Japan's Homare SAWA (JPN) (M) and teammates celebrate the win of the world cup during the final match of the Women's Soccer World Cup between USA and Japan, Commerzbank-Arena in Frankfurt on July 17., 2011. Pressefoto Mika Finale der Fussball Frauen-Weltmeisterschaft zwischen USA und Japan am 17. Juli 2011 in der Commerzbank-Arena in Frankfurt. Pressefoto Mika

18.4.2011 | Von:
Simone Wörner und Nina Holsten

Frauenfußball - zurück aus dem Abseits

Bis zum Verbot: Anfänge in Deutschland

Der Frauenfußball hat in Deutschland keine so weit zurück reichende Tradition wie in England oder Frankreich. Als das Spiel nach Deutschland kam, fehlte es ihm zunächst generell an Akzeptanz, denn auch für Männer galt Fußball im Vergleich zum Turnen als zu kämpferisch, leistungsorientiert und undeutsch.[18] Abhandlungen über sinnvolle Leibesübungen für Frauen kreisten während des Kaiserreiches vor allem um die Frage, wie die weibliche Gesundheit und Anmut durch sportliche Betätigung gefördert werden könne. Ein Umdenken begann erst in der Zeit der Weimarer Republik. In dieser Aufbruchstimmung kam es zum Durchbruch des Frauensports, und es gab kaum eine Disziplin, in der Frauen sich nicht versuchten.

Ab Mitte der 1920er Jahre wurde dann die Frage, ob Frauen Fußball spielen sollten oder nicht, von Männern in Sportzeitschriften mit den aus der Geschlechterdifferenz abgeleiteten körperlichen und psychologischen Argumenten diskutiert.[19] Eine häufig wiederkehrende Begründung gegen Frauenfußball, die etwa innerhalb des Arbeiter-Turn- und Sportbundes (ATSB) angeführt wurde, war die Vorstellung, dass die Wettkampfidee mit dem weiblichen Wesen unvereinbar sei. Zugleich wurden ab Ende der 1920er Jahre in der Fußballsparte des ATSB weibliche Mitglieder aufgeführt.[20] Die Tatsache, dass diese Fragen diskutiert wurden, lässt vermuten, dass Frauen bereits tatsächlich in einem bemerkbaren Ausmaß Fußball gespielt haben.

Aufgrund seines Namens galt bislang der Erste Deutsche Damen-Fußball-Club (1. DDFC), den Lotte Specht 1930 in Frankfurt am Main gründete, als Wiege des deutschen Frauenfußballs. Doch es ist davon auszugehen, dass Frauen bereits in den 1920er Jahren mehr oder weniger sichtbar für die Öffentlichkeit Fußball spielten. In der offiziellen Form eines Fußballvereins mit Spielen vor Zuschauern, die Lotte Specht zu etablieren versuchte, wurde dem Fußballspiel der Frauen jedoch noch mit schärfster Kritik begegnet, was unter anderem eine Ursache dafür war, dass sich der DDFC nach einem Jahr schon wieder auflöste.[21]

Auch während des Nationalsozialismus galt Fußball als männlicher Kampfsport, der sich für Frauen nicht eigne. 1936 teilte der DFB als gleichgeschalteter Verband im Fachamt Fußball in einer Mitteilung des Fußball-Pressedienstes mit, dass Fußball zu den Sportarten gehöre, die dem Wesen der Frau nicht entsprächen.[22]

Ein wirkliches Verbot folgte aber erst in den 1950er Jahren. Vor allem nach der von Deutschland gewonnenen Weltmeisterschaft 1954 wuchs die allgemeine Fußballbegeisterung von Männern und Frauen. Bald schon wurden ähnliche Diskussionen wie 1921 geführt, ob Fußball ein Sport für Frauen sei. So waren es neben "grundsätzlichen Erwägungen" auch "ästhetische Gründe",[23] die den DFB dazu bewogen, auf seinem Bundestag in Berlin am 30. November 1955 einstimmig zu beschließen, "a) unseren Vereinen nicht zu gestatten, Damenfußball-Abteilungen zu gründen oder Damenfußball-Abteilungen bei sich aufzunehmen, b) unseren Vereinen zu verbieten, soweit sie im Besitz eigener Plätze sind, diese für Damenfußballspiele zur Verfügung zu stellen, c) unseren Schieds- und Linienrichtern zu untersagen, Damenfußballspiele zu leiten."[24]

Hierbei bediente sich der DFB einer ähnlichen Strategie, wie sie die englische FA 1921 verfolgt hatte: Durch die (männliche) Kontrolle über die Plätze sollte die Kontrolle über die Fußballspielerinnen und damit deren Exklusion aus diesem Sport erreicht werden. Die Gesetzeslage in den 1950er Jahren zeigt ein vergleichbares Bild männlicher Einflussnahme: Das Gleichberechtigungsgesetz, das am 1. Juli 1958 in Kraft trat, passte immerhin das Ehe- und Familienrecht an das Grundgesetz an, in dem die Gleichberechtigung von Männern und Frauen festgeschrieben ist (Art. 3, Abs. 2). Frauen wurde nun unter anderem die Berufstätigkeit zugestanden, allerdings unter der Voraussetzung, dass ihre innerfamiliären Verpflichtungen nicht darunter zu leiden hatten.

