Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.
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5.12.2005 | Von:
Marco Bertolaso

Portugal

Nur Liechtenstein brachte Portugal kurzfristig zum stolpern. Die WM-Qualifikation war ansonsten ungefährdet. Mit der vierten Teilnahme an einer Fußball-Weltmeisterschaft können die Südeuropäer ihr schlechtes Abschneiden beim vorangegangenen Turnier vergessen machen: dort schieden sie bereits in der Vorrunde aus.

Portugal kommt mit dem Rückenwind einer souveränen Qualifikation

Landesflagge PortugalLandesflagge Portugal
1. März 2006, 20 Uhr 45. Dafür sind sogar Kölner nach Düsseldorf gekommen! Portugal spielt gegen Saudi-Arabien eine der letzten Vorbereitungspartien vor der Weltmeisterschaft. 8.000 Zuschauer füllen die Arena nicht, aber dennoch erlebt Düsseldorf eine der größten Versammlungen von Portugiesen auf deutschem Boden. Einige von ihnen haben deutsche Freunde mitgebracht und denen erklären sie vor dem Anpfiff noch schnell das Nötigste. Also, die Nationalmannschaft nennt man Selecção, ein "c" mehr als bei der brasilianischen Seleção, oder auch "Selecção/Equipa das Quinas". Quinas, das sind die Ritterschilde auf dem portugiesischen Wappen. Die Spieler treten neuerdings ganz in Bordeauxrot an. Das ist daheim umstritten. Denn Grün, die zweite Farbe der Nationalflagge, ist bis auf ein paar Streifen verschwunden.


Jetzt läuft die Nationalhymne und wird gleich mit erklärt. "Heróis do Mar" schmettern Spieler und Fans, "Helden des Meeres". Das erinnert an die Großtaten der Entdecker im 15. und 16. Jahrhundert. Der schmissige Refrain "Às armas, às armas!" war schon Thema im Parlament in Lissabon, denn der Ruf "zu den Waffen" klingt nicht mehr politisch korrekt. Nicht ganz fair, aber bei der saudischen Hymne lässt die Konzentration nach. Zeit für den Hinweis, wie souverän sich die Portugiesen für die WM qualifiziert haben. In der europäischen Gruppe 3 ließen sie die Slowakei, Rußland, Estland, Lettland, Liechtenstein und Luxemburg in dieser Reihenfolge hinter sich. Die zwölf Gruppenspiele brachten neun Siege und drei Unentschieden. Mit 35 Toren in der Qualifikation waren die Portugiesen treffsicherer als jede andere europäische Mannschaft.

Figo, Deco, Cristiano Ronaldo und Co. - Mannschaft voller Stars

Portugals Top-Spieler Luis Figo, Foto: Francisco Paraíso / FPFPortugals Top-Spieler Luis Figo, Foto: Francisco Paraíso / FPF
An diesem kalten Abend stehen in Düsseldorf schon weitgehend die Spieler auf dem Rasen, auf denen im Sommer die WM-Hoffnungen ruhen. Die meisten spielen nicht mehr in Portugal, sondern holen sich Härte und Erfahrung bei Topclubs in Europa. Luís Figo [1] ist zurück in der Nationalelf. Er ist nicht mehr so schnell wie früher? Egal, jeder Schritt strahlt Weltklasse aus. Der in Brasilien geborene Spielmacher Deco [2] ist für viele schon jetzt einer der Stars der WM. Auch Costinha [3], Maniche [4] und Cristiano Ronaldo [5] stehen für ein Mittelfeld, das vor Technik sprüht und Druck nach vorne macht. Der junge Cristiano Ronaldo, der in Düsseldorf zwei Tore zum 3:0 gegen Saudi-Arabien beisteuert, ist vielleicht der weltweit beste Spieler seines Alters. Pauleta [6], seit Jahren einer der erfolgreichsten Stürmer in Europa, hat für Portugal inzwischen öfter getroffen als der legendäre Eusébio. Die Abwehr muss bei der WM ohne den verletzten Jorge Andrade auskommen, sieht aber immer noch stark aus, unter anderem mit Ricardo Carvalho [7], Paulo Ferreira [8], Nuno Valente [9] und dem Stuttgarter Fernando Meira [10]. Dazu kommen Torwart Ricardo [11] und noch viele andere Namen mit gutem Klang wie Nuno Gomes, Miguel, Tiago, Simão Sabrosa, Quaresma, Hugo Viana oder Petit.

