Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Marco Bertolaso

Portugal

Der Ball rollt auch in der Politik - und sorgt für Skandale

Die Politiker kennen die Bedeutung des Königssports, und kaum einer kann der Versuchung widerstehen. Oppositionsführer, Minister, Bürgermeister, sie alle kommentieren vor der Kamera gerne die Sturmprobleme ihres Vereins. Paradebeispiel ist Ex-Premier Pedro Santana Lopes. Er förderte seine Karriere als TV-Fußballkommentator und als Präsident von Sporting Lissabon. Doch auch dem Aufstieg des heutigen Regierungschefs José Sócrates hat die Zeit als Cheforganisator der EM 2004 nicht geschadet.

Ungesund ist die Überlagerung der Politik durch den populären Sport. Doch verboten ist das nicht, im Gegensatz zu dem, was mitunter an Skandalen hochkommt. So hat auch Portugal seinen Fall von Schiedsrichterbestechung. "Apito Dourado" nennt ihn die Justiz mit Hintersinn, vergoldete Pfeife. Nach zwei Jahren wird nun gegen knapp 30 Personen Anklage erhoben. Unter ihnen ist der Chef der Fußballiga, Valentim Loureiro. Der Politiker und Multifunktionär soll dem Erfolg seines Zweitligisten Gondomar über die Schiedsrichter nachgeholfen haben.

Meist geht es bei den Skandalen aber um das Dreieck Kommunalpolitik, Bauunternehmen und Vereine, um Bauprojekte und Grundstücksgeschäfte. Verurteilungen sind selten, was aber auch am schwerfälligen Justizsystem liegen kann. Staatsanwältin Maria José Morgado jedenfalls hat ein ganzes Buch geschrieben, um den Fußball als korrupten Staat im Staate anzuklagen. Selbst die katholischen Bischöfe haben schon per Hirtenwort vor Macht und Machenschaften des Fußballs gewarnt.

Warum ist der Fußball so wichtig? Eine Frage mit vielen Antworten

Lautstarke Debatte in einem Café in Lissabon. Auf dem Tisch stehen kleine Tassen mit der Bica, dem hiesigen Espresso. Daneben Pastéis de Nata und anderes Backwerk, für das alleine sich die Reise lohnt. Gesucht werden die Gründe für die Dominanz des Fußballs im öffentlichen Leben. Einer erinnert an die Diktatur bis 1974. Jahrzehntelang gab es in den Medien kaum Informationen. Das Regime überschüttete das Volk mit Jubelmeldungen und Buntem. Der Fußball war Teil dieser Dauerkampagne, mit der Armut und Kolonialkriege verdrängt werden sollten. Widerspruch regt sich. Portugal sei seit drei Jahrzehnten eine Demokratie. Warum solle es da noch eine Medienkultur wie in der Diktatur geben? Demokratie ja, kommt als Antwort. Aber arm sind wir immer noch, trotz aller Hilfen aus Brüssel. Da werde der Fußball eben wie früher hochgespielt, als Balsam für die nationale Seele.

Jetzt redet ein Dritter. Bildung für alle, sagt er, habe es bis zur Revolution nicht gegeben. Das Volk sollte nicht auf dumme Ideen gebracht werden. Aber ein anständiges Bildungssystem gebe es immer noch nicht und daher auch zu wenige anspruchsvolle Mediennutzer. Ganz logisch also, dass simple Themen wie der Sport die Oberhand hätten. Nun meldet sich eine Frau zu Wort. Ihr Argument: Fußball sei ein Männerthema. Und da die Männer das Sagen hätten, auch in den Zeitungen und im Fernsehen, laufe eben Fußball rauf und runter.

Visitenkarte in aller Welt und einigendes Band

Ein älterer Herr zieht seinen Stuhl an den Tisch und legt los. Ihr vergesst eine ganze Menge, sagt er den jungen Leuten. Fußballerfolge seien doch Portugals beste Visitenkarte in der Welt. Und bei der EM 2004 hätten Millionen Zuschauer rund um den Globus ein neues Portugal entdeckt. Ein Land mit moderner Infrastruktur, ohne Eselskarren auf staubigen Wegen. Das sei unbezahlbare Werbung bei Touristen und Investoren. Der Mann kommt jetzt in Fahrt und zitiert ein Gedicht über Luís Figo. Manch einer hat über die Ode des sozialistischen Politikers und Dichters Manuel Alegre gelacht. Doch Alegre lässt das kalt. Er findet, Figo verdiene allemal ein Gedicht. Denn der Fußballer sei derzeit das wichtigste Band zwischen der Heimat und den fünf Millionen Auslandsportugiesen. Während der Herr im Café nun auch noch vom Fußball als Brücke zu den früheren Kolonien schwärmt, verlassen wir die Runde. Zeit für frische Luft.