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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.
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5.12.2005 | Von:
Gunda Wienke

Trinidad und Tobago

Mit einem sensationellen 2:1 Sieg gegen Mexiko schaffte die Fußball-Nationalmannschaft von Trinidad und Tobago im letzten Qualifikationsspiel die Sensation: die erste Teilnahme an einer Weltmeisterschaft. Zu den bekanntesten Spielern zählt Dwight Yorke, der für Blackburn Rovers in der englischen Premier League spielt.

Cricket rules - Fußball ist die Nummer Zwei

Landesflagge Trinidad und TobagoLandesflagge Trinidad und Tobago
Der Queens Park Savannah, mitten in der Hauptstadt Port of Spain, besticht durch seinen saftig grünen, perfekt getrimmten Rasen. Fußball wird hier nicht gespielt. Weißgekleidete Spieler vergnügen sich – "very british" - mit Ball und Holzschläger, beim Kricket. Gemeinsam mit Jamaika spielt Trinidad und Tobago für die West Indies auf Weltniveau. Der Kapitän des Teams, Brian Lara, ist einer der weltbesten "Batsmen". Als er 1994 den 36 Jahre gültigen Weltrekord von 365 auf 375 "runs" steigerte, war die gesamte Karibik aus dem Häuschen.


Fußball ist in dem 1,3-Millionen-Staat nur die Nummer Zwei. Auf der Doppelinsel, die nordöstlich der venezolanischen Küste liegt, war die Stimmung jedoch nicht minder ausgelassen, als sich die "Soca Warriors" für die WM in Deutschland qualifizierten. Premierminister Patrick Manning rief den 16. November zum Nationalfeiertag aus, damit die heimkehrenden Kicker gebührend gefeiert werden konnten.

Der lange Weg der "Soca Warriors" zur WM

Die "Soca Warriors" sind das vierte karibische Team, das sich für eine WM qualifizieren konnte. 1938 in Italien schied Kuba schon in der ersten Runde aus, 1974 diente Haiti als Punktelieferant in Deutschland. Einzig Jamaikas "Reggae Boyz" erzielten 1998 in Frankreich mit ihrem 2:1 gegen Japan einen Sieg. Bei der WM zählt das Team von Trinidad und Tobago zu den Außenseitern. Erst im zehnten Anlauf meisterten die "Warriors" die Qualifikation in der CONCACAF-Gruppe (Nord-, Mittelamerika und Karibik). Auf dem Weg nach Deutschland profitierte man besonders vom Unvermögen der Konkurrenz.

Über die Vorausscheidungsrunde - mit Siegen gegen die Dominikanische Republik sowie gegen die Nachbarn St. Vincent/Grenadinen und St. Kitts and Nevis - gelang der Sprung in die abschließende Sechser-Qualifikationsgruppe. Kaum jemand erwartete, dass die "Soca Warriors" gegen Mexiko, USA, Panama, Costa Rica und Guatemala eine Chance haben würden.

Das Team erwischte einen miserablen Start und konnte aus den ersten drei Spielen nur einen Punkt holen. Die Lage schien bereits aussichtslos, als mit dem niederländischen Coach Leo Beenhakker, ein erfahrener Auswahltrainer, dem zurückgetretenen Bertille St. Claire ins Amt folgte.

Die neue Ära der "Soca Warriors" begann mit einem Sieg gegen Panama. Am letzten Spieltag musste im Heimspiel gegen die Mexikaner unbedingt ein Sieg her. Die längst qualifizierten Mexikaner ließen sich vom "Liming" – der karibischen "Kunst des Nichtstuns" anstecken. Trinidad und Tobago ging mit 2:1 vom Platz und sicherte sich die Teilnahme an der Playoff-Runde gegen Bahrain. Nach einem enttäuschenden 1:1 zu Hause gegen Bahrain gelang ein 1:0-Sieg in Arabien, der die erstmalige Teilnahme an einer WM sicherte.

Die Mannschaft ist der Star

Leo Beenhakker ist ein zielklarer und geschätzter Coach - er trainierte vorher das niederländische Nationalteam, Ajax Amsterdam und Real Madrid. Aus jungen Spielern und wenigen Routiniers formte der Niederländer ein effizientes Team. Star und Angelpunkt der Mannschaft ist der 34-jährige Dwight Yorke vom FC Sydney. Lange spielte er bei Manchester United, wo er gemeinsam mit Andy Cole ein kongeniales Stürmerduo bildete. Sein größter Erfolg mit Manchester war der unvergessene Last-Minute-Sieg gegen Bayern München im Champions-League Finale 1999.