Der Mitfavorit kommt mit "Titelverteidiger" Scolari

Luiz Felipe Scolari, Photo: Francisco Paraíso / FPFLuiz Felipe Scolari, Photo: Francisco Paraíso / FPF
Dass Portugal bei der WM als Mitfavorit an den Start geht, liegt auch an Luiz Felipe Scolari [12], dem amtierenden Weltmeistertrainer. Felipão, wie er daheim genannt wird, der große Philipp, hat Brasilien vor vier Jahren zum Endspielsieg gegen Deutschland geführt und danach in Portugal ganze Arbeit geleistet. Der Disziplinfanatiker hat klassische Schwächen abgestellt: die Schönspieler stehen jetzt auch hinten gut und behalten in kritischen Momenten die Nerven. Die Vize-Europameisterschaft war der erste Lohn für diese neue Spielergeneration. Mitgeprägt hat sie José Mourinho. Der Exzentriker auf der Trainerbank hat der halben Nationalelf in Porto seinen erfolgsorientierten Stil eingebleut und formt einige von ihnen in London weiter.

Vorfreude bei den Portugiesen in Deutschland

Portugals National-Mannschaft, Foto: Francisco Paraíso / FPFPortugals National-Mannschaft, Foto: Francisco Paraíso / FPF
Am 4. Juni bezieht Portugal das WM-Quartier im westfälischen Marienfeld. Nebenan in Gütersloh wird auch öffentlich trainiert. Die Mannschaft setzt stark auf die Unterstützung der rund 150.000 Landsleute in Deutschland. Schon das Vorbereitungsspiel in Düsseldorf war eine Geste. Viele Emigranten werden nach Marienfeld pilgern, und am 10. und 11. Juni geht es in Köln richtig hoch her: Am 11. Juni trifft Portugal dort zum WM-Auftakt auf die ehemalige Kolonie Angola; tags zuvor wollen die Portugiesen am Nationalfeiertag ein Riesenfest in Köln feiern. Zweiter Gegner ist am 17. Juni in Frankfurt am Main der Iran, und am 21. Juni wird man nach dem Spiel auf Schalke gegen Mexiko wissen, ob Portugal zum zweiten Mal bei einer WM die Vorrunde überstanden hat. Unterkunft und Spielorte passen gut zur bei uns wenig beachteten portugiesischen Gemeinschaft. Ihre Zeitung, die "Portugal Post", erscheint in Dortmund, unweit von Marienfeld. Köln bietet nicht nur echte Pastelarias; hier produziert der WDR im Funkhaus Europa "Lusomania", die einzige deutsch-portugiesische Radiosendung. Frankfurt schließlich kann die einzige portugiesische Buchhandlung Deutschlands vorweisen. Für Neugierige gibt es aber auch in vielen anderen Städten portugiesisches Leben zu entdecken - und natürlich in Portugal selbst.

Portugal - multikulturelle Heimat erstklassiger Fußballer

Landeanflug auf Lissabon. Auch wer ungern fliegt, riskiert einen Blick aus dem Fenster. Nördlich der Stadt wachsen Satellitenstädte aus dem Hügelland, Zeichen der Umbrüche der vergangenen Jahrzehnte. Hier wohnen Menschen, die auf dem Land keine Zukunft mehr sahen. Neben ihnen leben Familien, die nach der Unabhängigkeit der Kolonien aus Afrika zurückgekehrt sind. Hier wohnen aber auch Angolaner, Mosambikaner oder Kapverder, die es aus den Elendsvierteln in die bürgerlichen Vorstädte geschafft haben. Möglich, dass da unten gerade ein paar Jungs gegen den Ball treten, weiße und schwarze, aus denen Nationalspieler werden. Unter den Straßenfußballern sieht man immer öfter Kinder der jüngsten Einwanderungswelle, Ukrainer, Russen und Rumänen. Ihre Väter schuften auf vielen Baustellen. Sie haben auch die modernen Stadien von Benfica und Sporting Lissabon mitgebaut, über die wir Sekunden vor der Landung fliegen. Ob in einem dieser Stadien irgendwann einmal ein junger Mann mit slawischem Namen für Portugal auflaufen wird?

