Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.4.2009

Neue Datenbank: Illegal in Europa

Das Hamburgische Welt-WirtschaftsInstitut kommt in einer auf einzelnen Länderschätzungen basierenden Analyse auf 2,8 bis 6 Mio. Menschen ohne regulären Aufenthaltsstatus. Damit sind diejenigen Nicht-EU-Bürger gemeint, die weder ein Aufenthaltsrecht noch eine Arbeitserlaubnis haben oder die während eines touristischen Aufenthalts illegal arbeiten.

Bisher wird in Veröffentlichungen der Europäischen Union davon ausgegangen, dass es in der EU zwischen 4,5 und 8 Mio. Zuwanderer ohne regulären Aufenthaltsstatus gibt. In der Tat stammen die für die aktuelle Politikentwicklung genutzten Zahlen ursprünglich aus dem Jahr 2005 und basieren auf europaweit angewandten "Daumenregeln". Das Hamburgische Welt-WirtschaftsInstitut (HWWI) kommt in einer auf einzelnen Länderschätzungen basierenden Analyse auf 2,8 bis 6 Mio. Menschen ohne regulären Aufenthaltsstatus. Damit sind nur diejenigen Nicht-EU-Bürger gemeint, die weder ein Aufenthaltsrecht noch eine Arbeitserlaubnis haben oder die während eines touristischen Aufenthalts illegal arbeiten. Die kleinere Zahl der HWWI-Schätzung bei immer noch großer Spannbreite zeigt, dass die empirischen Grundlagen für europäische Politiken dringend verbessert werden sollten. Der Ausbau des Kontrollregimes auf europäischer Ebene hat eine hohe Priorität und wird mit erheblichen Ressourcen ausgestattet, sodass eine solche Politik auf einer transparenteren und solideren Lageeinschätzung beruhen sollte.

Auch wenn Schätzungen zum Umfang irregulärer Migration und damit verbundener Folgeprobleme wahrscheinlich nie die Genauigkeit erreichen werden, die wissenschaftliche Analysen in manchen anderen Gebieten haben, so ist doch weitaus mehr möglich, als bisher in den meisten Ländern geleistet wird. Dies wurde im Forschungsprojekt CLANDESTINO deutlich, in dem Forschungspartner aus Griechenland, Deutschland,Großbritannien, Österreich und Polen sowie die Nichtregierungsorganisation PICUM zusammenarbeiten.

Ein wichtiges Ergebnis des CLANDESTINO-Projekts ist die Datenbank zur irregulären Migration, die im Februar 2009 online veröffentlicht wurde. Die Datenbank soll den Umfang irregulärer Migration in der EU transparenter machen. Kern der neuen Datenbank ist eine Inventarisierung und Klassifizierung von bestehenden Schätzungen zum Umfang und zur Zusammensetzung irregulärer Migration nach Geschlecht, Alter, Staatsangehörigkeit und Sektoren ökonomischer Aktivität. Innovativ ist die Datenbank v. a. wegen der konsistenten Struktur, der Klassifizierung der Schätzungen in Güteklassen sowie der Einbettung in eine umfangreiche Hintergrunddokumentation.

Nach Durchsicht der bisherigen Schätzungen scheinen vier Hauptwege zur Verbesserung der Datenlage Erfolg zu versprechen. Sie werden im Folgenden anhand von Länderbeispielen illustriert:
  • In Spanien wird die Residualmethode angewendet. Dort können sich auch Zuwanderer ohne regulären Status in Gemeinden registrieren lassen. Wenn es nun nach den Gemeinderegistern mehr Ausländer in Spanien gibt, als es nach offiziellen Zuwandererzahlen geben dürfte, wird die Differenz mit irregulärer Zuwanderung erklärt.
  • In Italien wurden relativ aufwendige Umfragen an Migrantentreffpunkten durchgeführt, bei denen auch Migranten ohne Status befragt werden.
  • In den Niederlanden wurden Kontrolldaten der Polizei genutzt, deren Verzerrungen erkannt und so gut wie möglich rechnerisch berücksichtigt werden.
  • Viele Expertenschätzungen basieren auf Multiplikatorüberlegungen, die zum Beispiel auf Beobachtungen in der Feldforschung oder den Arbeitsstatistiken von kontrollierenden und helfenden Behörden beruhen. Während einzelne Multiplikatoren nur ein einseitiges Bild liefern, kann ein systematischer Abgleich verschiedener Multiplikatoren bessere Ergebnisse erbringen. Einen solchen Ansatz entwickelt das HWWI-Team zurzeit für die Stadt Hamburg.

