Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Marco Bertolaso

Portugal

Ortstermin am "Estádio da Luz"

Mit der U-Bahn geht es zur Station "Colégio Militar". Wir sind in Benfica. Seit 50 Jahren schlägt hier das Herz des portugiesischen Fußballs. Hier steht das "Estádio da Luz". Sicher, auch der Lokalrivale Sporting hat viele Anhänger und Titel. Der F.C. Porto war sogar in den vergangenen zehn Jahren erste Kraft in Portugal und machte mit zwei Europapokalen Furore. Aber Benfica fasziniert immer noch mehr, wohl wegen der Ära Eusébio. In den 1960er-Jahren war Benfica die beste Mannschaft Europas. Zweimal gewann die Elf den Europapokal der Landesmeister, stand fünf Mal im Finale. Garanten der Erfolge waren Talente aus den Kolonien, allen voran der aus Mosambik stammende Eusébio. Die Diktatur war sehr zufrieden. Die schwarzen Spieler sollten zeigen, wie fest Portugiesisch-Afrika zum Mutterland gehörte, auch wenn die Welt nach Unabhängigkeit der Kolonien rief.

Mythos goldene Generation und exzellente Jugendarbeit

Jahrzehnte später war das "Estádio da Luz" Geburtsort eines neuen Mythos, der Goldenen Generation. Luís Figo, Rui Costa, Fernando Couto, Paulo Sousa und andere verteidigten hier 1991 die Junioren-WM. Zum Finale gegen Brasilien kamen 127.000 Zuschauer! Mehr als ein Jahrzehnt hoffte Portugal, dass die kleinen Weltmeister von 1991 auch als Große einen Titel holen würden - vergebens. Die Siege der Junioren waren und sind kein Zufall. Verband und Vereine investieren viel in die Jugend. Im kleinen Portugal fließt selbst für die Topclubs nicht genug aus TV-Verträgen und Werbung, um in Europa vorne mitzumischen. Auch der Kartenverkauf ist bei den leeren Rängen in der Superliga keine Hilfe. Als Lösung bietet sich der eigene Nachwuchs an. Die Spieler kosten wenig und bringen viel, wenn sie ins Ausland gehen. Wie gut die portugiesischen Junioren sind, davon kann man sich ab dem 23. Mai bei der U-21-Europameisterschaft überzeugen. Sie findet in Portugal statt. Deutschland und der Gastgeber treffen in der Vorrunde aufeinander.

EM 2004: Gastgeberstolz und Trauma der Finalniederlage

Mittelfeld-As Cristiano Ronaldo, Foto: Francisco Paraíso / FPFMittelfeld-As Cristiano Ronaldo, Foto: Francisco Paraíso / FPF
Auch das für die EM 2004 gebaute neue "Estádio da Luz" hat schon Fußballgeschichte erlebt. Es müsste verboten werden, Portugal mit Fado und Schwermut gleichzusetzen, doch am Abend des 4. Juli 2004 hat das Klischee einmal gestimmt. Knapp 60 Prozent Ballbesitz für Portugal. 10 zu 1 Ecken. Das einzige Tor schoß aber Angelos Charisteas für Otto Rehagels Griechen. Portugal hatte das EM-Finale im eigenen Land verloren. Dabei war die Euphorie so groß im Frühsommer 2004. An jedem zweiten Haus wehte die Nationalfahne, kaum ein Auto fuhr ohne sie. Überall diese fröhliche Mischung aus Gastgeberstolz und Titelhoffnung. Tatsächlich spielte und kämpfte Portugal sich ins erste große Endspiel vor! Und dann unterlag man ganz banal den Griechen, die so schnell laufen und so energisch verteidigen konnten. Für viele ist das bis heute ein übler Scherz der Fußballgeschichte.

Schon mehrere gute Europameisterschaften ...

So nahe dran wie 2004 waren die Portugiesen noch nie am ersten Titel. Aber schon bei den Europameisterschaften 1984 und 2000 fehlte nicht viel. Seltsame Parallele: im Abstand von 16 Jahren verlor Portugal zweimal das Halbfinale durch ein Tor kurz vor Ende der Verlängerung gegen den späteren Europameister Frankreich. Die Franzosen mussten dafür die besten Spieler aller Zeiten aufbieten: die entscheidenden Tore in letzter Minute schossen 1984 Platini und 2000 Zidane. Portugal war noch ein viertes Mal bei einer EM. 1996 kam das Aus im Viertelfinale gegen die Tschechen.

... aber erst eine starke WM

Den größten Erfolg bei einer Weltmeisterschaft feierten die Portugiesen vor vier Jahrzehnten. Gleich bei der ersten Teilnahme sprang in England der dritte Platz heraus. In Portugal denkt man bei 1966 nicht an das Wembley-Tor, sondern an großartige Spiele. Beim Vorrundensieg über Brasilien ließ Eusébio Pelé alt aussehen und im Viertelfinale gegen Nordkorea drehte Portugal einen 0:3-Rückstand noch in ein 5:3 um! Erst zwanzig Jahre später fuhren die Portugiesen wieder zu einer Endrunde. Talent gab es auch 1986 in Mexiko genug. Doch die Spieler konzentrierten sich im WM-Quartier Saltillo zu sehr auf den Poker um Erfolgsprämien. Einige streikten sogar und wurden ausgeschlossen. Ergebnis war das Aus in der Vorrunde. Diese Höchststrafe setzte es auch 2002 in Japan und Südkorea. Erneut verdarben Zwist und Mangel an Disziplin den Aufenthalt auf der WM-Bühne. Hinzu kamen gesundheitliche Probleme von Leistungsträger Figo.

Nun fährt Portugal also zu seiner vierten WM-Endrunde. Das Interesse der Portugiesen ist groß. Nicht zuletzt sind die Gastgeber der letzten Europameisterschaft gespannt, wie sich die Deutschen in dieser Rolle schlagen werden und ob die WM 2006 auch so ein fröhliches Turnier werden wird wie "ihre" EM 2004. Bleibt die große Frage, wie weit Portugal diesmal kommen wird. Da kann man eigentlich nur den portugiesischen Fußballer zitieren, der einmal treuherzig in die Kamera sagte: "Prognosen immer erst nach dem Spiel!" Und ganz am Ende bleibt sowieso die eine große Weisheit, die Portugiesen und Deutsche verbindet: "A bola é redonda - der Ball ist rund!"