Desporto Rei - der Fußball regiert die Medien

Jubelnde Fans beim Länderspiel Portugal gegen Düsseldorf. Foto: Francisco Paraíso / FPFJubelnde Fans beim Länderspiel Portugal gegen Düsseldorf. Foto: Francisco Paraíso / FPF
Fußball ist wichtig in Portugal, vielleicht zu wichtig. Man nennt ihn Desporto Rei, Königssport. Viele halten ihrem Club lebenslange Treue, vor allem den "Großen Drei", schön geordnet nach Farben und Wappentier: Benfica Lissabon, Farbe rot, genannt die Adler. Lokalrivale Sporting, grün, bietet den Löwen auf. Der F.C. Porto, Farbe blau, identifiziert sich mit dem Drachen. Hart ist die Lokalrivalität der Hauptstadtclubs, manchmal erbittert die Konkurrenz zwischen den Vereinen aus Lissabon und Porto, wo man den leichteren Lebenswandel der Hauptstadt misstrauisch beäugt. Aber solche Formen der Fußballbegeisterung gibt es überall.

In Portugal geht die Sache weiter. Schon am Flughafenkiosk fallen "A Bola", "Record" und "O Jogo" ins Auge, drei Tageszeitungen nur zum Thema Fußball. Gut verkaufen sich auch die vielen Vereinsblätter. Selbst seriöse Zeitungen hieven Fußballthemen problemlos auf die erste Seite. Und erst das Fernsehen: die Nachrichten der staatlichen RTP oder der Privatsender TVI und SIC machen den Fußball oft zum Aufmacher und widmen ihm endlos scheinende Sendezeit. Wer wissen will, was in der Welt passiert, hat Pech.

Der Ball rollt auch in der Politik - und sorgt für Skandale

Die Politiker kennen die Bedeutung des Königssports, und kaum einer kann der Versuchung widerstehen. Oppositionsführer, Minister, Bürgermeister, sie alle kommentieren vor der Kamera gerne die Sturmprobleme ihres Vereins. Paradebeispiel ist Ex-Premier Pedro Santana Lopes. Er förderte seine Karriere als TV-Fußballkommentator und als Präsident von Sporting Lissabon. Doch auch dem Aufstieg des heutigen Regierungschefs José Sócrates hat die Zeit als Cheforganisator der EM 2004 nicht geschadet.

Ungesund ist die Überlagerung der Politik durch den populären Sport. Doch verboten ist das nicht, im Gegensatz zu dem, was mitunter an Skandalen hochkommt. So hat auch Portugal seinen Fall von Schiedsrichterbestechung. "Apito Dourado" nennt ihn die Justiz mit Hintersinn, vergoldete Pfeife. Nach zwei Jahren wird nun gegen knapp 30 Personen Anklage erhoben. Unter ihnen ist der Chef der Fußballiga, Valentim Loureiro. Der Politiker und Multifunktionär soll dem Erfolg seines Zweitligisten Gondomar über die Schiedsrichter nachgeholfen haben.

Meist geht es bei den Skandalen aber um das Dreieck Kommunalpolitik, Bauunternehmen und Vereine, um Bauprojekte und Grundstücksgeschäfte. Verurteilungen sind selten, was aber auch am schwerfälligen Justizsystem liegen kann. Staatsanwältin Maria José Morgado jedenfalls hat ein ganzes Buch geschrieben, um den Fußball als korrupten Staat im Staate anzuklagen. Selbst die katholischen Bischöfe haben schon per Hirtenwort vor Macht und Machenschaften des Fußballs gewarnt.

