Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Zdravko Lipovac

Serbien und Montenegro

Wie geht es weiter?

Viele fragen sich, ob die prekäre Situation im Staat mit elf Millionen Einwohnern die Nationalmannschaft wohlmöglich belasten könnte?

Serbien hat sich quasi schon mit dem Zerfall des Staatenbündnisses mit Montenegro abgefunden, und die Referendum-Ergebnisse von Montenegro sind in Belgrad längst akzeptiert worden. Auch im Fußball hat bereits die Trennung begonnen: In den Qualifikationen für die EM 2008 wird Serbien ohne Montenegro antreten. Montenegro darf erst für die WM 2010 in Südafrika in der Qualifikation spielen, weil die Gruppenverteilung für die EM 2008 in Österreich und der Schweiz schon vorgenommen wurde. Schon jetzt kann man vermuten, dass Dejan Savicevic eine große Rolle im Land mit nur 600.000 Einwohnern spielen wird. Der ehemalige Roter-Stern Belgrad- und AC Mailand-Star, der in Belgrad als "Genie" bezeichnet wurde, gilt als enger Freund von Montenegros Regierungschef und Unabhängigkeits-Befürworter Milo Djukanovic. Als viel schwieriger wird die Verteilung des Staatsvermögens zwischen Belgrad und der Hauptstadt Montenegros Podgorica angesehen. Warum? Zehntausende Montenegriner haben ihren Wohnsitz schon seit mehr als 60 Jahren in Belgrad angesiedelt. Man hat damals in der kommunistischen Jugoslawien-Zeit die enge Freundschaft zwischen Serbien und Montenegro mit dem Ausdruck "wie zwei Augen im Gesicht" verglichen. Die Montenegriner genossen jahrelang ein hohes parteiliches und geschäftliches Privileg - nicht nur in Belgrad, sondern auch in anderen Städten Jugoslawiens. Andererseits haben viele Serben Unsummen von Geld in wertvolle Urlaubshäuser an der Adria-Küste in Montenegro investiert. Auch viele große Unternehmen, die Erholungsstätten für ihre Betriebe schafften, legten dort ihr Geld an. Speziell diese Aufteilung könnte für politische Spannungen sorgen. Das immer ärmere Serbien fürchtet sich auch vor dem Urteil des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag, nachdem Klagen des Staates Bosnien und Herzegowina gegen das Restjugoslawien und heutige Serbien-Montenegro - aufgrund von Aggression und Völkermord im bosnischen Krieg - eingegangen sind.

Für Montenegro wäre diese millionenschwere Entschädigung noch gravierender, da es sich erst im Aufbau eines neuen Staates befindet und außer dem Tourismus kaum über weitere Einnahmenquellen verfügen. Die Europäische Union hat schon erste Verhandlungen über einen möglichen Beitritt Serbien-Montenegros im Rahmen des Abkommens "Stabilisierung und Assoziierung" geführt. Aber diese wurden von der EU-Kommission zeitweilig eingestellt, da Belgrad die Bedingungen für die Zusammenarbeit mit dem Haager UN-Tribunal nicht konsequent erfüllthat. Konkret: Der einstige General der bosnischen Serben, Ratko Mladic, der für das Srebrenica-Massaker verantwortlich zeichnet, ist noch immer auf freiem Fuß und genießt dazu noch Unterstützung vom Militär, das ihn versteckt hält. Europa-Befürworter in Serbien befinden sich in einer Klemme: Sie streben einen Beitritt an und wurden für den positiven Fortschritt im konservativen Serbien mit Millionenbeiträgen unterstützt - ganz besonders nach dem Sturz des Milosevic-Regimes und dessen Auslieferung an das Haager Tribunal.

Andererseits wird der angeklagte Kriegsverbrecher Ratko Mladic in Serbien als "Kultsymbol" angesehen; er besitzt dort die Rolle eines Volkshelden, vor allen Dingen bei der Serbischen Radikalen Partei "Srpska Radikalna Stranka", welche die Mehrheit im serbischen Parlament darstellt, obwohl ihr Leiter, Vojislav Seselj, schon seit langer Zeit nach Den Haag ausgeliefert worden ist.

In dieser neu aufgetretenen politischen Lage könnte auch Podgorica auf eine ähnliche Weise international belastet werden. Der mutmaßliche Kriegsverbrecher und Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, könnte sich laut Expertenmeinungen in Montenegro, nahe der bosnischen Grenze, versteckt halten, da er selbst aus Montenegro stammt.

Schon jetzt ist klar, dass nur wenige Fußballfreunde aus Montenegro die Einladung "zum Besuch bei Freunden" wahrnehmen werden. Jedoch wird Serbien-Montenegro einen großen Anhang hinter sich haben, da in Deutschland 700.000 Bürger serbischer Herkunft leben. Somit stellen die Serben die zweitgrößte nicht-deutschstämmige Bevölkerungsgruppe in der Bundesrepublik.

Heute sind die Serben hierzulande im Grunde in allen Bevölkerungsschichten vertreten und der serbische Arbeiter und Handwerkergehilfe von gestern wird zunehmend verdrängt vom serbischen Facharbeiter, Angestellten, Studenten, selbstständigen Kleinunternehmer oder Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens, .

Die Serben stellen eine der am besten integrierten Ausländergruppen in Deutschland dar. Dies lässt sich unter anderem daran erkennen, dass etwa ein Viertel der hiesigen Serben über die deutsche Staatsbürgerschaft und etwa 15 Prozent über Wohneigentum verfügen. Die politische Bedeutung der serbischen Gemeinschaft war in Deutschland bisher marginal, befindet sich mittlerweile jedoch in einem leichten Aufschwung. Allmählich verbessert sich der Organisationsgrad der deutschen Serben. Andererseits helfen auch offene Strukturen die Präsenz der Serben in der deutschen Gesellschaft zu verstärken. Besondere Bedeutung für die serbische Gemeinschaft in Deutschland hat natürlich die Serbisch-Orthodoxe Kirche - diese hat, laut eigenen Angaben, in Deutschland etwa 300.000 Gläubige.