Japan's Homare SAWA (JPN) (M) and teammates celebrate the win of the world cup during the final match of the Women's Soccer World Cup between USA and Japan, Commerzbank-Arena in Frankfurt on July 17., 2011. Pressefoto Mika Finale der Fussball Frauen-Weltmeisterschaft zwischen USA und Japan am 17. Juli 2011 in der Commerzbank-Arena in Frankfurt. Pressefoto Mika

18.4.2011 | Von:
Simone Wörner und Nina Holsten

Frauenfußball - zurück aus dem Abseits

Exkurs: Frauenfußball in der DDR

In der DDR war Frauenfußball nie verboten, so dass sich die Fußballerinnen der 1960er und 1970er Jahre nicht mit direkten Hinderungen, sondern eher mit Indifferenz auseinanderzusetzen hatten.[30] Als nichtolympische Disziplin galt Frauenfußball nicht als Leistungssport, dem staatliche Fördermaßnahmen zugebilligt worden wären, sondern wurde vom DDR-Fußballverband DFV im Bereich Freizeit- und Erholungssport angesiedelt.[31] In den 1960er Jahren gab es bereits Frauenfußballmannschaften, die häufig auf Einzelinitiativen zurückgingen und hauptsächlich in Betriebssportgruppen organisiert waren, sowie erste Schiedsrichterinnen.

In den 1970er Jahren institutionalisierte sich der Frauenfußball zunehmend, ab 1979 gab es einen über die Bezirksebene hinausgehenden Wettbewerb. Diese sogenannte Bestenermittlung entsprach einer nationalen Meisterschaft, ohne so genannt werden zu dürfen. 1989 wurde eine DFV-Auswahlmannschaft berufen, die im Januar 1990 zur ersten DDR-Nationalmannschaft wurde. Diese trug ihr erstes und einziges Spiel am 9. Mai 1990 gegen die Tschechoslowakei aus und unterlag mit 0:3 Toren.

Spielbetrieb und Professionalisierung


Nach der Einführung des Frauenfußballs sorgte der DFB rasch für einen geordneten Spielbetrieb: Bereits 1972 verzeichnete der Verband 111579 weibliche Mitglieder und 1788 Frauenteams. 1974 wurde die TuS Wörrstadt erster Deutscher Meister. Im selben Jahr schoss mit Bärbel Wohlleben erstmals eine Frau das von den Zuschauern der "Sportschau" gewählte "Tor des Monats". 1981 gewann die SSG Bergisch-Gladbach das Endspiel um den neu eingeführten DFB-Pokal der Frauen. Die Einführung der Bundesliga in der Saison 1990/1991 verlieh dem Frauenfußball einen weiteren Schub.

1981 bekam der DFB eine Einladung zur inoffiziellen Frauenfußball-Weltmeisterschaft in Taiwan. In Ermangelung einer Nationalmannschaft traten kurzerhand die Deutschen Meisterinnen der SSG Bergisch-Gladbach an, die das Turnier prompt gewannen. Dieser Erfolg bewog den DFB, eine offizielle Nationalmannschaft zu etablieren, die am 10. November 1982 ihr erstes Spiel gegen die Schweiz bestritt. Es folgte ein rascher Aufstieg in die Weltspitze, 1989 schließlich der erste Europameisterschaftstitel.

Trotz oder möglicherweise wegen des frühen Erfolgs wurde die Nationalmannschaft in den 1980er und teilweise in den 1990er Jahren in der öffentlichen Beurteilung einem stetigen, entwertenden Vergleich mit dem Männerfußball unterzogen. Ein Vergleich, der zwangsläufig hinkt, da Frauenfußball in den 1970er Jahren gerade als eigene Sportart etabliert werden sollte. Thesen wie die, dass die Frauennationalmannschaft gegen eine männliche B-Jugend verlieren würde, zeugen von dem Versuch, den Frauenfußball klein zu halten. Auch konnte der Frauenfußball im Alltagsbetrieb bislang nicht aus seinem (gemessen am Männerfußball) medialen Schattendasein heraustreten. Seit den 1990er Jahren werden die Erfolge zwar gewürdigt, sind jedoch nach wie vor Randspaltenthema. Größeres Medieninteresse bleibt internationalen Turnieren vorbehalten. Ebenso sind die Spielerinnen über ihren Sport hinaus kaum präsent und können vom Profifußball bis heute nur träumen. Die Zuschauerzahlen auf den Bundesligaplätzen gehen selten über eine dreistellige Zahl hinaus.

