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1.4.2009

Vereinte Nationen: Menschenhandel nimmt zu

Die registrierten Fälle des Menschenhandels nehmen zu, obwohl die Nationalstaaten ihre Bemühungen im Kampf gegen die Menschenhändler verstärken. Dies geht aus dem zweiten UN-Bericht zum weltweiten Menschenhandel hervor. Frauen stellen die größte Opfergruppe, nehmen allerdings auch eine wichtige Täterrolle ein.

Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) stellte im Februar seinen zweiten Bericht zum weltweiten Menschenhandel (Global Report of Trafficking in Persons) vor (vgl. MuB 9/04, 7/04, 10/03, 4/00 ). Der Bericht basiert auf den Kriminalstatistiken von 155 Ländern sowie den Zahlen sozialer Einrichtungen und internationaler Organisationen (IOM, ILO, ECOWAS, Interpol, u. a.). Die gesammelten Daten umfassen den Zeitraum 2003 bis 2007 und präsentieren damit die Entwicklungen im Kampf gegen Menschenhandel seit Inkrafttreten des UN-Protokolls gegen Menschenhandel im Dezember 2003.

Opfer

Aufgrund der heterogenen Datenlage und der vermutlich hohen Dunkelziffer ist eine eindeutige Entwicklung des Phänomens nur schwer aufzuzeigen. Tendenziell verzeichnen die Verfasser des Berichts jedoch ein Ansteigen der Opferzahlen. Waren 2003 in 71 der 155 untersuchten Staaten rund 11.700 Personen vom Menschenhandel betroffen, stieg diese Zahl innerhalb der folgenden drei Jahre um 27 % auf 14.900 (2006) an. Aufgrund der zunehmenden Überwachung und Dokumentation des Menschenhandels erhöhte sich die Zahl der 2006 weltweit registrierten Opfer auf insgesamt etwa 21.400 Personen (in 111 Staaten).

Vier Fünftel (79 %) der Opfer waren weiblich, ein Fünftel (21 %) männlich. Auch die Zahlen der betroffenen Minderjährigen sind in diesem Zeitraum deutlich gestiegen (2003: 14 %, 2006: 22 %).

In der Mehrzahl der Fälle wurden die Opfer mit der Absicht der sexuellen Ausbeutung (79 %) und Zwangsarbeit (18 %) verschleppt und verkauft. Die Verfasser des Berichts sprechen daher auch von "moderner Sklaverei". Andere Absichten wie Zwangsheirat, Organhandel, Kriegsdienst oder Kinderbettelei konnten nur in Einzelfällen nachgewiesen werden.

Die am stärksten vom Menschenhandel betroffenen Regionen sind Zentral- und Südostasien, das subsaharische Afrika und einige südamerikanische Staaten. Die wichtigsten Zielregionen sind die zentral- und westeuropäischen Staaten sowie die USA.

Täter

Menschenhandel findet sowohl innerstaatlich als auch grenzüberschreitend statt. Der länderübergreifende Menschenhandel fand im Untersuchungszeitraum überwiegend zwischen Ländern in einer Region statt. Die Verfasser konnten jedoch auch einen Anstieg des interkontinentalen Menschenhandels feststellen. Dem Bericht zufolge kooperieren kriminelle Netzwerke in den Herkunfts- und Zielstaaten miteinander, wobei Diasporagemeinden in den Zielstaaten oft als Zwischenstation für die geschleusten Personen dienen.

Im Rahmen der Auswertung der Täterprofile wurde erstmals festgestellt, dass auch Frauen eine wichtige Täterrolle im internationalen Menschenhandel einnehmen. Dies ergaben die Kriminalstatistiken von 46 der untersuchten 155 Länder, die eine Auswertung nach Alter, Geschlecht und Nationalität der Menschenhändler zuließen. In 14 der 46 Länder wurden mehr Frauen als Männer strafrechtlich wegen Menschenhandels belangt.

Gegenmaßnahmen

Noch im Jahr 2003 galt Menschenhandel nur in etwas mehr als einem Drittel aller untersuchten Staaten als Straftat. Seit dem Inkrafttreten des UN-Protokolls haben viele Staaten ihre Bemühungen im Kampf gegen den Menschenhandel intensiviert. Bis zum November 2008 haben vier Fünftel aller in dem Bericht berücksichtigten Länder Menschenhandel unter Strafe gestellt und in ihre Strafgesetzbücher aufgenommen.

Trotz der zunehmenden Verankerung des Straftatbestandes Menschenhandel in den nationalen Rechtsprechungen bleiben die Strafverfolgungszahlen niedrig. In 50 der untersuchten Länder kam es zwischen 2003 und 2007 zu keiner einzigen Anklage wegen Menschenhandels, in 91 Ländern mindestens einmal. Dementsprechend niedrig waren die Zahlen der Verurteilungen zwischen 2003 und 2007. In 62 Ländern kam es in diesem Zeitraum zu keiner Verurteilung, in 26 Ländern zu maximal zehn Schuldsprüchen pro Jahr und in 45 Staaten zu mehr als zehn Verurteilungen.

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Info

Menschenhandel in Deutschland

In Deutschland steht Menschenhandel seit 1973 unter Strafe. Mehrmals wurde die Gesetzeslage an die Anforderungen des UN-Protokolls angepasst (vgl. MuB 9/04). Seit 2005 umfasst sie auch den Menschenhandel zur Ausbeutung der Arbeitskraft (Strafgesetzbuch, Abschnitt 18, §§ 232-233). Die dokumentierten Zahlen zum Menschenhandel sind rückläufig (2003: 1.235, 2007: 689). Etwa jedes fünfte registrierte Opfer besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft und mindestens die Hälfte kommt aus den angrenzenden osteuropäischen Ländern. Deutschland ist auch eines der Zielländer für den globalen grenzüberschreitenden Menschenhandel. Unter den registrierten Opfern fanden die ermittelnden Behörden sowohl Personen aus Asien als auch aus Afrika. Den 664 Verdachtsfällen im Jahr 2006 stehen 150 Verurteilungen wegen Menschenhandels gegenüber.
www.bmj.bund.de/enid/
Das UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung sieht die dringende Notwendigkeit einer engeren Zusammenarbeit der einzelnen Staaten, um Menschenschmuggel effektiv bekämpfen zu können. Die Welt müsse "aufwachen" und sich der Tatsache einer "modernen Form der Sklaverei" bewusst werden, schreibt Antonio Maria Costa, Direktor des UNODC in seinem Vorwort. Dafür müssten Daten nach einheitlichem Maßstab gesammelt und miteinander ausgetauscht sowie die nationalen Gesetze und Prozeduren ausgebaut und aneinander angeglichen werden. Der Mangel an Wissen und die fehlende Koordination von Gegenmaßnahmen verstärke Costa zufolge "ein Problem, dass uns alle beschämt".