Warum ist der Fußball so wichtig? Eine Frage mit vielen Antworten

Lautstarke Debatte in einem Café in Lissabon. Auf dem Tisch stehen kleine Tassen mit der Bica, dem hiesigen Espresso. Daneben Pastéis de Nata und anderes Backwerk, für das alleine sich die Reise lohnt. Gesucht werden die Gründe für die Dominanz des Fußballs im öffentlichen Leben. Einer erinnert an die Diktatur bis 1974. Jahrzehntelang gab es in den Medien kaum Informationen. Das Regime überschüttete das Volk mit Jubelmeldungen und Buntem. Der Fußball war Teil dieser Dauerkampagne, mit der Armut und Kolonialkriege verdrängt werden sollten. Widerspruch regt sich. Portugal sei seit drei Jahrzehnten eine Demokratie. Warum solle es da noch eine Medienkultur wie in der Diktatur geben? Demokratie ja, kommt als Antwort. Aber arm sind wir immer noch, trotz aller Hilfen aus Brüssel. Da werde der Fußball eben wie früher hochgespielt, als Balsam für die nationale Seele.

Jetzt redet ein Dritter. Bildung für alle, sagt er, habe es bis zur Revolution nicht gegeben. Das Volk sollte nicht auf dumme Ideen gebracht werden. Aber ein anständiges Bildungssystem gebe es immer noch nicht und daher auch zu wenige anspruchsvolle Mediennutzer. Ganz logisch also, dass simple Themen wie der Sport die Oberhand hätten. Nun meldet sich eine Frau zu Wort. Ihr Argument: Fußball sei ein Männerthema. Und da die Männer das Sagen hätten, auch in den Zeitungen und im Fernsehen, laufe eben Fußball rauf und runter.

Visitenkarte in aller Welt und einigendes Band

Ein älterer Herr zieht seinen Stuhl an den Tisch und legt los. Ihr vergesst eine ganze Menge, sagt er den jungen Leuten. Fußballerfolge seien doch Portugals beste Visitenkarte in der Welt. Und bei der EM 2004 hätten Millionen Zuschauer rund um den Globus ein neues Portugal entdeckt. Ein Land mit moderner Infrastruktur, ohne Eselskarren auf staubigen Wegen. Das sei unbezahlbare Werbung bei Touristen und Investoren. Der Mann kommt jetzt in Fahrt und zitiert ein Gedicht über Luís Figo. Manch einer hat über die Ode des sozialistischen Politikers und Dichters Manuel Alegre gelacht. Doch Alegre lässt das kalt. Er findet, Figo verdiene allemal ein Gedicht. Denn der Fußballer sei derzeit das wichtigste Band zwischen der Heimat und den fünf Millionen Auslandsportugiesen. Während der Herr im Café nun auch noch vom Fußball als Brücke zu den früheren Kolonien schwärmt, verlassen wir die Runde. Zeit für frische Luft.

Ortstermin am "Estádio da Luz"

Mit der U-Bahn geht es zur Station "Colégio Militar". Wir sind in Benfica. Seit 50 Jahren schlägt hier das Herz des portugiesischen Fußballs. Hier steht das "Estádio da Luz". Sicher, auch der Lokalrivale Sporting hat viele Anhänger und Titel. Der F.C. Porto war sogar in den vergangenen zehn Jahren erste Kraft in Portugal und machte mit zwei Europapokalen Furore. Aber Benfica fasziniert immer noch mehr, wohl wegen der Ära Eusébio. In den 1960er-Jahren war Benfica die beste Mannschaft Europas. Zweimal gewann die Elf den Europapokal der Landesmeister, stand fünf Mal im Finale. Garanten der Erfolge waren Talente aus den Kolonien, allen voran der aus Mosambik stammende Eusébio. Die Diktatur war sehr zufrieden. Die schwarzen Spieler sollten zeigen, wie fest Portugiesisch-Afrika zum Mutterland gehörte, auch wenn die Welt nach Unabhängigkeit der Kolonien rief.