Spielstand 2011



In Sachen Frauenfußball hat sich der DFB eindeutig "vom Old Boys Network und Männerreservat zum Modernisierer"[32] gewandelt, der sich dessen Förderung seit den 1980er Jahren in zahlreichen Programmen wie der aktuellen Kampagne "Team 2011" auf die Fahnen geschrieben hat. Bereits 2010 hatte der DFB mehr als eine Million weibliche Mitglieder, die in 14000 Frauen- und Mädchenmannschaften spielten.

Wird nun die Frage nach Rückeroberung oder Emanzipation gestellt, so wird deutlich, dass Frauenfußball keinesfalls ein "postfeministisches Phänomen" ist, das eng mit den emanzipatorischen Fortschritten der Frauenbewegung der vergangenen 40 Jahre verknüpft ist, da er eine weit längere Tradition besitzt.[33] Rückeroberung trifft den Kern aber auch nur teilweise, denn der Frauenfußball hat einen neuen, vom Männerfußball unterschiedlichen Weg beschritten.

Was die Motivation der Akteurinnen selbst angeht, dürfte es sich um eine Gemengelage handeln, die diesen Sport so befördert hat. Von den Vorreiterinnen selbst, den Spielerinnen der 1950er und 1970er Jahre ebenso wie den aktuellen Sportlerinnen, wird das Fußballspiel selten als bewusster emanzipatorischer Akt, sondern eher als Teil eines emanzipierten Selbstverständnisses genannt. Gleichwohl ging und geht es immer auch um das Recht auf selbstverständliche Teilhabe an einem selbst gewählten Sport. "Ich habe aus Begeisterung, mit dem Ball umzugehen, mit dem Fußballspielen angefangen. Emanzipation war für mich nie ein Thema, es ging mir um rein sportliche Gründe", sagte Bärbel Wohlleben, die 1974 das "Tor des Monats" September erzielte, kürzlich in einem Interview.[34]

