Meinung, dass Muslime zu viele Forderungen stellen.

Rassismus

Über 30 % der Befragten in Europa und Deutschland sind der Meinung, es gebe eine "natürliche Hierarchie zwischen Schwarzen und Weißen". Über 13 % der Befragten sind gegen Eheschließungen zwischen Schwarzen und Weißen.

Minderheiten

Die Ablehnung von Minderheiten oder sozialen Gruppen beschränkt sich laut Studie nicht nur auf Einwanderer und Menschen anderer Religionszugehörigkeit. Personen, die Vorurteile gegen diese Gruppen hatten, stimmten meist auch negativen Aussagen über Frauen, Homosexuelle, Behinderte und Obdachlose zu.

Die Verbreitung von Vorurteilen hat sich in Deutschland im Vergleich zum letzten Jahr laut der Studie nicht verändert. In den Jahren zuvor waren die Werte leicht zurückgegangen.

Gründe für Vorurteile

Die Teilnehmer der Umfrage wurden auch zu ihren politischen Einstellungen, ihrer Meinung zur gesellschaftlichen Ordnung und anderen Ansichten befragt, um Gründe für ihre Vorurteile festzustellen. Subjektive Wahrnehmungen und Gefühle, wie der Wunsch nach Autorität, Gefühle wirtschaftlicher Bedrohung und politischer Machtlosigkeit sowie Religiosität fördern die Herausbildung von Vorurteilen.

Die Befragung ergab außerdem, dass die Verbreitung von Vorurteilen mit steigendem Alter und geringerer Bildung zunimmt. Dies zeigt laut den Autoren, dass Bildung, die demokratische Grundprinzipien betont, gegen die Verbreitung von Vorurteilen wirksam sei. Der Leiter der Forschungsgruppe Heitmeyer betonte, dass das Gefühl der Einflusslosigkeit in der Gesellschaft tief eingesickert sei: "Dann wendet man sich nicht gegen die starken Gruppen, sondern gegen die Schwachen".

Barbara Bils, Osteuropawissenschaftlerin und Volkswirtin, Vilnius