Japan's Homare SAWA (JPN) (M) and teammates celebrate the win of the world cup during the final match of the Women's Soccer World Cup between USA and Japan, Commerzbank-Arena in Frankfurt on July 17., 2011. Pressefoto Mika Finale der Fussball Frauen-Weltmeisterschaft zwischen USA und Japan am 17. Juli 2011 in der Commerzbank-Arena in Frankfurt. Pressefoto Mika

24.6.2011

Presseschau

24. Juni 2011

In zwei Tagen wird die Fußball-WM der Frauen eröffnet. Wenn das deutsche Team am Sonntag um 18 Uhr im Berliner Olympiastadion ihr Auftaktspiel gegen Kanada bestreitet, werden Millionen deutscher Haushalte vor den Fernsehgeräten sitzen und live dabei sein. Die mediale Berichterstattung wird durch das Angebot der öffentlich-rechtlichen Sender so breit wie nie zuvor gefächert sein – ARD und ZDF übertragen alle Spiele live. Auch die Presse beschäftigt sich schon intensiv mit der WM und alldem, was sich hinter dem großen, roten, samtenen Vorhang mit der Aufschrift "DFB" abspielt. Die Presseschau indirekter-freistoss.de hat die lesenswertesten Stücke der vergangenen Tage zusammengestellt.

In ihrem Beitrag für die ZEIT schreibt Autorin Heike Faller über die zweifelhafte Imagekampagne, mit der in den vergangenen Wochen und Monaten für die Weltmeisterschaft Werbung betrieben wurde: "Die WM läuft unter dem Motto ‚2011 von seiner schönsten Seite´ – genau das Image, das am wenigsten mit den Spielerinnen zu tun hat, nämlich das von elf Tussis, die sich in der Kabine um den besten Platz vor dem Spiegel streiten." Es mache natürlich Sinn, schreibt die Autorin, "eine WM so zu vermarkten, dass sie möglichst viele Leute anspricht. Und natürlich ist die Botschaft der Kampagne auch eine Reaktion auf alte Ressentiments, genauso wie der aktuelle Playboy-Titel, mit dem fünf Bundesligaspielerinnen das ‚Mannweib-Klischee´ widerlegen wollen." Trotzdem fragt Faller "wie viel das alles eigentlich mit Frauenfußball zu tun hat." Zumal die Autorin selbst einmal Fußball gespielt hat und weiß, wie weit das neue schöne Bild von den kickenden Schönheiten von der Realität entfernt ist: "Wir waren Jungsmädchen, Vatertöchter, Mädchen, die sich in Röcken verkleidet vorkamen. Und nicht wenige von uns wurden später offenbar lesbisch. Und jetzt sollen wir plötzlich feminin sein?" Die neue Imagekampagne ist für sie lediglich "ein verkrampfter Versuch, Frauen an den weiblichen Mainstream anzugleichen." Der schleppende Ticketverkauf könnte daher nicht zuletzt daran liegen, "dass das Publikum spürt, dass ihm mit dem neuem deutschen Fußballgirlie ein Kunstprodukt vorgesetzt wird."

Eva Berendsen befasst sich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit Vermarktungsstrategien und kritisiert dabei die "Wunschvorstellungen" des DFB: "Kurz vor der WM steht der Frauenfußball hierzulande vor einem Dilemma: Nehmen wir ihn als ernsthaften, männlich geprägten Hochleistungssport mit entsprechend angepassten Spielerinnen wahr, so gilt er als unweiblich und unattraktiv. Wird Frauenfußball aber als Sphäre neuer Weiblichkeit inszeniert, könnte er zwar populärer werden; doch dann muss er sich innerhalb der Grenzen bewegen, die durch Weiblichkeitsstereotype definiert werden. Natürlich geht es auch um Macht und Geld im kommerzialisierten Frauenfußball. Es ist kaum einleuchtend, warum sich die Spielerinnen zurückhaltender und tugendhafter verhalten sollten, als das System Fußball es ihnen vorgibt – und von seinen Männern gewohnt ist. Das Bild, das Funktionäre, Sponsoren und Medien vom Frauenfußball entwerfen, ist eine Wunschvorstellung, die die Spielerinnen in ein Korsett zwängt, dem sie auf Dauer nicht entsprechen können."

