Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

9.5.2006 | Von:
Gunter A. Pilz

Hooligans

Hooligans und die Suche nach dem Kick

Entgegen der weit verbreiteten Meinung, bei den Hooligans handelte es sich überwiegend um so genannte Modernisierungsverlierer, also junge Menschen mit schlechten oder gar keinen Schulabschlüssen, geringen Zukunftsperspektiven, sind unter den Hooligans kaum - zumindest nicht überrepräsentiert - Arbeitslose, Jugendliche mit schlechten Schulabschlüssen zu finden. Hooligans rekrutieren sich aus allen Sozialschichten, unter ihnen befinden sich viele Abiturienten, Studenten, Menschen in guten beruflichen Positionen, Akademiker. Hooligans haben entsprechend meist zwei Identitäten: eine bürgerliche Alltagsidentität und eben ihre sub- bzw. jugendkulturelle Hooliganidentität. "Der Fußball ist wie ein zweites Privatleben. Ich kann mit meiner Freundin weggehen, da habe ich meine Sonntagshose an, da geh´ ich Essen ganz fein, geh´ ins Kino ganz fein, sitz abends daheim und guck Fernsehen. Und dann gibt´s wie ein Bildschnitt, dann schlaf´ ich eine Nacht, steh´ morgens auf und dann ist Fußballtime. Dann guck´ ich halt wo ich gut kann, wo geht ´ne Party ab," so ein Hooligan.

Blinkert (1988) hat dabei aufgezeigt, dass sich im "Verlauf industriewirtschaftlicher Modernisierung in zunehmendem Maße ein ganz spezifischer Typ der Orientierung gegenüber sozialen Normen durchsetzt" den er als "utilitaristisch-kalkulative Perspektive" bezeichnet. Der mit der industriewirtschaftlichen Modernisierung verbundene Trend zur Ökonomisierung und Prozess der Rationalisierung und Individualisierung führen dazu, dass verstärkt Situationen entstehen, in denen "eine größere Zahl von Normadressaten die Kosten für illegitimes Verhalten als niedrig und den Nutzen von abweichendem Verhalten als relativ hoch einschätzen". Illegitimes Verhalten wird entsprechend nicht als pathologisch angesehen, sondern als durchaus rationale Form der Konfliktlösung. Dies kann so gar soweit gehen, dass der Verzicht auf Regelverstöße als pathologisch, zumindest als dumm und naiv gebrandmarkt wird. Aufgrund dieser hedonistischen, kosten-nutzen-kalkulierenden Haltung, die sich zunehmend in modernen Industriegesellschaften ausbreitet, können wir anlehnend an Blinkert Hooligans als die Avantgarde eines neuen Identitätstyps bezeichnen, die sich - was den Zeitgeist anbelangt - nicht abweichend verhalten, sondern - um es mit den Worten Blinkert´s (1988) zu sagen - in einer "fatalen Weise überangepasst sind an die Mobilitäts- und Flexibilitätserfordernisse unserer Gesellschaft" und des Erfolgssports. Soziale Normen haben eben in wachstums- und erfolgsorientierten Handlungsfeldern - wie Blinkert zu Recht konstatiert - "die Bedeutung von Alternativen. Man kann sich für aber auch gegen sie entscheiden - und zu welcher Entscheidung man kommt hängt von Opportunitätserwägungen ab."