Yorke stand dem Nationalteam zunächst gar nicht zur Verfügung, gab aber 2005, auf Drängen des Verbandes, seinen Rücktritt vom Rücktritt bekannt und spielt seitdem bei den "Soca Warriors" eine wichtige Rolle im zentralen Mittelfeld. Mit Russel Latapy steht ihm ein weiterer Routinier zur Seite. Der 37-Jährige ist Spielertrainer beim schottischen Club Falkirk. Aufgrund seines entscheidenden Anteils am Aufstieg von Falkirk in die schottische Premier League wurde er 2005 zum besten Spieler der zweiten schottischen Liga gewählt. In seiner Heimat gilt er immer noch als der beste Fußballer aller Zeiten des Inselstaates. Bei der Weltmeisterschaft wird Latapy der mit Abstand älteste Feldspieler sein. "Natürlich bin ich kein junger Hüpfer mehr", erklärt dieser, den seine zahlreichen Fans weltweit "Stompy" oder "Latas" rufen, aber seine mangelnde Schnelligkeit macht er problemlos wett mit bemerkenswerter Übersicht und der Fähigkeit, das Spiel zu lesen.

Mit West Hams Torhüter Shaka Hislop und dem Angreifer Stern John (Coventry) spielen lediglich zwei weitere Nationalspieler erstklassig. Die übrigen sind bei zweit- und drittklassigen britischen Vereinen aktiv, kicken in der amerikanischen Liga oder sind sogar ganz ohne Verein, wie Mittelfeldspieler Silvio Spann.

Das Caligiuri-Trauma

Vor 16 Jahren stand Trinidad und Tobago kurz davor, sich für WM in Italien zu qualifizieren. Ein Unentschieden im letzten Heimspiel gegen die USA hätte gereicht. Mit einem 30 Meter-Schuss machte Paul Caligiuri, der seinerzeit wenig erfolgreich beim deutschen Zweitligisten SV Meppen kickte, die Teilnahme zunichte. Der damalige Keeper Michael Maurice sagt, das Tor von Caligiuri sei ein Albtraum gewesen. Er habe monatelang nicht schlafen können und sich schuldig gefühlt für sein ganzes Land. Jetzt ist der pensionierte Polizeibeamte Teil der WM-Delegation. Als Torwarttrainer hat er das Gefühl, seinem Land einen Teil der Schuld von 1989 zurückzahlen zu können.

Soca Warriors kontra Reggae Boyz

Im Kricket sind Jamaika und Trinidad und Tobago ein Team; beim Fußball hingegen Rivalen. In der Statistik der Karibikmeisterschaften liegen sie klar vor Jamaika. Daher wurmt es die "Trinis" immer noch, dass die Jamaikaner vor ihnen an einer WM teilgenommen haben. Die "Reggae Boyz" schrieben die Geschichte, welche die "Soca Warriors" 1989 so gerne geschrieben hätten .

Eine Gemeinsamkeit der Teams ist die Liebe zur Musik, ohne die in der Karibik nichts geht. In Jamaika liefert Reggae den Beat, und auf der Doppelinsel wird der Rhythmus von den "Steelbands" vorgegeben. Die Nationalmannschaft verdankt ihren Beinamen "Soca Warriors" dem Soca, welcher Anfang der 1970er-Jahre in Trinidad und Tobago aus der Verknüpfung von Calypso mit indischen Rhythmen entstand. Die ursprüngliche Schreibweise "Sokah" verweist auf den Einfluss der Hindi-Musik. Mitte der Siebzigerjahre setzte sich die heutige Schreibweise "Soca" als "Soul of Calypso" durch. Soca ist fieberhafter und perkussiver als Calypso. Im weltberühmten Karneval Trinidad und Tobagos, der demjenigen in Rio de Janeiro in Größe und Farbenpracht kaum nachsteht, sind beide Ausdrucksformen gegenwärtig.

Fußball als Bindemittel für die Gesellschaft?