Das große Geld wird immer noch beim Männerfußball gemacht wird, weiß Simone Boehringer von der Süddeutschen Zeitung. Der größte Unterschied zum Frauenfußball sei noch immer das Gehalt: "Sind bei den Topspielern der Männer Millionengagen üblich, verdienen 'die besten 25 Frauen im deutschen Fußball durchschnittlich rund 4000 Euro im Monat', weiß Josef Hackforth, Direktor für Sportkommunikation an der Munich Business School. 'Das große Geld kommt mit dem Fernsehen. Und zwar erst, wenn das Fernsehen dauerhaft die Spitzenspiele der ersten Liga überträgt', sagt Hartmut Zastrow, Vorstand des Sportbusiness-Beraters Sport+Markt in Köln." Bei der öffentlichen Präsenz haben die Frauen im Vorfeld der WM allerdings stark aufgeholt: "Ob im Playboy oder der Bild-Zeitung, in Tagesmedien oder dem Fernsehen, werben die Profi-Kickerinnen um Bundestrainerin Silvia Neid und Spielführerin Birgit Prinz für sich und die Produkte der sechs nationalen WM-Förderer: Allianz, Deutsche Bahn, Deutsche Post und Telekom, Mercedes und Rewe, jeder von ihnen hat wenigstens vier Millionen Euro gezahlt, um mit sogenannten Testimonials, also Kronzeugen aus der Damen-Elf für ihr Image und ihre Produkte zu werben. Hinzu kommen Werbeauftritte mit Adidas, einem der fünf Großsponsoren des Turnierveranstalters Fifa, der zudem einen Teil des DFB-Kaders einzeln unter Vertrag hat." Das Fazit fällt dennoch nüchtern aus: "Am ehesten ist die Damen-WM vom ökonomischen Rahmen vergleichbar mit einer Basketball-WM der Herren", zitiert die Autorin den Experten Zastrow.

Teilnehmer Nordkorea hat mit dem DFB im Vorfeld der WM ein Abkommen geschlossen. Profitieren sollten beide davon, jetzt sieht es so aus, als ob nur eine Partei etwas davon hat. Boris Herrmann schreibt über die "gekaufte Freundschaft" in der Süddeutschen Zeitung: "Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat der nordkoreanischen Delegation ein Trainingslager in der Sportschule Leipzig bezahlt und kommt nun auch bis zum Turnierstart für die Hotelkosten in Dresden auf, wo sich das Team inzwischen vorbereitet. Die Einladung war allerdings an Bedingungen geknüpft, an ein wenig Offenheit und 'an eine humanitäre Geste', wie es aus DFB-Kreisen heißt." Die versprochene Offenheit des Teams aus dem kommunistischen Staat ist bislang jedoch ausgeblieben, bilanziert der Autor: "Die organisierte Stadtrundfahrt, inklusive der Besichtigung der Thomaskirche und des Bildermuseums, haben die Nordkoreaner jedenfalls abgesagt. Das vereinbarte Freundschaftsspiel gegen den Oberligisten Lokomotive Leipzig ist ebenfalls ausgefallen. Nachdem die Nordkoreanerinnen zuvor in Rom ein Test-Match gegen die WM-Teilnehmerinnen aus Kanada 0:2 verloren hatten, hat Trainer Kim Kwang-Min angeblich so viel Straftraining verordnet, dass keine Zeit mehr für Spaß und Kultur blieb."

Jörg Winterfeldt stellt in seinem Beitrag für die Berliner Zeitung fest, dass der Frauenfußball derzeit schonungslos und unvorbereitet "mit allen Tücken eines Profisports konfrontiert" wird. Gemeint sind damit die unzähligen Werbeverträge, die derzeit mit den deutschen Spielerinnen abgeschlossen werden und auf die der DFB nicht vorbereitet war: "Der Verband reagiert pikiert: Weil die Unternehmen nicht zu den offiziellen Sponsoren des DFB oder der Weltföderation Fifa zählen, fluchen die Funktionäre über Trittbrettwerbung, im Fachjargon Ambush Marketing." Zwar gebe sich der DFB noch milde, allerdings habe Nationalmannschaftsmanagerin Doris Fitschen einen Brief an die Berater geschickt, mit der Bitte, "zukünftig sicherzustellen, dass sich die von Ihnen betreuten Spielerinnen nicht weiter an diesen, den des DFB widersprechenden Aktionen beteiligen."

Die DFB-Torfrau Ursula Holl ist mit einer Frau verheiratet und eine der wenigen, die sich offen für ihre Homosexualität bekennt. Alex Raack (Spiegel Online) bemitleidet die Gattin der gebürtigen Würzburgerin: "Carina Holl hat ein ansteckendes Lachen. Wenn sie erzählt, hört man gerne zu. Als Spielerinnen-Frau lebt es sich in den Wochen der WM-Vorbereitung allerdings ziemlich einsam. Die Frau des DFB-Teampsychologen Arno Schimpf hat vor kurzem ausgerechnet, wie viele Tage sich Fußballerinnen und Partner in den gut vier Monaten vom Beginn der Vorbereitung bis zum möglichen WM-Finale sehen werden: 23. Weil alles andere als der Titelgewinn eine Enttäuschung wäre, hatte Bundestrainerin Silvia Neid ein straffes Programm zusammengestellt. Wochenlang schuftete das Team in Sportschulen, ein Kasernenleben mit strikter Vorgabe: Fußball trainieren, Fußball leben, Fußball denken."

