Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Christian Thiele

Grüner Rasen, schwarzer Schlamm

Die Defensores del Chaco machen aus Straßenkindern Fußballer

Flanken und Hackentricks, Fairplay und Respekt

"Meine Spieler sollen schon gewinnen wollen - aber es zählt auch, wie man gewinnt", sagt Fernando Leguiza. Aus seinen warmen grünen Augen schaut er einen eindringlich an, er ist einer, der mit dem Fußball was bewegen will. Deshalb bringt er seinen Spielern nicht nur Hackentricks bei. Fairplay, Zusammenhalt und Respekt sind mindestens genauso wichtig beim Straßenfußball: Vor jeder Partie, erklärt Fernando, legen die Spieler beider Mannschaften ihre eigenen Regeln fest. Frauentore zählen meistens doppelt, für Fouls gibt es Punktabzug. Wer schließlich gewonnen hat, das entscheiden beide Teams im Gespräch nach dem Spiel - ganz ohne Schiedsrichter. "Hier lernen die Kinder Konflikte zu lösen, ihren Zorn auch mal runterzuschlucken, das ist großartig", findet Herbert Prock, Abteilungsleiter für soziale Verantwortung bei der argentinischen Niederlassung von Volkswagen. Die Firma hat vergangenes Jahr eine Art Vor-WM in Buenos Aires gesponsert, dafür tragen die "Defes" jetzt das Firmenlogo auf ihren Trikots.

Die Zucht von Dribbelkönigen und Flankengöttern, das ist gar nicht das Hauptziel des Vereins. So hat Clubpräsident Fabiano mit seinen Helfern viel mehr aufgebaut als einen Sportclub: Es gibt eine Rechtsberatungsstelle, ein Kulturzentrum mit Bastelkursen und Karnevalsgruppe, einen Gesundheitsdienst. Vor allem aber legt der Club viel Wert auf Bildung: Wer nicht nachweist, das er regelmäßig zur Schule geht, darf nicht zum Training kommen. In diesen Tagen beginnt der Bau eines eigenen Kindergartens, ein paar Straßen entfernt von der Clubanlage. Später soll daraus sogar eine Schule werden. "Wir wollen hier einen Ort der Begegnung schaffen, denn hier im Viertel hat man früher immer nur die Rollos runtergelassen, wenn wieder irgendwer irgendwen ausgeraubt hat", erklärt Vereinspräsident Fabiano. Jetzt, wo sich Väter gegenseitig an der Seitenlinie kennen lernen und Mütter gemeinsam ihre Kinder anfeuern, ist Zusammenhalt gewachsen im Viertel. "Die Kriminalität ist deutlich zurückgegangen", sagt Fabiano.

Maximiliano, der Chef der Fußballabteilung, lässt sich gerade zum Sportlehrer ausbilden - auf Kosten der "Defes". 150 Pesos Studiengebühren (rund 45 Euro) und dazu noch Geld für den Bus bekommt er jeden Monat. Der Club vergibt diese Stipendien an Jugendliche aus armen Familien. Bedingung ist aber, dass sie später auch beim Verein bleiben. "Das Geld kommt ja schließlich aus der Gemeinschaft", sagt Maximiliano. Auch er will in ein, zwei Jahren, wenn er sein Diplom in den Händen hat, für den Club arbeiten. Sein Traum: Dozent an der vereinseigenen Universität werden, die ist nämlich für 2010 geplant. "Eigentlich", sagt Maximiliano, "ist der Fußball für uns nur ein Werkzeug. Denn wir wollen war nicht unbedingt gute Spieler formen. Wir wollen gute Persönlichkeiten formen."

Der Text erschien zuerst in fluter.de, dem Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung.