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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Christian Eichler

Niederlande

Spannungen in der Liga

Doch zeigen sich hier auch die gesellschaftlichen Risse und Abgründe, an denen der holländische Fußball nicht vorbeikommt. Er ist geprägt von einer sehr harten Fan-Kultur, besonders gewalttätig zwischen den Fans von Feyenoord Rotterdam und Ajax Amsterdam. Feyenoord-Fans beschimpfen Ajax in dumpf-ritueller Hass-Folklore als "Judenklub". Bei den Spielen ertönt regelmäßig der Ruf: "Hamas, Hamas, joden aan het gas!" ("Juden ins Gas"). Oder der ganze Block stimmt ein Zischen an, um das Geräusch einströmenden Gases zu imitieren.

Polder, so heißt das Land, das die Holländer in Jahrhunderten der Nordsee abgerungen haben. "Poldermodell", so nannte man seit den 80er Jahren das erfolgreiche Zusammenwirken von Staat, Wirtschaft und Arbeitnehmern zum Wohle aller. Das "Poldermodell" gewann eine noch weitergehende Bedeutung, als Begriff für eine sanfte, tolerante, kooperative Kuschelgesellschaft – und beschrieb damit eine mehr und mehr bröckelnde Illusion. Seit den 90er Jahren litten auch die Niederlande zunehmend an den Problemen fast aller westeuropäischen Länder: Arbeitslosigkeit, Kriminalität, schrumpfende Toleranz, religiöser Fundamentalismus. Die Morde an dem Rechtspopulisten Pim Fortuyn 2002, der erste politische Mord in den Niederlanden seit 330 Jahren, und an dem Filmregisseur Theo van Gogh durch einen radikalen Islamisten 2004 schockierten die Nation.

Der Fußball hatte die Brutalisierung gewissermaßen vorgemacht. Bei Auseinandersetzungen zwischen radikalen Fans von Ajax und Feyenoord hatte es schon vorher Tote gegeben. Der holländische Fußball taugt also nicht als Insel der Seligen und auch nicht als Feigenblatt für Fehlentwicklungen.