Mythos goldene Generation und exzellente Jugendarbeit

Jahrzehnte später war das "Estádio da Luz" Geburtsort eines neuen Mythos, der Goldenen Generation. Luís Figo, Rui Costa, Fernando Couto, Paulo Sousa und andere verteidigten hier 1991 die Junioren-WM. Zum Finale gegen Brasilien kamen 127.000 Zuschauer! Mehr als ein Jahrzehnt hoffte Portugal, dass die kleinen Weltmeister von 1991 auch als Große einen Titel holen würden - vergebens. Die Siege der Junioren waren und sind kein Zufall. Verband und Vereine investieren viel in die Jugend. Im kleinen Portugal fließt selbst für die Topclubs nicht genug aus TV-Verträgen und Werbung, um in Europa vorne mitzumischen. Auch der Kartenverkauf ist bei den leeren Rängen in der Superliga keine Hilfe. Als Lösung bietet sich der eigene Nachwuchs an. Die Spieler kosten wenig und bringen viel, wenn sie ins Ausland gehen. Wie gut die portugiesischen Junioren sind, davon kann man sich ab dem 23. Mai bei der U-21-Europameisterschaft überzeugen. Sie findet in Portugal statt. Deutschland und der Gastgeber treffen in der Vorrunde aufeinander.

EM 2004: Gastgeberstolz und Trauma der Finalniederlage

Mittelfeld-As Cristiano Ronaldo, Foto: Francisco Paraíso / FPFMittelfeld-As Cristiano Ronaldo, Foto: Francisco Paraíso / FPF
Auch das für die EM 2004 gebaute neue "Estádio da Luz" hat schon Fußballgeschichte erlebt. Es müsste verboten werden, Portugal mit Fado und Schwermut gleichzusetzen, doch am Abend des 4. Juli 2004 hat das Klischee einmal gestimmt. Knapp 60 Prozent Ballbesitz für Portugal. 10 zu 1 Ecken. Das einzige Tor schoß aber Angelos Charisteas für Otto Rehagels Griechen. Portugal hatte das EM-Finale im eigenen Land verloren. Dabei war die Euphorie so groß im Frühsommer 2004. An jedem zweiten Haus wehte die Nationalfahne, kaum ein Auto fuhr ohne sie. Überall diese fröhliche Mischung aus Gastgeberstolz und Titelhoffnung. Tatsächlich spielte und kämpfte Portugal sich ins erste große Endspiel vor! Und dann unterlag man ganz banal den Griechen, die so schnell laufen und so energisch verteidigen konnten. Für viele ist das bis heute ein übler Scherz der Fußballgeschichte.

Schon mehrere gute Europameisterschaften ...

So nahe dran wie 2004 waren die Portugiesen noch nie am ersten Titel. Aber schon bei den Europameisterschaften 1984 und 2000 fehlte nicht viel. Seltsame Parallele: im Abstand von 16 Jahren verlor Portugal zweimal das Halbfinale durch ein Tor kurz vor Ende der Verlängerung gegen den späteren Europameister Frankreich. Die Franzosen mussten dafür die besten Spieler aller Zeiten aufbieten: die entscheidenden Tore in letzter Minute schossen 1984 Platini und 2000 Zidane. Portugal war noch ein viertes Mal bei einer EM. 1996 kam das Aus im Viertelfinale gegen die Tschechen.

... aber erst eine starke WM

Den größten Erfolg bei einer Weltmeisterschaft feierten die Portugiesen vor vier Jahrzehnten. Gleich bei der ersten Teilnahme sprang in England der dritte Platz heraus. In Portugal denkt man bei 1966 nicht an das Wembley-Tor, sondern an großartige Spiele. Beim Vorrundensieg über Brasilien ließ Eusébio Pelé alt aussehen und im Viertelfinale gegen Nordkorea drehte Portugal einen 0:3-Rückstand noch in ein 5:3 um! Erst zwanzig Jahre später fuhren die Portugiesen wieder zu einer Endrunde. Talent gab es auch 1986 in Mexiko genug. Doch die Spieler konzentrierten sich im WM-Quartier Saltillo zu sehr auf den Poker um Erfolgsprämien. Einige streikten sogar und wurden ausgeschlossen. Ergebnis war das Aus in der Vorrunde. Diese Höchststrafe setzte es auch 2002 in Japan und Südkorea. Erneut verdarben Zwist und Mangel an Disziplin den Aufenthalt auf der WM-Bühne. Hinzu kamen gesundheitliche Probleme von Leistungsträger Figo.

