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Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.9.2009

Deutschland: Generationsunterschiede bei der Integration

Türkeistämmige Migranten der jüngeren Generation sind deutlich besser integriert als ältere Migranten. Vor allem bei Jugendlichen gab es in den letzten Jahren erstaunliche Fortschritte bei der Integration.

Die neunte Mehrthemenbefragung "Türkeistämmige Migranten in Nordrhein-Westfalen und in Deutschland: Lebenssituation und Integrationsstand" wurde am 20. August von der Stiftung Zentrum für Türkeistudien (ZFT) offiziell vorgestellt. Für die Studie wurden im Oktober 2008 1.000 volljährige türkeistämmige Migranten in Nordrhein-Westfalen und erstmals auch über 650 türkeistämmige Migranten aus anderen Bundesländern befragt. Für eine andere Studie des Instituts für Empirische Bildungsforschung der Universität Würzburg wurden in den Jahren 2005 bis 2008 insgesamt 830 Hauptschüler türkischer Herkunft im Alter von 12 bis 17 Jahren befragt.

Altersstruktur

Die Befragung des Zentrums für Türkeistudien ergab, dass die türkeistämmige Bevölkerung in Deutschland mit rund 40 Jahren im Durchschnitt etwas jünger ist als die deutsche Bevölkerung, deren Durchschnittsalter 2007 bei knapp 43 Jahren lag. Allerdings steigt das Durchschnittsalter der türkeistämmigen Bevölkerungsgruppe kontinuierlich an.

Familien

Die Familien sind mit 3,8 Personen im Durchschnitt fast doppelt so groß wie deutsche Familien (2,08 Familienmitglieder). 80 % der Befragten waren verheiratet; dagegen leben nur 45 % der erwachsenen Gesamtbevölkerung Deutschlands in einer Ehe.

Aufenthaltsdauer

Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer liegt bei 25 Jahren. Knapp 20 % der befragten Migranten waren selbst als Arbeitsmigranten eingewandert, rund 30 % kamen als Heiratsmigranten und etwas weniger als die Hälfte gehört zu den Nachfolgegenerationen.

Bildung

Das Bildungsniveau der türkeistämmigen Bevölkerung ist insgesamt niedrig. Gut ein Viertel hat keinen qualifizierenden Schulabschluss, mehr als die Hälfte keine berufliche Ausbildung. Allerdings gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Generationen. In der Gruppe der über 60-Jährigen haben zwei Drittel der Befragten keinen Schulabschluss, bei den unter 30-Jährigen sind es lediglich 6 %. Immerhin 17 % der unter 30-Jährigen haben das deutsche Abitur. Beim Bildungsniveau zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern. So haben 25 % der unter 30-jährigen Frauen das deutsche Abitur, aber nur rund 8 % der Männer der gleichen Altersgruppe. In der Gesamtbevölkerung haben 45 % der Frauen und 38 % der Männer zwischen 20 und 30 Jahren das Abitur oder einen Fachhochschulabschluss.

Gut die Hälfte der türkeistämmigen Migranten schätzt ihre Deutschkenntnisse als gut bis sehr gut ein. Dabei ist der Anteil in der jüngsten Generation (<30 Jahre) erwartungsgemäß höher (75 %).

Die Studie der Universität Würzburg ergab, dass der Wunsch von Jugendlichen, sich sowohl auf Türkisch als auch auf Deutsch verständigen zu können, in den Jahren seit 2005 stark angestiegen ist. Über 60 % der 2008 befragten Jugendlichen gaben an, mit ihren Eltern beide Sprachen zu sprechen.

Komplexe Identitäten

Die Studie des Türkeizentrums hat einen Index aus der Bindung an die Türkei oder Deutschland als Heimatland, dem Rückkehrwunsch, der Staatsangehörigkeit und dem Wunsch nach Einbürgerung gebildet. Gemäß diesem Index haben rund 25 % der befragten Migranten ihre kulturelle Orientierung eindeutig auf Deutschland ausgerichtet, 17 % eindeutig auf die Türkei. Fast 60 % der befragten Erwachsenen haben Misch- oder Doppelidentitäten. Der Anteil der eindeutig auf Deutschland ausgerichteten ist mit 37 % bei den unter 30-Jährigen mehr als doppelt so hoch wie unter den über 60-Jährigen. Auch bei den befragten Jugendlichen in der Studie der Uni Würzburg gab fast die Hälfte an, sich an der deutschen Gesellschaft zu orientieren. Nur 13 % der Jugendlichen wünschten sich, in die Türkei zu ziehen.

Kontakte zu Deutschen

Neun von zehn Migranten haben laut Zentrum für Türkeistudien Kontakt zu Deutschen, 43 % haben deutsche Freunde. Bemerkenswert ist, dass sich über die Hälfte der Befragten mehr Kontakt zu Deutschen wünscht. Bei den von der Universität Würzburg befragten Jugendlichen gaben 2007 über 60 % an, ihr Freundeskreis bestehe aus Türken und Deutschen. Dieser Anteil ist seit 2005 um sechs Prozentpunkte gestiegen. Allerdings gibt es unter türkeistämmigen Frauen auch 10 %, die keinen Kontakt zu Deutschen haben.

Die ZFT-Befragung ergab, dass nur 3 % der türkeistämmigen Bevölkerung als eher nicht oder gar nicht in die Mehrheitsgesellschaft eingebunden gelten können. Da sich dieser Prozentsatz über die Jahre nicht verändert hat, kann nach Einschätzung der Autoren der Studie von einer Entstehung von Parallelgesellschaften kaum die Rede sein.

Politikinteresse

Nach wie vor ist bei der türkeistämmigen Bevölkerung das Interesse an türkischer Politik größer als das an deutscher Politik. Über die Hälfte der Befragten ist nicht an Politik in Deutschland interessiert. Als Gründe für ihr Desinteresse gaben die meisten Befragten an, dass sie ihre Interessen weder von deutschen Institutionen noch von Migrantenorganisationen oder der türkischen Regierung vertreten sehen. Nur knapp 27 % denken, dass die Bundesregierung ihre Interessen vertritt, 34 % meinten dies von türkischen Selbstorganisationen und rund 26 % von der türkischen Regierung. Als die dringendsten Probleme, die von der Politik in Deutschland zu lösen seien, bezeichneten über 90 % der türkeistämmigen Migranten Arbeitslosigkeit, Lehrstellenmangel und schlechte Bildungschancen.

Trends

Die meisten Ergebnisse der Mehrthemenbefragung des Türkeizentrums sind über die Jahre seit der ersten Erhebung 1999 vergleichsweise stabil (die ersten acht Befragungen fanden nur in Nordrhein-Westfalen statt). Vor allem die Unterschiede zwischen der ältesten Generation der über 60-Jährigen und der jüngsten Generation der unter 30-Jährigen, etwa im Hinblick auf den Bildungsstand und die Kontakte zu Deutschen, deuten auf eine Tendenz zu stärkerer Integration in der Zukunft hin. Auch bei den von der Universität Würzburg befragten Hauptschülern gab es innerhalb der vier Jahre, in denen die Befragung durchgeführt wurde, deutliche Tendenzen zu einer stärkeren Orientierung auf Deutschland und mehr Kontakten zu gleichaltrigen Deutschen.

Barbara Bils, Osteuropawissenschaftlerin und Volkswirtin, Vilnius