30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Christian Eichler

Niederlande

Anäherung in neuer Freundschaft

"Ihre Angst vor den Deutschen verflüchtigte sich in den 90er Jahren", bemerkte Kuper an den Holländern. Als 1989 die Berliner Mauer gefallen war, hatte sich der niederländische Regierungschef Ruud Lubbers ebenso wie Margaret Thatcher und François Mitterrand für die Beibehaltung der deutschen Teilung ausgesprochen. (Kohls Elefantengedächtnis ersparte ihm die Revanche nicht – der Pfälzer blockierte 1994 den geplanten Aufstieg des Holländers zum Präsidenten der Europäischen Kommission). Doch im Laufe des ersten Jahrzehnts der deutschen Einheit spürten die Nachbarn, dass man auch vor einem deutlich dicker gewordenen Deutschland keine Angst haben musste – vor dessen Fußball schon gar nicht.

Zum besseren Verhältnis mit den Deutschen trugen auch zunehmend selbstkritischere Töne über die Rolle der Niederländer im Krieg, über Kollaboration und das nicht immer rühmliche Verhalten gegenüber der eigenen jüdischen Bevölkerung bei. Diese neuen Grautöne ließen den alten Schwarz-Weiß-Gegensatz auf dem holländisch-deutschen Fußballschlachtfeld allmählich verblassen. Hinzu kam, dass auch die Leistung der eigenen Elf von 1974 mittlerweile kritischer gesehen wurde. Sahen sich die Holländer lange Zeit betrogen, so offenbarten mehrere Veröffentlichungen zum 30. Jahrestag des Finales, wie arrogant und fahrlässig das Team damals seine Chance vergab. So hatte man den Gegner kaum studiert und bis zum Finaltag keine Vorbesprechung gehalten. Und sich nach früher 1:0-Führung zuviel Selbstsicherheit geleistet. "Wir wollten einen Spaß mit den Deutschen machen. Wir wollten sie erniedrigen, das hat sie wütend gemacht", räumte später Johnny Rep ein. "Es war unsere Schuld." Van Hanegem sprach offen davon, dass man die Deutschen "demütigen" wollte. Das ging nach hinten los.

Heute haben die Freundschaftsspiele ein ähnliches Gesicht wie 1974: Die Holländer spielen besser, entfalten eine mitunter demonstrative Überlegenheit, wie etwa 1998 und 2002 in Gelsenkirchen, 2000 in Amsterdam und 2005 in Rotterdam, verzichten aber darauf, den Gegner zu demütigen - so dass am Ende die Deutschen immer noch ein halbwegs passables Resultat erwirtschaften können. Die Holländer spielstärker, die Deutschen willensstärker, das alles nun aber ohne Gift und Galle – es ist, als hätten die Rivalen von einst sich auf ein Modell geeinigt, mit dem beide sozialverträglich ihre Vorzüge vorführen können.

Man ist mittlerweile gar so weit, die Vorzüge des jeweils anderen offen anzuerkennen. Auch in Deutschland spricht man inzwischen aus, wie viele großartige Spieler die Niederländer mit ihrem Nachwuchssystem und wie viele tolle Spiele sie mit ihrer Spielkunst hervorgebracht haben. Während man in Holland, etwa durch Michels oder den Trainerkollegen Guus Hiddink, den "Realismus" der Deutschen anerkannte, ihre Effizienz, ihre Ergebnisse. So räumen beide Seiten unausgesprochen ein, dass man einander näher und ähnlicher ist, als man es jahrzehntelang wahrhaben wollte.

Die letzte Annäherung, ja Angleichung brachte die Ernennung zweier Volkshelden der Schlachten von 1988 und 1990 zu Nationaltrainern, beide am selben Tag, dem 29. Juli 2004. Seitdem hat Marco van Basten den Holländern den Dogmatismus ausgetrieben, Fußball stets nur als ästhetische Darbietung zu begreifen, als ewigen Aufguss des "totalen Fußballs" von Übervater Cruyff – er hat den Holländern die deutsche Tugend beigebracht, den Sieg über die Schönheit zu stellen. Zugleich verschrieb Jürgen Klinsmann den Deutschen eine Schnellkur in modernem Angriffsfußball, eine Nachhilfe in der holländischen Denkart, dass es nicht so sehr auf das richtige Ergebnis ankommt, wenn man nur die richtige Idee vom Spiel hat. Und siehe da, so nahe waren Fußball-Deutschland und Fußball-Holland einander noch nie. Näher und ähnlicher, als sie es selber je für möglich gehalten hätten.