Fußnoten

  1. Die Fußballautorin Nicole Selmer hat darauf hingewiesen, dass in der offiziellen Bezeichnung dieser Weltmeisterschaft das Wort Fußball nicht vorkommt. Männer spielen bei einer WM Fußball. Was passiert bei einer Frauen-WM?
  2. WM-Slogan 2011:20Elf von seiner schönsten Seite!, 22.4.2009, online: www.dfb.de/index.php?id=500014&tx_dfbnews_pi1[showUid]=17956&tx_dfbnews_pi1[sword]=logo%20arena%20deutschland&tx_dfbnews_pi4[cat]=167 (13.2.2011).
  3. Überblicke bieten z.B. Beate Fechtig, Frauen und Fußball, Dortmund 1995; Eduard Hoffmann/Jürgen Nendza, Verlacht, verboten und gefeiert. Zur Geschichte des Frauenfußballs in Deutschland, Weilerswist 2006; Rainer Hennies/Daniel Meuren (Hrsg.), Frauenfußball. Der lange Weg zur Anerkennung, Göttingen 2009.
  4. Matthias Marschik, Frauenfußball und Maskulinität, Münster u.a. 2003, S. 405.
  5. Vgl. Gustav Bogeng (Hrsg.), Geschichte des Sports aller Völker und Zeiten, Leipzig 1926.
  6. Vgl. Allen Guttmann, Women's Sport, New York 1991, S. 47 f; David J. Williamson, The Belles of the Ball: The early History of Women's Football, Devon 1991.
  7. Vgl. Marion Müller, Das Geschlecht des Fußballs - Zur "Polarisierung der Geschlechtercharaktere" im Fußball, in: Sport und Gesellschaft, (2007) 2, S. 113-141, S. 121.
  8. Vgl. Eric Dunning, "Volksfußball" und Fußballsport, in: Wilhelm Hopf (Hrsg.), Fußball. Soziologie und Sozialgeschichte einer populären Sportart, Bensheim 1979, S. 12-18.
  9. Philipp Heineken führt gegen das von Kritikern vorgebrachte Argument, dass Fußball zu brutal sei, an, dass sich selbst die kickenden Schülerinnen "ganz wohl dabei befinden". Philipp Heineken, Das Fußballspiel: Association und Rugby, Hannover 1993 (Erstausgabe: 1889), S. 222-229.
  10. So deutet Marion Müller das Verbot der englischen Football Association von 1902, das den Mitgliedsvereinen Spiele gegen "Ladyteams" untersagte. Vgl. Marion Müller, Fußball als Paradoxon der Moderne: zur Bedeutung ethnischer, nationaler und geschlechtlicher Differenzen im Profifußball, Wiesbaden 2009, S. 71.
  11. Eine umfassende Untersuchung der Beziehungen zwischen Frauenfußball und der Frauenstimmrechtsbewegung steht noch aus.
  12. Vgl. M. Müller (Anm. 10), S. 74.
  13. Vgl. Francoise Thébaud, Der erste Weltkrieg. Triumph der Geschlechtertrennung, in: Georges Duby/Michelle Perrot (Hrsg.), Geschichte der Frauen, Paris 1995, S. 33-91, S. 52.
  14. Vgl. ebd., S. 35.
  15. Vgl. ebd., S. 61.
  16. Vgl. Fabian Brändle/Christian Koller, Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs, Zürich 2002, S. 219.
  17. Vgl. Gertrud Pfister, Von Suffragetten, Megären und Mannweibern - Frauenfußballgeschichten im internationalen Vergleich, in: Ulrike Röger (Hrsg.), Frauen am Ball: Analysen und Perspektiven der Genderforschung, Hamburg, 2008, S. 11-16.
  18. Vgl. Dietrich Schulze-Marmeling, Fußball. Zur Geschichte eines globalen Sports, Göttingen 2000, S. 65.
  19. Vgl. Walter Huit, Soll das weibliche Geschlecht Fußball spielen?, in: Sport und Sonne, (1925) 6, S. 24ff.; Georg Bendix, Die Fußballerin, in: Die Freie Turnerin, (1925) 3, S. 3f.
  20. Vgl. Sigrid Block, Frauen und Mädchen in der Arbeitersportbewegung, Münster 1987, S. 185ff.
  21. Vgl. E. Hoffmann/J. Nendza (Anm. 3), S. 24.
  22. Vgl. Pressemitteilung des DFB vom 5.3.1936, DFB-Archiv, Frankfurt/M.
  23. Vgl. E. Hoffmann/J. Nendza (Anm. 3), S. 28.
  24. Niederschrift über den ordentlichen Bundestag des DFB am 30.7.1955 in Berlin, S. 12, DFB-Archiv, Frankfurt/M.
  25. Vgl. Dietmar Osses, Fußball, weiblich, in: Franz-Josef Brüggemeier et al. (Hrsg.), Der Ball ist rund. Die Fußballausstellung, Essen 2000, S. 298-309, S. 300.
  26. Fred J.J. Buytendijk, Das Fußballspiel. Eine psychologische Studie, Würzburg 1953, S. 20.
  27. Niederschrift über die 12. Sitzung des Sportausschusses am 10./11.7.1957 in Berlin, Landesarchiv Berlin, Signatur: B Rep. 142-09 Az.: 5-95-00-12, S. 5.
  28. F. Brändle/C. Koller (Anm. 16), S. 225.
  29. Niederschrift über den 22. ordentlichen Bundestag des DFB am 31.10.1970 in Travemünde, S. 10, DFB-Archiv, Frankfurt/M.
  30. Zum DDR-Frauenfußball mit einer Analyse der Parallelentwicklung in der Bundesrepublik erscheint 2011 die Dissertation von Carina Sophia Linne.
  31. Aufschlüsse über den möglichen Einfluss von Frauenbild und Frauenrollenverständnis im sozialistischen Staat auf den Frauenfußball bietet C.S. Linne in ihrer Dissertation (Anm. 30).
  32. Eike Emrich, Fußball und Modernisierung. Präsentation auf dem DFB-Frauen- und Mädchenfußball-Kongress 2010, online: www.dfb.de/uploads/media/PROF_EMRICH_1.pdf (11.3.2011).
  33. Vgl. Gertrud Pfister, Sport im Lebenszusammenhang von Frauen, Schorndorf 1999, S. 262
  34. Zit. nach: Anne Schmidt, 1970: Aufbruchstimmung im Frauenfußball. Eine empirische Untersuchung zur Entwicklung des Frauenfußballs in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung der TuS Wörrstadt, unveröff. Staatsexamensarbeit, Mainz 2010 , S. 99.
Dieser Artikel erschien zuerst in APuZ 16-19/2011 .


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