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Info

USA: Undokumentierte Einwanderung

Nach neuesten Angaben des US-amerikanischen Heimatschutzministeriums (Department of Homeland Security, DHS) ist die Zahl der undokumentierten Einwanderer von 2007 zu 2008 leicht auf 11,6 Mio. gesunken (2007: 11,8 Mio., 2005: 10,5 Mio.). Dies ist der erste Rückgang seit 2005.
Die meisten undokumentierten Migranten kamen den Schätzungen zufolge aus Mexiko (7,03 Mio. bzw. 61 %), El Salvador (570.000 bzw. 5 %) und Guatemala (430.000 bzw. 4 %) in die USA. Mehr als die Hälfte waren männlich (57 %), drei Viertel zwischen 18 und 44 Jahren alt (75 %).
Die Schätzungen des DHS beruhen auf Berechnungen nach der Residualmethode. Hierfür wurden die DHS-Daten zur regulären Einwanderung mit den Zahlen des US-Zensus zur im Ausland geborenen Bevölkerung abgeglichen. Die verbleibende Differenz entspricht dann dem Schätzwert zur undokumentierten Einwanderung.

Auch das Pew Hispanic Center verzeichnete Anfang 2008 einen Rückgang der undokumentierten Einwanderung bei leicht abweichenden Zahlen (2008: 11,9 Mio., 2007: 12,4 Mio., 2006: 11,5 Mio., 2005: 11,1 Mio.). www.dhs.gov/xlibrary/assets/statistics/
publications/ois_ill_pe_2008.pdf
und pewhispanic.org
Die Analyse der Trends der letzten Jahre und ihrer Ursachen ist ein weiterer Schritt zur Schaffung von mehr Transparenz, an dem zurzeit noch gearbeitet wird. Bisher lässt sich nur sagen, dass es mehr Hinweise auf eine sinkende als auf eine wachsende Bedeutung illegalen Aufenthalts in Europa gibt. Ein Grund dafür ist unter anderem die EU-Erweiterung. Dadurch sind bulgarische und rumänische Staatsangehörige, die sich vorher illegal aufgehalten haben, seit 2007 in den meisten Fällen aufenthaltsrechtlich legalisiert worden. Ein Rumäne, der heute im Einwohnermeldeamt nicht registriert ist, begeht eine Ordnungswidrigkeit – genauso wie ein Deutscher aus Bayern, der seinen neuen Wohnsitz in Berlin nicht amtlich registrieren lässt. Aber EU-Bürger aus den neuen Mitgliedstaaten EU8 und EU2 können illegal beschäftigt sein, wenn sie ohne die erforderliche Arbeitsgenehmigung arbeiten.

Ländervergleichend deuten Schätzungen eher auf geringe Bevölkerungsanteile von Zuwanderern ohne regulären Status hin: In vielen Ländern, wie Polen und den Niederlanden, werden Werte von unter 1 % ermittelt. In einigen wenigen Ländern, wie Spanien oder Griechenland, Werte bis zu 3 %. Vesela Kovacheva und Dita Vogel, Migration Research Group des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI)

Beiträge zum wissenschaftlichen Dialog über einzelne Länderschätzungen und die Gesamtschätzung sindwillkommen und werden bei einer Überarbeitung der Website im Rahmen des CLANDESTINO-Projektes berücksichtigt (clandestino.eliamep.gr).
Die Datenbank ist zu finden unter: irregular-migration.hwwi.net