In der Musik klingt es bereits an. Trinidad beheimatet zwei etwa gleich große Volksgruppen: Inder und Afro-Kariben. Daher kommt es zwischen dem afro-trinidadischen People`s National Movement (PNM) und dem indo-trinidadischen United National Congress (UNC) im Parlament nicht selten zum Patt. Neuwahlen und Verfassungskrisen sind den Einwohnern nicht fremd.

Die Afro-Kariben dominieren im Karneval und Fußball, wohingegen die Indischstämmigen im Kricket stärker vertreten sind. (Auch in Indien ist Kricket Nationalsport Nummer eins). Aufgrund seiner Erdölvorkommen ist Trinidad im innerkaribischen Raum ein vergleichsweise wohlhabendes Land. Dennoch hat die Insel ähnlich massive Probleme mit Bandenkriminalität und Drogenhandel wie Jamaika (die wesentlich kleinere Nachbarinsel Tobago ist davon kaum betroffen). Der Drogenhandel bringt viel "schmutziges" Geld ins Land, das die Dealerbanden dazu nutzen, um Waffen zu kaufen und ihre "Claims" zu verteidigen bzw. auszubauen. Die Anzahl der Opfer innerhalb dieser Bandenkriege ist enorm.

Im November feierten Tausende in den Straßen Port of Spains ausgelassen die WM-Teilnahme der "Soca Warriors". Einen Monat zuvor waren mehr als 10.000 Menschen auf den Beinen, um sich am so genannten Todesmarsch auf die Hauptstadt zu beteiligen und der mehr als 300 Mordopfer des Jahres 2005 zu gedenken.

Dass die Erfolge im Fußball an der Situation etwas ändern, ist zu bezweifeln. Erklärtes Ziel der "Soca Warriors", dem kleinsten Teilnehmerland in der WM-Geschichte, ist es, Gruppengegner England zu schlagen. Aber ein solcher geschichtsträchtiger Sieg gegen die ehemalige Kolonialmacht (erst 1962 wurde Trinidad & Tobago unabhängig) könnte die sozialen Verwerfungen allenfalls kurz in den Hintergrund treten lassen.

Die Bedeutung des Fifa-Vizepräsidenten Jack A. Warner

Jack A. Warner ist Präsident des CONCACAF (Konföderation der nord- und zentralamerikanischen und karibischen Fußballassoziation ) und einer von sieben Vize-Präsidenten der Fifa. Ohne Warner wären die "Soca Warriors" sicher nicht in Deutschland. Im Fußballverband Trinidads ist er nur als "Special Advisor" aufgeführt. Der Verbands-Präsident heißt Oliver Camps, aber das ändert nichts daran, dass Warner der "Alleinherrscher" ist. Dank ihm steht das Trainingszentrum der CONCACAF - in Port of Spain. Ins Zwielicht geraten ist Warner nicht nur wegen seiner Rolle als Königsmacher für die Wiederwahl Sepp Blatters im Jahre 2002, sondern vor allem wegen seiner Geschäfte rund um die WM. Warner bekam die TV- Übertragungsrechte des Turniers für die Karibik in den Jahren 1990, 1994 und 1998 für je einen Dollar praktisch geschenkt. Verkauft hat er sie für Millionen. 2006 hat er mit Kartenkontingenten die exklusiv über ein Reiseunternehmen seiner Familie vertrieben wurden, seinen Schnitt gemacht. Dass ihn die Fifa-Ethikkommission wegen eines Interessenkonflikts beim nationalen WM-Ticket-Verkauf öffentlich gerügt hat, schadet dem Ansehen des 62-Jährigen - zumindest in Trinidad keineswegs. Im Gegenteil: Es scheint seine politische Karriere zu beflügeln, denn zu Hause mischt Warner nicht nur in der Sport-Politik mit. Bei den 2007 anstehenden Parlamentswahlen kann der Funktionär sich durchaus vorstellen, als Kandidat der Oppositionspartei UNC nach dem Posten des Premierministers zu greifen.

Schon jetzt wird er vom UNC bei jeder Massenveranstaltung als Hauptredner aufgestellt, denn er versteht es, die Massen für sich einzunehmen. Im Hinblick auf die Weltmeisterschaft sagte der Fifa-Vize Warner: "Trinidad und Tobago wird in Deutschland für Stimmung sorgen wie kein Land vor oder nach uns. Wir werden die Fifa und unsere Nation stolz machen".
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