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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Christian Eichler

Niederlande

Deutschland: Der ewige Rivale

Damals explodierte die holländisch-deutsche Rivalität in einer Weise, die die Deutschen überraschte. Der niederländische Fußballhistoriker Thomas Snyder nannte diese Rivalität die "vielleicht giftigste der Welt". Gar auf "neunzig Minuten Hass" spitzte Simon Kuper, Sohn holländischer Eltern und angesehener Fußballautor, das Verhältnis der beiden Fußballnationen zu. Dieses Gift ging auf 1974 zurück. Seit dem WM-Finale von München hatten sich die Holländer von Bernd Hölzenbeins Fallsucht um den Lohn gebracht gesehen. Für die Art, wie er den Elfmeter herausholte, der zum 1:1 führte, ehe Müller das 2:1-Siegtor schoss, bürgerte sich im holländischen Wortschatz der entsprechende deutsche Begriff ein: "Schwalbe". "Die Mutter aller Niederlagen", hieß ein Erzählungsband des Schriftstellers Chris Willemsen über das Finale 1974. Der Dramatiker Johan Timmers nannte die Niederlage "das größte Trauma Hollands im 20. Jahrhundert, sieht man von der Flut 1953 und dem Zweiten Weltkrieg ab"

Die bittere Niederlage

Vor dem Finale 1974 hatte die "Bild"-Zeitung das Klima vergiftet. "Cruyff, Sekt, nackte Mädchen und ein kühles Bad", so lautete fünf Tage vor dem Endspiel die Schlagzeile, mit der das Gerücht von Eskapaden niederländischer Spieler in die Welt gesetzt wurde. Holländische Blätter nahmen den Ball auf und erklärten die Leistung von Cruyff, der im Finale unter seiner Form blieb, damit, dass seine von den angeblichen Weibergeschichten alarmierte Frau ihn in der Nacht vor dem Endspiel zu lange wach gehalten hätte. Ob das stimmte, blieb unergründlich – doch die Stimmung war vergiftet. Trainer Michels weigerte sich nach der Krawall-Story, bei Pressekonferenzen auf Deutsch zu antworten. Er sagte: "Im Moment gibt es Krieg, und Krieg ist Krieg. Sonntag nach dem Spiel herrscht wieder Friede."

Fußball als Fortsetzung des Krieges mit spielerischen Mitteln? Für viele Holländer war Deutschland damals noch die alte Besatzungsmacht. Es war eine Rechnung offen – ein Empfinden, das sich erst ein, zwei Generationen später mehr und mehr aus Erleben und Erinnern verabschieden sollte. Damals aber, 1974, lagen Krieg und Besatzung kaum ein halbes Menschenalter zurück. Michels hatte als Siebzehnjähriger den fürchterlichen "Hongerwinter" von 1944/45 durchgemacht, im Bett liegend, gegen das Verhungern und das Erfrieren kämpfend. Stürmer Willem van Hanegem verlor als Kleinkind bei einem britischen Bombenangriff auf sein Heimatdorf Vater und Bruder. "Der Haß, er war immer da", räumte er ein. Nur äußerte der Hass sich noch nicht auf dem Spielfeld. Das tat er erst 1988. Und 1990.

Europameister 1988

Als Marco van Basten in der 89. Minute des EM-Halbfinals 1988 Jürgen Kohler entwischte und den Siegtreffer schoss, da entlud sich all das Aufgestaute. Mit den fälligen Überreaktionen. Im Volksparkstadion nahm sich Ronald Koeman das schwarz-weiße deutsche Trikot, das er beim Tausch von Olaf Thon bekommen hatte, und wischte sich damit symbolisch den Hintern ab.

In der Heimat strömte mehr als die Hälfte der niederländischen Bevölkerung auf die Straßen und feierte. Es war die größte Massenkundgebung seit der Befreiung von der NS-Besatzung, und das an einem Dienstag. In Amsterdam warfen Leute Fahrräder in die Luft und rufen "Hurra, wir haben unsere Räder wieder!". Die Deutschen hatten während der Besatzung den Holländern alle Räder weggenommen – der angeblich größte Fahrzeugdiebstahl der Geschichte.

Der Lyriker Jules Deelder ließ sein Gedicht "21-6-88" mit folgenden Zeilen über van Bastens Tor enden:

Und unsere Gefallenen stiegen
Jubelnd aus ihren Gräbern


Simon Kupers Beschreibung des großen Sieges klang wie die Umkehr der deutschen Besatzung von 1940:

"Eine holländische Streitmacht in orangefarbener Uniform fiel per Autokorso in Deutschland ein und trug den Sieg davon. In Holland sangen sie auf den Straßen:

1940 kamen sie
1988 kamen wir
Holadije, holadio"


Der Historiker Friso Wielenga sah den allgemeinen Taumel als "das seltene Glücksgefühl des kleinen Landes, das seinem großen und mächtigen Nachbarn auch mal seine Überlegenheit gezeigt hatte. Weg waren die Gefühle der Abhängigkeit, verschwunden die Erkenntnis, in so vielen Bereichen der Schwächere zu sein: David hatte Goliath übertrumpft." Sein Kollege Hermann von der Dunk sprach von "der zweiten Befreiung". Fußball bleibe "die Fortsetzung des Krieges mit fröhlichen Mitteln" und biete vor allem kleinen Ländern eine gute Bühne für ihren Chauvinismus.

Sie nutzten sie ausgiebig: die Spieler, die Daheimgebliebenen, die Urlauber, die jeden Deutschen, wo immer man sich in jenem Sommer in Europa begegnete, ihre Häme spüren ließen. Und gleich am Abend des Spieles schon die Fans. In Hamburg kam es zu schweren Ausschreitungen zwischen holländischen und deutschen Zuschauern.

Zwei Jahre später steigerte sich die Gereiztheit noch einmal, als Frank Rijkaard seinen Gegenspieler Rudi Völler im WM-Achtelfinale anspuckte. Der Chauvinismus drehte auf Hochtouren, verstärkt durch den enthemmten Live-Kommentar des ARD-Reporters Heribert Faßbender ("Schickt diesen Schiedsrichter in die Pampa!"). Staatsminister Schäfer kritisierte die "emotional maßlos überzogene und einseitige Reportage" und warnte vor einem "Vulgär-Nationalismus, der die mühevollen Bemühungen des Außenministeriums konterkariert"; einem Nationalismus, "der durch die Hintertür von Sportreportagen wiederkommen und so ein Überlegenheitsgefühl der Deutschen entwickeln kann". Aber im großen WM-Triumph, und das noch im Taumel des Vereinigungs-Jahres, scherte sich weiter keiner groß um diplomatische Kollateralschäden.

Holland scheiterte, Deutschland wurde Weltmeister, und seitdem hat sich die Lage zwischen beiden langsam, aber sicher wieder normalisiert. Rijkaard entschuldigte sich, er und Völler vertrugen sich für eine Werbekampagne ("Die Butter bringt wieder an einen Tisch"). Bei der Wiederannäherung half, dass die Ankündigung von Teamchef Beckenbauer ("Es tut mir leid für den Rest der Welt, aber wir sind auf Jahre hinaus unschlagbar") sich bald als vollmundiger Unfug herausstellte. Aus den blühenden Landschaften wurde nichts, weder unter Helmut Kohl noch unter Berti Vogts, den Führungsspielern der ersten acht Vereinigungsjahre. Und die Ängste vor einer neuen, fürchterlichen Großmacht Deutschland zerstreuten sich politisch wie sportlich in kurzer Zeit.