Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Klaus Ehringfeld

Costa Rica

Das Spiel des Lebens

Schwierige Kindheit

Neunzig Prozent der Kinder wachsen in Elternhäusern auf, in denen das Leben von Armut, Alkohol und Arbeitslosigkeit bestimmt wird. Die Sozialarbeiter reden mit ihnen darüber, wie gefährlich es ist, Drogen zu nehmen; sie versuchen,die Kinder von einer kriminellen Karriere abzuhalten. Denn oftmals gleicht das Leben der Kinder dem ihrer Eltern, sagt Arias: "Viele brechen die Schule ab, manche werden kriminell und fast jedes unserer Kinder hat schon Erfahrungen mit Marihuana, Crack oder anderen Drogen." Durch das gemeinsame Training und die Möglichkeit zu reden sei schon viel erreicht: Die Kinder merken schnell,wenn jemand ihre Sorgen und Ängste ernst nimmt. Und sie wissen es zu schätzen. So wie Johnny. Arias kann sich noch erinnern, wie der schwarzhaarige Junge anfangs rauchend und angetrunken zum Training kam - eine Zeit, an die der Junge nicht gern erinnert werden will. "Früher habe ich den ganzen Tag rumgegammelt", ist das einzige, was er dazu sagen möchte. Das hat sich geändert: Nach der Schule geht Johnny nach Hause und macht seine Aufgaben. Dann kommt er zum Fußball. "Er hat den Sprung geschafft", sagt Arias. Seit einem Jahr geht Johnny auf die weiterführende Schule. Er hat sein altes Viertel verlassen und wohnt nun bei einer Patentante, nicht weit entfernt von "Fútbol por la vida". Anschließend möchte er einen der Vorbereitungskurse für das Abitur machen,um studieren zu können.Nach Tejarcillos, in seine alte Welt, kehrt der Junge nur zurück, wenn er seine Großmutter besucht, bei der er 14 Jahre lang gelebt hat.

Maria Auxiliadora García hat für ihren Enkel kalte Limonade vorbereitet und zieht noch schnell den Schonbezug auf dem Sofa glatt. Zwischen Johnny und seine Oma drängeln sich Nichten, Neffen, Cousinen und Cousins. In drei Zimmern leben elf Menschen auf dreißig Quadratmetern. Das Wohnzimmer, wo der schuhkartongroße Fernseher den ganzen Tag läuft, dient zugleich als Küche.Tejarcillos liegt am südlichen Rand von San José und ist eines der ärmsten Viertel der Stadt. Jahrelang war es Ziel verarmter Kleinbauern, denen ihr kleines Feld kein Auskommen mehr ermöglichte und die deshalb ihr Glück in der Stadt suchten. Heute kommen vor allem Einwanderer aus dem benachbarten Nicaragua hierher. Für fast alle ist das Viertel Endstation der Träume von einem besseren Leben. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die meisten Menschen leben vom Straßenverkauf:

Einige bieten Orangen oder Süßigkeiten an - andere Drogen. Früher gab es in Tejarcillos nur Behausungen aus Wellblech und Karton an unbefestigten Wegen.Inzwischen hat der Staat zumindest an manchen Stellen kleine, grün und gelb gestrichene Einheitshäuser gebaut und Straßen angelegt. Auch Johnnys Großmutter Maria konnte vor gut einem Jahr die alte Blechhütte gegen ein festes Dach über dem Kopf eintauschen.

Die Schweiz Zentralamerikas

Als Johnny ein Jahr alt war, siedelte seine Familie aus dem bettelarmen Nicaragua in das vergleichsweise wohlhabende Costa Rica um. Das zentralamerikanische Land, etwa so groß wie Niedersachsen, ist eine Ausnahme auf der schmalen Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika.Während man mit Nicaragua, El Salvador und Guatemala vor allem Bürgerkrieg, Bandenkriminalität und Armut verbindet, hat sich Costa Rica in den vergangenen fünfzig Jahren den Ruf eines wirtschaftlich stabilen und demokratischen Landes erarbeitet,das in vieler Hinsicht an einen europäischen Wohlfahrtsstaat erinnert. Seit dem 19. Jahrhundert besteht Schulpflicht,was die Analphabetenrate unter fünf Prozent gedrückt hat. 1948 schaffte die Regierung die Armee ab und investierte das Geld in Bildung, staatliche Fürsorge und die Schaffung einer Reihe von Staatsmonopolen im Dienstleistungs- und Versorgungssektor. Seither sind Energie,Telekommunikation, Versicherung, die einzige Erdölraffinerie und große Teile des Bankensystems sowie der Alters- und Krankenvorsorge in den Händen des Staates. In Costa Rica genießen die staatlichen Universitäten einen besseren Ruf als die privaten – eine absolute Ausnahme für Lateinamerika. Nahezu überall fließt trinkbares Wasser aus den Hähnen und in fast jedem Winkel gibt es ein Telefonhäuschen. Zudem schuf der Staat in den vergangenen Jahrzehnten ein dichtes soziales Netz, das mit zu dem bescheidenen Wohlstand beitrug, der Costa Rica den Beinamen "Schweiz Zentralamerikas" eingetragen hat.

Nur jeder fünfte Costa Ricaner lebt in Armut, während sonst in Lateinamerika fast jeder Zweite nicht genügend zu essen und weder Strom noch fließendes Wasser in seiner Behausung hat. Bei einem Spaziergang durch Tejarcillos erzählt Johnny von seinem früheren Leben. "Ich war von sieben bis zehn Uhr vormittags in der Schule,bin nach Hause,habe was gegessen und bin raus auf die Straße. Bis spätabends." Der Tagesablauf war immer gleich: abhängen, rauchen und trinken. "Manchmal haben wir Mango- und Apfelbäume geplündert und Vögel gejagt", sagt er. Seinen Vater hat Johnny nie kennen gelernt, seine Mutter war schwer krank und nicht in der Lage, sich um ihren einzigen Sohn zu kümmern, daher nahm ihn seine Großmutter auf.

Der Spaziergang führt über Schotterwege und enge unbefestigte Gassen, vorbei an brennenden Müllbergen und Abwasserrohren: "Hier an dieser Ecke verkaufen sie Drogen", erzählt Johnny. Marihuana kostet umgerechnet einen Euro, ein Stückchen Crack ist schon für 75 Cent zu haben."Die große Mehrheit meiner Freunde hat Rauschgift genommen, ich habe nur getrunken", gibt Johnny zu. "Da, wo ich heute wohne, gibt es keine Drogen." Und Kriminalität? "Klar", sagt der 15-Jährige. "Viele meiner Freunde finanzieren sich mit kleinen Diebstählen und Überfällen." Der Rundgang endet auf einer Anhöhe,dem höchsten Punkt von Tejarcillos. Von hier aus überblickt man das ganze Viertel. Dicht an dicht stehen die Wellblechhütten. Rund tausend Familien leben auf der Fläche weniger Fußballfelder zusammen. Und in jeder Hütte wohnen zwischen acht und zehn Menschen.Weiter hinten sieht man die besseren Viertel San Josés mit ihren Villen, Hochhäusern und Parks. Sie scheinen weit entfernt, hier in Tejarcillos."Wäre ich nicht von hier, ich würde hier nicht nachts allein durch die Straßen gehen", sagt Johnny.