Wer dieser Tage etwas über die Frauen-WM liest, der kommt nicht am Namen Steffi Jones vorbei. Sie ist in ihrer Rolle als oberste Repräsentantin des Turniers derzeit das Gesicht des deutschen Frauenfußballs. Daniel Meuren erklärt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, weshalb die Frankfurterin die richtige Besetzung des Postens als OK-Chefin ist: "Tatsächlich ist das Leben von Stephanie Ann Jones eine Geschichte, in der der Fußball wirklich jene soziale Kraft entfaltet, die ihm in Sonntagsreden oft so leichtfertig attestiert wird. Steffi Jones wäre ohne ihren Sport nicht denkbar. Und irgendwie wäre auch der Frauenfußball im WM-Jahr 2011 ohne Steffi Jones nicht mehr so recht vorstellbar. Denn die OK-Präsidentin hat ihrem Sport ein Gesicht gegeben, das mehr ist als der Girlie-Glamour, mit dem die Marketing-Maschine in den kommenden Wochen das Turnier in ihrem Sinne aufzuhübschen versucht. Steffi Jones ist stattdessen das authentische Gesicht der WM. Zwar schottet sie ihr Privatleben auch in diesen Tagen vor der WM komplett vor der Öffentlichkeit ab. Aber dafür bekennt sie sich mit bewundernswerter Offenheit zu ihrem Leben mit all den Schicksalsschlägen." Der Autor sieht Jones daher auch für (noch) höhere Aufgaben gerüstet: "Nach der WM soll Steffi Jones nun als erste Direktorin im DFB den Frauenfußball weiter voranbringen. Und wer weiß: Vielleicht taugt sie irgendwann ja mal tatsächlich zur ersten Präsidentin des DFB, was den langen und zähen Emanzipationsprozess im Fußball zu einem symbolträchtigen Ende führen könnte."

In Nigeria hat der Frauenfußball einen schweren Stand. Kurz vor ihrem Amtsantritt vor zwei Jahren bezeichnete selbst die Trainerin Eucharia Uche die Zahl der lesbischen Frauen auf dem Fußballplatz als "besorgniserregende Erfahrung". Jeré Longman zeichnet in der New York Times ein erschreckendes Bild über Homophobie im afrikanischen Frauenfußball: "Während der vergangenen zwei Jahre hat Uche nach eigenen Angaben immer wieder versucht, die Religion zu nutzen, um ihr Team von homosexuellem Verhalten zu befreien. Homosexualität nennt sie ‚ein schmutziges Problem´ und ‚geistig, moralisch falsch´". Zwar habe Uche ihre Spielerinnen noch nie homosexuelles Verhalten an den Tag legen sehen, sie berufe sich aber auf Gerüchte, Spekulationen und Medienberichte, um zu glauben, dass Homosexualität an der Tagesordnung im nigerianischen Nationalteam sei. Die Fifa scheint sich nicht wirklich zu kümmern, sie sei "beim Kampf gegen Homophobie nicht so konsequent wie bei der Unterdrückung von Rassismus. Die Fifa sagt, dass die Geschlechterdiskriminierung strikt verboten sei und dass Verstöße dagegen Ausschlüsse nach sich ziehen können. Den Fall Nigeria könne man jedoch nicht kommentieren, da man keinerlei Informationen oder Beschwerden vorliegen habe."

Theo Zwanziger musste in letzter Zeit viel Kritik einstecken. Besonders der Umgang mit der Affäre um Manfred Amerell und Michael Kempter hat ihn einige Sympathien gekostet. Jetzt kann er mit der Frauen-WM positive Werbung machen für sich und ein Turnier, "das ihm so sehr am Herzen liegt", schreibt Lars Spannagel im Tagesspiegel. Allerdings teilt nicht jeder die Freude des Präsidenten: "Bisweilen wurde mit Argwohn betrachtet, welche Dimension das Turnier angenommen hat. Der DFB geht mit der WM ein finanzielles Risiko ein, das schmeckt ebenfalls nicht jedem Funktionär, wird hinter vorgehaltener Hand erzählt. Auch dass der Präsident eigens eine Pressekonferenz einberief, um sein Mitwirken an einem ‚Tatort´ bekanntzugeben, kam nicht überall gut an." Zwanziger hingegen genieße es, dass der Frauenfußball ohne Skandale auskommt. Die Frauen-WM kommt für ihn gerade zum richtigen Zeitpunkt, da er darin eine Nische gefunden habe, "in der er sich profilieren konnte." Nach den schwierigen vergangenen Monaten und Jahren sind die Pressekonferenzen zum Frauen-Turnier derzeit vergleichsweise angenehm, da "der DFB keine Fragen zum Streit zwischen Männer-Bundestrainer Joachim Löw und dem geschassten Ex-Capitano Michael Ballack zulässt. Dafür kann Zwanziger mit Silvia Neid scherzen."

Verfasst und zusammengestellt von Christoph Asche und Kai Butterweck


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1955 verbietet der Deutsche Fußball-Bund seinen Mitgliedsvereinen den Frauenfußball. In den Augen des Verbands gilt der Fußballsport als "unweiblich" und "nichtfraugemäß". Erst 1970 ändert sich die Einschätzung, am 31. Oktober wird das Verbot aufgehoben.

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