Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.4.2009

Rezension - Robert Castel: Negative Diskriminierung. Jugendrevolten in den Pariser Banlieues.

Seit den Aufständen in den französischen Vorstädten in den Jahren 2005 und 2007 (vgl. MuB 1/08, 10/05) wird in Frankreich und in anderen europäischen Staaten intensiv über die Integration und Chancengleichheit der zweiten und dritten Einwanderergeneration diskutiert.

Der französische Soziologe Robert Castel hat die Jugendrevolten in Frankreich zum Anlass genommen, die gesellschaftlichen Verhältnisse des Landes unter die Lupe zu nehmen. Sein Ansatz ist dabei nicht, das Versagen der Vorstadtjugendlichen, ihrer Eltern oder des französischen Integrationssystems als erklärendes Moment heranzuziehen, sondern nach den ursächlichen gesellschaftlichen Verhältnissen zu fragen, die die Gewaltausbrüche 2005 und 2007 möglich gemacht haben. Im Zentrum steht dabei die Frage, inwiefern diese Jugendlichen in ihrem Alltag diskriminiert werden und welche Folgen dies für sie einerseits und die französische Gesellschaft andererseits hat. Diskriminiert zu werden heißt in diesem Zusammenhang, "aufgrund einer Eigenart abgestempelt zu werden, die man sich nicht ausgesucht hat, die aber für die anderen zum Stigma wird."

Ausgehend von der Geschichte der Banlieue als Trabantenstadt analysiert Castel die Entstehung der verzweifelten Überzeugung eines Großteils der Vorstadtjugendlichen, in der französischen Gesellschaft "keine Zukunft zu haben". Ursächlich dafür ist die nachweisbare Ungleichbehandlung der ethnischen Minderheiten. Dabei stellt die aggressive Allgegenwärtigkeit der Ordnungskräfte ein Anzeichen der Gleichsetzung einer ganzen Bevölkerungsgruppe mit potentiellen Straftätern dar. Die äußerst hohen Arbeitslosenraten sind Folgen nachweisbarer Benachteiligung im französischen Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt. In der religiösen Stigmatisierung als Muslime sieht der Autor dann den gesellschaftlichen Reflex auf die unübersehbaren sozialen Missstände.

Die Aufstände sind für den Pariser Professor ein Ausdruck der Empörung über die Ausgrenzung, die die Jugendlichen in ihrem Alltag erfahren. Diese Jugendlichen leben in einer Gesellschaft, die alles verspricht und wenig hält, schreibt der Soziologe. Das Etikett "mit Migrationshintergrund" sei ein deutliches Zeichen für die herrschende innergesellschaftliche Ablehnung, da es auf französische Staatsbürger angewandt würde, deren Verhältnis zur Migration mehrere Generationen zurückliege. In den Unruhen in den französischen Vorstädten habe sich das soziale und das ethnische Problem überlagert. Die dort lebenden Jugendlichen erleben diese an sie herangetragene "doppelte Benachteiligung der Rasse und der Klasse" und das damit verbundene Schwinden von Lebenschancen und -träumen tagtäglich.

In seinem Buch fragt Castel nicht nur nach den Zuständen in den Vorstädten, sondern auch nach den Verhältnissen im ländlichen Raum Frankreichs und stellt diese relativierend gegenüber. Er sucht nicht nur nach den herrschenden Problemen, sondern auch nach den Ursachen im gesellschaftlichen Miteinander. Castel gelingt es, die Gewaltausbrüche zu kritisieren, ohne dabei über die Jugendlichen zu urteilen, indem er nach den Beweggründen für die Aufstände fragt.

Die Banlieue stehe nicht "am Abgrund", sondern sei eine Baustelle, auf der sich das republikanische Modell beweisen müsse, betont Castel am Ende seiner Untersuchung. Es müsse zeigen, dass es sich nicht auf die Form "einer weitgehend monoethnischen, monokulturellen und monoreligiösen Gesellschaft" reduziert. Hierfür müsste man der Diskriminierung mutig entgegen treten und Fördermaßnahmen gegenüber stellen. Dies könnten ebenso Bildungsinitiativen oder Ausbildungspakte wie auch städtebauliche Veränderungen sein, von denen dann sowohl die sozial benachteiligten Bürger ohne Einwanderungsgeschichte als auch die Jugendlichen "mit Migrationshintergrund" profitieren können.

Robert Castel. Negative Diskriminierung. Jugendrevolten in den Pariser Banlieues. 2009, Hamburg, ISBN: 3868542019, 15 Euro. Online-Bestellung: www.his-online.de (Original: "La discrimination négative. Citoyens où indigènes?", erschienen 2007)