Wissenschaftliche Schützenhilfe fand der DFB für sein Verbot unter anderem bei Medizinern wie Albert Zapp, der - mit ähnlicher Argumentation wie sie bereits im 19. Jahrhundert vorgetragen worden war - die Schädlichkeit von Leistungssport für Frauen auf das Fußballspiel übertrug.[25] Auch der niederländische Psychologe Fred J.J. Buytendijk diagnostizierte das Treten als typisch männlich: "Ob darum das Getreten werden weiblich ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls ist das Nichttreten weiblich. Im Fußballspiel zeigt sich in spielender Form das Grundschema der männlichen Neigungen und der Werte der männlichen Welt."[26]

Bis zur Aufhebung des Verbots



Es zeigte sich rasch, dass das Verbot nur begrenzt Wirkung hatte, denn Frauenfußball fand während der gesamten Verbotszeit trotzdem statt. Vor allem in den Hochburgen im Ruhrgebiet und in Süddeutschland trafen sich Frauenmannschaften zu Begegnungen. Oftmals gingen die frauenfußballerischen Aktivitäten in den 1950er Jahren auf männliche Organisatoren zurück. Der Essener Kaufmann Willi Ruppert beispielsweise gründete 1956 den "Westdeutschen Damen-Fußball-Verband e.V.", später den "Deutschen Damen-Fußball-Bund e.V." und organisierte Länderbegegnungen einzelner Mannschaften gegen Teams aus den Niederlanden, was auf großes Publikumsinteresses stieß. Der DFB versuchte gegen diesen "Wildwuchs" vorzugehen. 1957 etwa befasste sich der Deutsche Städtetag mit einer Drohung des DFB gegenüber der Stadt Frankfurt am Main, keine größeren Männerfußballbegegnungen mehr "nach Frankfurt zu legen, wenn nicht ein derzeit angesetztes Damenfußballspiel abgesagt würde". Der Städtetag indes sah keinen Handlungsbedarf.[27]

Gegen Ende der 1960er Jahre gab es zahlreiche Frauenfußballmannschaften, Schätzungen belaufen sich auf eine Zahl zwischen 40000 und 60000 Frauen und Mädchen, die teils verbotenerweise in DFB-Vereinen wie dem SC Bad Neuenahr oder der TuS Wörrstadt Fußball spielten oder neue gründeten, wie zum Beispiel den Frankfurter Frauenfußballverein in der SG Oberst-Schiel. Doch nicht zuletzt die Befürchtung, dass sich die Fußballerinnen einem anderen Verband anschließen könnten, bewog die DFB-Spitze schließlich dazu, ihre ablehnende Haltung zu überdenken. "In der politischen und gesellschaftlichen Atmosphäre in der Bundesrepublik nach 1968, das die Adenauerära auch kulturell beendet hatte, war angesichts sozialliberaler Reformpolitik und neuer Frauenbewegung die verbandsrechtliche Diskriminierung des Frauenfußballs nicht mehr haltbar."[28]

Kurz nachdem im Sommer 1970 in Italien eine erste inoffizielle Frauenfußball-WM stattgefunden hatte, an der auch Spielerinnen vom SC 07 Bad Neuenahr und dem SV Illertissen für Deutschland angetreten waren, kam es am 31. Oktober 1970 auf dem DFB-Bundestag zum "Wunder von Travemünde" - die Delegierten beschlossen auf Antrag des DFB-Vorstands mit zwei Gegenstimmen, Frauenfußball zuzulassen: "a) Der im Jahre 1955 gefasste Beschluss Spiele von Frauenfußball-Mannschaften nicht zu gestatten, wird aufgehoben. b) Der DFB-Vorstand wird beauftragt, die erforderlichen Richtlinien zur Durchführung von Frauenfußballspielen aufzustellen und deren Annahme zu empfehlen."[29]

Was auf den ersten Blick wie der gewonnene Kampf um die Teilhabe am Fußballsport scheint, entpuppt sich auf den zweiten als Fortführung von Exklusionsstrategien. Denn es durfte zwar gespielt werden, und ein geordneter Spielbetrieb wurde ebenfalls auf den Weg gebracht, aber die Regeln, nach denen gespielt werden sollte, waren Sonderregeln - "Damenregeln" eben. Diese sahen ein kleineres Spielfeld, einen Jugendball, eine kürzere Spielzeit, eine Winterpause, ein Verbot von Stollenschuhen und die Erlaubnis absichtlichen Handspiels zum Schutz vor schmerzhaften Begegnungen mit dem Ball (Schutzhand) vor. Mit der Aufhebung des Verbots wurde demnach nicht Fußball für Frauen geöffnet, sondern Frauenfußball als andere Sportart eingeführt.


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