Nun fährt Portugal also zu seiner vierten WM-Endrunde. Das Interesse der Portugiesen ist groß. Nicht zuletzt sind die Gastgeber der letzten Europameisterschaft gespannt, wie sich die Deutschen in dieser Rolle schlagen werden und ob die WM 2006 auch so ein fröhliches Turnier werden wird wie "ihre" EM 2004. Bleibt die große Frage, wie weit Portugal diesmal kommen wird. Da kann man eigentlich nur den portugiesischen Fußballer zitieren, der einmal treuherzig in die Kamera sagte: "Prognosen immer erst nach dem Spiel!" Und ganz am Ende bleibt sowieso die eine große Weisheit, die Portugiesen und Deutsche verbindet: "A bola é redonda - der Ball ist rund!"
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Fußnoten

1.
Luís Filipe Madeira Caeiro Figo (33), Weltfußballer des Jahres 2001, wurde in Barcelona zum Star, wechselte als erster "Galaktischer" zu Real Madrid und ist inzwischen bei Inter Mailand angekommen. Den Abschied von der Nationalelf nach dem EM-Finale 2004 machte der Rekordnationalspieler zur WM-Qualifikation rückgängig. Figo stammt aus einfachen Verhältnissen und hat das nicht vergessen. Als UNICEF-Botschafter und mit einer eigenen Stiftung fördert der Mann, der gerne Psychologe geworden wäre, benachteiligte Kinder.
2.
Deco (28) ist einer der besten Spielmacher der Welt. Der Mittelfeldregisseur war Garant der Europapokaltriumphe von Mourinhos F.C. Porto und zieht heute die Fäden in Barcelona. Geboren wurde er als Anderson Luíz de Sousa in Brasilien. Als Fußballgastarbeiter kam Deco 1997 ohne große Begeisterung nach Portugal. Er blieb, setzte sich durch, wurde eingebürgert und avancierte zu einem der Stars der EM 2004. Die meisten Portugiesen haben ihn ins Herz geschlossen. Ein paar Unverbesserliche sehen in ihm immer noch einen Fremden und lassen ihn das spüren.
3.
Costinha (32) hat turbulente Monate hinter sich. Er war mit Maniche von Porto nach Moskau gewechselt, überwarf sich dort aber mit der Vereinsführung. Ergebnis: Francisco José Rodrigues Costa drückte monatelang die Bank und spielte nur in der Nationalelf. Dort aber als Kapitän, oder besser gesagt: als einer von ihnen. Denn Scolari setzt auf drei Kapitäne: Costinha, Pauleta und Figo. Der Trainer benennt vor jedem Spiel denjenigen, der ihm am besten zu Gegner, Ort und Schiedsrichter zu passen scheint.
4.
Maniche (28) ist bei Chelsea als vorerst letzter portugiesischer Spieler angekommen. Der Mittelfeldstar wechselte nach den goldenen Jahren in Porto erst einmal für 16 Mio. Euro zu Dynamo Moskau. Das war russischer Ablöserekord. In diesem Januar wurde er nach London ausgeliehen. Eigentlich heißt er Nuno Ricardo Oliveira Ribeiro. Sein Spitzname Maniche erinnert an einen früheren dänischen Star von Benfica. Maniches unglaublicher Weitschuss beim Halbfinalerfolg gegen die Niederlande wurde zum besten Tor der EM 2004 gewählt.
5.
Cristiano Ronaldo Santos Aveiro (21) kommt aus Madeira. Die Inselgruppe ist eine autonome Region Portugals. Die Eltern gaben ihm den zweiten Vornamen aus Verehrung für US-Präsident Ronald Reagan. Der Vater war Platzwart bei einem kleinen Verein, und dort lernte Cristiano das Laufen auf dem Spielfeld. Bei Sporting Lissabon kam er groß heraus und ging dann 2003 zu Manchester United. In Portugal gilt er als der Superstar nach Figo. Im vergangenen Jahr wurde Ronaldo nach Vergewaltigungsvorwürfen von der britischen Polizei verhört. Der Verdacht zerschlug sich und sein guter Name war wieder hergestellt.
