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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Christian Eichler

Niederlande

Die neue Qualität

Doch er hat durch seinen Stil und seine Qualität seit Jahrzehnten viel zum positiven Selbstbild und Selbstbewusstsein der Niederländer beigetragen. Diese Qualitäten verdankt er vor allem der exzellenten Ausbildung. Lange vor der Pisa-Studie wusste man in Holland, dass ein Land, das weniger Bodenschätze, aber auch weniger Menschen hat als andere, auf Dauer nur durch Bildung bestehen kann. Auch im Fußball.

Nahezu alle holländischen Jugendspieler werden von kleinauf im anspruchsvollen 4-3-3-Spielsystem geschult, das kreatives Vermögen und Zusammenspiel entwickelt. Die Qualität der Trainerausbildung, der Talentsichtung, aber auch der Spielfelder sind im ganzen Land hoch. Und nur mit großer Effizienz im Finden und Entwickeln von Talenten konnten es die Niederländer schaffen, über Jahrzehnte hinweg ein ebenbürtiger Rivale für drei-, vier-, fünf Mal so große Fußballvölker wie Italien, Frankreich, England, Deutschland zu sein.

Gerade die Rivalität mit den Deutschen hat im holländischen Fußball eine besonders dramatische Entwicklung durchgemacht. Sie begann mit der Finalniederlage von 1974, erreichte nahezu Brandgefahr 1988 und 1990 und hat sich seitdem wieder auf verträgliche Temperaturen abgekühlt. Die aber schnell wieder steigen könnten, wenn etwa die beiden Nachbarn, wie die Auslosung möglich macht, im Viertelfinale der Weltmeisterschaft 2006 aufeinanderträfen.

Souveräne Qualifikation

Bei der Europameisterschaft 2004 trennte man sich in der Vorrunde 1:1. Deutschland schied aus, Holland scheiterte erst im Halbfinale gegen Gastgeber Portugal. Dennoch erklärte der ungeliebte, oft geschmähte "Bondscoach" Dick Advocaat seinen Rücktritt. Vor allem die Auswechslung des überragenden Flügelmannes Arjen Robben im Vorrundenspiel gegen die Tschechen, worauf aus einer 2:1-Führung ein 2:3 wurde, warfen ihm die Landsleute vor. Sein Nachfolger Marco van Basten hat bessere Karten beim Fußballvolk. Er fand eine Kombination aus zügigem Offensivspiel und stabiler Abwehr, nahm phlegmatische Altstars wie Seedorf oder Kluivert aus dem Team, probierte in nur anderthalb Jahren fast zwanzig neue Spieler aus und schuf so einen neuen frischen Geist in der Oranje-Auswahl, die zuvor jahrelang von Splittergruppendenken und schlechter Laune geprägt war.

Ohne Niederlage in zwölf Spielen, darunter zehn ohne Gegentor, schaffte man souverän die WM-Qualifikation, anders als 2002, als deutsche Fans sangen: "Ohne Holland fahr´n wir zur WM". Diesmal fahren die Holländer zur WM, ein kleiner Grenzverkehr, den Zehntausende mitmachen werden, um Deutschland in Orange zu tauchen. Nicht wenige glauben, dass der Weg, wenn man erst einmal die harte Vorrundengruppe mit Argentinien, der Elfenbeinküste und Serbien-Montenegro überstanden hat, so weit führen kann wie 1974.

Starker Trainer

Van Basten sitzt so fest im Sattel wie kaum ein anderer "Bondscoach" seit Michels. Vorgänger Advocaat spielte die niederländische Öffentlichkeit bei der EM 2004 noch so übel mit, dass Innenminister Remkes im Haager Parlament gegen seine Behandlung in den Medien protestierte. Van Basten hatte es von Beginn an einfacher. Erstens hat er Johan Cruyff auf seiner Seite, der als Meinungsführer des holländischen Fußballs mit seinem steten Genörgel und seiner Medienpräsenz noch so gut wie jeden anderen im Amt mürbe gemacht hat. Zweitens hat er den Bonus des früheren Weltstars und Nationalhelden. Van Basten schoss bei der EM 1988 Holland zum einzigen großen Titel: erst mit dem 2:1-Siegtreffer gegen Deutschland im Halbfinale, dann mit seinem Traum-Volley zum 2:0 im Endspiel gegen die Sowjetunion.