Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Philipp Kreisselmeier

Italien

Millionen für die Spieler

Bei Feldspieler-Transfers sind in der Vergangenheit noch deutlich höhere Beträge lockergemacht worden – aber diese Zeiten sind vorbei. Die italienischen Klubs stecken - mit wenigen Ausnahmen - wirtschaftlich in einer bedrohlichen Krise. Die Gesamtschulden der Vereine von Serie A und Serie B belaufen sich schätzungsweise auf 1,5 Milliarden Euro. Der Hauptstadtklub Lazio zum Beispiel steht mit 160 Millionen beim Fiskus in der Kreide; er hätte Konkurs anmelden und mindestens eine Spielklasse tiefer weiterspielen müssen, wäre ihm nicht der Gesetzgeber zu Hilfe gekommen. Mit einer Reform des Steuerrechts hat es die Regierung des früheren Milan-Präsidenten Berlusconi dem römischen Verein ermöglicht, seine Steuerschulden im Laufe des nächsten Vierteljahrhunderts abzustottern. Von der Großzügigkeit des Finanzamts profitieren auch andere Klubs, darunter Milan... Allerdings musste das "Rettet-den-Fuball"-Gesetz, wie es in Italien genannt wurde, wegen Brüsseler Einsprüche modifiziert werden: Bei der EU sah man im ursprünglichen Entwurf eine Wettbewerbsverzerrung, eine indirekte Subvention für die italienische Kicker-Industrie.

Deren Finanz-Schwierigkeiten sind nicht über Nacht gekommen. Dass die Probleme sich mittlerweile auf den Transfer-Markt und die Spielergehälter auswirken und die Politik auf den Plan gerufen haben, hat mehrere Gründe. Zum einen ist das Geschäft mit den Fernsehrechten weniger lukrativ geworden, seit es nicht mehr so viele TV-Veranstalter gibt. In der Vergangenheit hatten die sich beim Feilschen mit den Vereinen gegenseitig überboten. Mittlerweile beherrscht den Satelliten-Markt Rupert Murdochs Sky; der Sender kann die Preise, was das Bezahlfernsehen angeht, mehr oder weniger diktieren. Dabei leiden die weniger zugkräftigen, weniger meisterschaftsträchtigen Klubs (und das sind außer denen in Mailand, Turin und Rom eigentlich alle) darunter, dass die Fernsehrechte nicht ligaweit, sondern einzeln gehandelt werden. Juventus hat sich für die Übertragung von Turiner Spielen in den nächsten drei Jahren Einnahmen von knapp einer Viertelmilliarde Euro gesichert; in Städten wie Genua, Florenz und Verona kommen nur ein- oder zweistellige Millionenbeträge an.

Sinkende Zuschauerzahlen

Ein weiterer Grund für die Neue Vernunft im Finanzgebaren liegt darin, dass seit diesem Jahr auch die UEFA die Bilanzen der Vereine unter die Lupe nimmt und bei allzu sorglosem Umgang mit den roten Zahlen den Ausschluss von europäischen Wettbewerben androht. Unterdessen versuchen die Fußball-Manager, die Einnahme-Rückgänge bei den Fernseh-Rechten mit Hilfe der Stadion-Besucher auszugleichen - mit unerwünschter Wirkung. Eine billige Eintrittskarte für die Tribüne kostet mit 15 bis 20 Euro rund zwei- bis dreimal so viel wie ein Kino-Billett; und folgerichtig liegt der Zuschauer-Durchschnitt der Serie A etwa 40 Prozent unter dem der Bundesliga. Erstaunlicherweise schneidet Juventus - der Verein, der mit rund 10 Millionen Menschen die meisten Anhänger in ganz Italien hat - bei der Stadion-Auslastung eher schlecht ab: der Besuch bei den Heimspielen im Stadio Delle Alpi liegt mit gut 25.000 gerade mal im Durschschnitt der gesamten Liga – der in den letzten Jahrzehnten dramatisch gesunken ist: Mitte der 1980er lag er noch bei 40.000.

Dass relativ wenige Tifosi das Geschehen an Ort und Stelle verfolgen wollen, liegt allerdings nicht nur an den Preisen. Die fast alltägliche Gewalt in und vor den italienischen Stadien schreckt zusätzlich ab; da gibt es fast jede Woche Handgreiflichkeiten zwischen extremistrischen Fans und Rangeleien zwischen Hooligans und der Polizei; da gibt es aber auch verbale Gewalt in Form von rassistischen Spruchbändern. Und der Lazio-Spieler Di Canio winkt seinen Fans mit faschistisch ausgestreckter flacher Hand zu – was seinem Verein zwar Geldstrafen einträgt; Fußballfachmann Berlusconi aber sagt, Di Canio sei ein bravo ragazzo, ein guter Junge.

Dass ein linker Spieler in Livorno eine kommunistische Faust reckt, macht die Sache nicht besser; wobei die Gleichsetzung der beiden politischen Kundgebungen durch italienische Konservative einen Skandal darstellt, der an dieser Stelle nicht diskutiert werden kann. Wie auch immer: Der Stadionbesuch am Sonntagnachmittag hat für die Italiener an Attraktivität verloren.