6.
Pauleta (33) hat als einziger in Scolaris Kader nie in der ersten portugiesischen Liga gespielt. Stationen seiner Karriere sind Salamanca, La Coruña, Bordeaux und Paris Saint-Germain. Er war in der WM-Qualifkation mit elf Treffern bester Schütze in Europa. Pedro Miguel Barreiro Resendes, genannt Pauleta, kommt aus Ponta Delgada, der Hauptstadt der Azoren. In der Nationalelf ist er der besondere Stolz des fernen Archipels, wo man ihn den "Adler der Azoren" nennt.
7.
Ricardo Carvalho (28) ist mit Mourinho zu Chelsea gewechselt. Der Innenverteidiger ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere in der Weltklasse angekommen. Dabei setzte er sich in Porto erst nach mehreren Anläufen durch, noch rechtzeitig für die beiden europäischen Titel 2003/04. Anschließend spielte Carvalho eine glänzende EM, und inzwischen ist er maßgeblich daran beteiligt, dass Chelsea meist zu Null spielt. Carvalho ist kein Holzer. Er zieht die intelligente Defensive vor: bei der EM in Portugal musste er sich in 480 Minuten auf dem Platz nur fünf Mal mit einem Foul behelfen.
8.
Auch Paulo Ferreira (27) ging von Porto nach London. Nach einem guten ersten Jahr sitzt er jetzt öfter auf der Bank, als ihm lieb ist. Noch ist nicht sicher, ob Scolari ihn mit nach Deutschland nimmt. Wenn Ferreira sich wieder fängt, wird aber auch er bei der WM den gegnerischen Stürmern das Leben sehr schwer machen.
9.
Nuno Valente (31), durchlief wie so viele die Schule Mourinhos in Porto. Auch der Verteidiger verließ Porto in Richtung England. Valtene ging aber nicht zu Chelsea, sondern nach Everton.
10.
Fernando Meira (28) vertritt die Bundesliga in der portugiesischen Nationalmannschaft. Im Januar 2002 holte Felix Magath den jungen Kapitän von Benfica nach Stuttgart. Meiras Anfang beim VfB war durchwachsen. Verletzungspech kam hinzu. Doch inzwischen hat sich Meira als Leistungsträger bei den Schwaben durchgesetzt. Bei der WM 2002 und der EM 2004 wurde er noch übergangen. Nun will er bei seinem ersten großen Turnier, ausgerechnet in der Wahlheimat Deutschland, alles geben.
11.
Ricardo Martins Soares Pereira (30) ist nicht unumstritten. Scolari handelte sich schon 2004 viel Ärger ein, als er bei der EM das Torwart-Denkmal Vítor Baía auf die Bank setzte. Ricardo wurde im Viertelfinale zum Helden: Im Elfmeterschießen hielt er erst den letzten Elfer der Engländer - ohne Handschuhe! Anschließend verwandelte er selbst den entscheidenden Strafstoß für Portugal. Im Finale sah er beim Tor der Griechen dann eher unglücklich aus.
12.
Der 58-jährige Scolari arbeitet souverän. Gelassen hält er dem Ränkespiel im Verband und den Angriffen der Presse stand, die normalerweise zu einer raschen Rotation der Nationaltrainer führen. Seine Devise: Das Spiel ist dazu da, gewonnen zu werden. Dem muss sich jeder unterordnen, selbst ein Ronaldo oder Figo. Manchem passt es nach wie vor nicht, dass der Trainer Ausländer ist - und ausgerechnet Brasilianer. Portugal unterhält zu der großen ehemaligen Kolonie eine leicht pathologische Hassliebe. Scolari deutet inzwischen an, dass seine Zeit in Portugal nach der WM zu Ende gehen könnte.