Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

9.5.2006 | Von:
Gunter A. Pilz

Hooligans

Hooligans als Modernisierungsverlierer

Mit diesem Zitat komme ich auf einen wichtigen Aspekt zu sprechen: Die Suche nach Sinn, nach Möglichkeiten des kreativen Gestaltens. Das Jugendalter gilt als Lebensphase, in der der Heranwachsende eine psychosoziale Identität aufbauen muss. Diese Verwirklichung von personaler Identität ist heute erschwert. Junge Menschen wollen nicht nur passiv Lernende in Institutionen sein, sie brauchen auch Bestätigung, Engagement und sinnvolle Aufgaben. Herausbildung einer positiven Identität, die im Jugendalter geleistet werden muss heißt deshalb positive Antworten auf die drängenden Fragen geben:

"Wer bin ich?" "Was kann ich?" "Wozu bin ich da?" "Wohin gehöre ich?" "Was wird aus mir?"

Dabei wird im Gewaltgutachten der Bundesregierung( Schwind/Baumann 1990) zu Recht beklagt, dass junge Menschen vor allem in der Schule heute fast nur noch erfahren was sie n i c h t können, nicht aber das was sie können. Oskar Negt (1998) hat deshalb zu Recht darauf hingewiesen, dass der Kampf vieler junger Menschen eigentlich um die Frage geht: Was bin ich in dieser Gesellschaft? Was bin ich überhaupt, wer nimmt mich wahr? Daraus ergeben sich kulturelle Suchbewegungen junger Menschen, mit denen sie diese Probleme zu lösen versuchen. Bieten sich Jugendlichen keine oder kaum Möglichkeiten, sich durch etwas hervorzutun, bleibt ihnen oft nur noch der Körper als Kapital, den sie entsprechend ausbilden (modellieren) und Anerkennung- und Aufmerksamkeit suchend einsetzen. Hier ist eine der Wurzeln für den "Kult des Körpers" und der Gewalt zu sehen, sie sind so besehen auch eine Form jugend-, meist jungenspezifischer Identitätssuche, Identitätsentwicklung.. Hier kommt das gewaltfördernde Selbstkonzept der Selbstbehauptung zum Tragen.

Bei diesem Selbstkonzept befinden sich die Menschen (vornehmlich mit niedrigem Bildungsniveau) in der Defensive und finden ihre Selbstbehauptung dadurch, dass sie sich in Gruppen zusammenschließen und dort ihre eigene Kraft finden. Unter diese gewaltfaszinierten Fußballfans und Hooligans mischen sich vor allem in den Neuen Bundesländern mehr und mehr Rechtsradikale Dies hat nach Wippermann (2001, S. 7) auch damit zu tun, dass "rechtsradikale Gewalttaten für die Täter (unbewusst) den Charakter eines Events haben. Sie werden begriffen als eine Veranstaltung mit einer besonderen Ästhetik, emotionalen Aufladung und Gemeinschaftserleben und sind darin motivationspsychologische anderen Events ähnlich. Rechtsradikale Gewalt hat also heute diese Doppelstruktur von Ideologie und Erlebnissehnsucht".

Der hohe - von Buford so treffend wie auch beängstigend nüchtern - beschriebene Eventcharakter macht die gewaltfaszinierte Hooliganszene für rechtsradikale Gewalttäter so attraktiv. Wie problematisch, ja dramatisch gerade dieser letzte Punkt ist, zeigt die der Tatsache, dass nahezu alle jugendlichen Gewalttäter ein gemeinsames Merkmal aufweisen: Sie haben oder entwickeln keine Schuldgefühle bezüglich ihres Gewalthandelns, und die früher im großem Umfange vorhandenen Selbstregulierungsmechanismen gehen in der Fan- und Hooliganszene - von der Jugendlichen zumeist selbst beklagt - immer mehr zurück. Die Hooligans verhalten sich dabei wie die Fußballspieler: Sobald diese den Platz betreten, lassen sie die Verantwortung für ihr Verhalten in der Kabine: Erlaubt ist nicht nur was das Regelwerk vorschreibt, sondern alles, was der Schiedsrichter nicht sieht bzw. nicht pfeift. Ganz ähnlich äußern sich Hooligans: "Wenn es Verletzte oder gar Tote gibt, sind nicht wir schuld, sondern die Polizei, die nicht rechtzeitig genug eingegriffen hat." Dabei entwickeln diese Jugendlichen ein sehr ambivalentes Verhältnis zur Polizei: Auf der einen Seite beklagen sie sich, wenn die Polizei konsequent eingreift und damit mögliche Auseinandersetzungen bereits im Keime erstickt, auf der anderen Seite finden sie es aber auch nicht gut, wenn die Polizei gar nicht oder zu spät eingreift.. So werden Bundesligastädte und -stadien von den Jugendlichen bereits danach eingestuft, wie gut oder wie schlecht man sich dort prügeln kann. Dabei haben Hooligans ein klares Bild von dem wie die Polizei einzugreifen hat: .Für den Außenstehenden zu hartes zum Teil sogar brutales Eingreifen wird von vielen Hooligans mit der lapidaren Bemerkung abgetan: "Wenn wir unseren Spaß haben, sollen ihn auch die Bullen haben. Wenn wir Scheiße machen, dürfen wir uns nicht beklagen, wenn die Bullen es uns zurückzahlen" . So sagte ein Hooligan nachdem er durch Gummiknüppel der Bereitschaftspolizei erhebliche Blessuren erlitten hatte und in die Flucht geschlagen wurde, wörtlich zu mir: "Heute waren die Bullen aber gut drauf"!

Gewalt ist für diese Hooligans ein Medium zur Herstellung einer positiven Identität, von Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Auseinandersetzungen werden bewusst und gezielt gesucht. Neuralgische Punkte könnten die Kreuzungswege der von einem zum anderen Spielort wandernden Fans und Hooligans sein.