Den Hooliganismus im Fußballsport können wir auch als eine Folge der Modernisierungsprozesse unserer Gesellschaft begreifen. Hooligans verkörpern in exakter Spiegelung die einseitigen Werte und Verhaltensmodelle des verbreiteten Zeitgeistes: Elitäre Abgrenzung, Wettbewerbs-, Risiko- und Statusorientierung, Kampfdisziplin, Coolness, Flexibilitäts- und Mobilitätsbereitschaft, Aktionismus, Aggressionslust, Aufputschung und atmosphärischer Rausch. Blinkert weist schließlich noch daraufhin, dass die geringe Verankerung des Individuums in Institutionen und sozialen Bezügen dabei zur Konsequenz hat, dass bei der Entscheidung zwischen Alternativen die externen Kosten eigenen Handelns -(...)- kaum noch eine Rolle spielen. Das Persönlichkeitsprofil eines gewaltbereiten, gewaltfaszinierten Hooligans unterscheidet sich denn auch in der Selbstbeschreibung nicht von dem eines mittleren deutschen Managers oder Spitzensportlers: Freundlich-locker; cool-knallhart; durchsetzungsstark; respektiert; überlegen; selbstbewusst; Menschenkenner. Es kommt eine weitere Dimension hinzu, die der "authentischen Erfahrung"; die ihre Ursache u.a. in der Verengung, Verregelung, dem Verschwinden von Bewegungsräumen, Räumen zum Spielen, zum Ausleben der Bewegungs-, Spannungs- und Abenteuerbedürfnisse hat. Ein paar Aussagen von Hooligans mögen dies verdeutlichen:
"Wenn man im Dunkeln durch den Wald rennt, über Zäune und durch Gärten, und die anderen jagt, und die Polizei ist hinter einem her - das ist fantastisch, da vergisst man sich."
"Es ist ein unheimlich spannendes Gefühl, wenn man in so einer riesigen Gruppe von 100 bis 120 Leuten mitläuft und man muss wirklich aufpassen, ob jetzt links oder rechts aber irgend welcherlei - jetzt wirklich in Anführungszeichen - feindliche Hooligans kommen. Das erinnert mich irgendwie immer so an diese Geländespiele, die man früher immer gemacht hat mit Jugendgruppen. Das ist wirklich so wie wenn man Räuber und Gendarm spielt. Und was das ganze manchmal noch spannender macht, ist dass höchst überflüssiger Weise die Polizei dann auch noch mitmischt, weil das macht die Sache dann interessanter, weil es schwieriger ist, weil man dann auf zwei Gegner achten muss und nicht nur auf einen."
"Wenn du natürlich jetzt mit so ´nem Übermob antobst und dann eben alles niedermachst, also das schönste Gefühl ist das eigentlich. Dann fliegen vielleicht ´n paar Flaschen oder Steine. Und dann rennt der anderer Mob und dann jagst du die anderen durch die Gegend. Also siebenter Himmel. Das würdest du mit keiner Frau schaffen oder mit keiner Droge. Dieses Gefühl, das ist schön."
"Der Reiz liegt in dem Moment, wenn du um die Ecke biegst und 40 Mann auf dich zurennen. Das ist der Kick für den Augenblick. Das ist wie Bungee-Springen - nur ohne Seil".
"Was mich anzieht, sind die Momente, wo das Bewusstsein aufhört: Momente, in denen es ums Überleben geht, Momente von animalischer Intensität, der Gewalttätigkeit, Momente, wenn keine Vielzahl, keine Möglichkeit verschiedener Denkebenen besteht, sondern nur eine einzige - die Gegenwart in ihrer absoluten Form. Die Gewalt ist eines der stärksten Erlebnisse und bereitet denen, die fähig sind, sich ihr hinzugeben, eine der stärksten Lustempfindungen....Und zum ersten Mal kann ich die Worte verstehen, mit denen sie diesen Zustand beschrieben. Dass die Gewalttätigkeit in der Masse eine Droge für sie sei. Und was war sie für mich? Die Erfahrung absoluten Erfülltseins" ( Bill Buford 1992,234 in seinem Buch "Geil auf Gewalt", in dem er über seiner Erfahrungen und Erlebnisse einer fünfjährigen Begleitung englischer Hooligans durch Europa berichtet).
Hier kommt das zweite gewaltfördernde Selbstkonzept, das der Selbstdurchsetzung zu Tragen: ´Ich habe mir meinen Weg gebahnt im Leben, wer mich stört, den schiebe ich weg. Gut ist, was mir nützt. Bei diesem Selbstkonzept, das nach Heitmeyer zunehmend (vor allem bei Menschen mit hohem Bildungsniveau) an Gewicht gewinnen wird, entspricht genau der von Blinkert beschrieben machiavellistischen Orientierung, mit Werten, Normen und Moral instrumentalistisch, zugunsten des eigenen Machtzuwachses oder der Machterhaltung, umzugehen, also alles daran zu setzen, die eigene Einzigartigkeit durchzusetzen, zu bewahren. Dieses Selbstbild finden wir ausgeprägt bei vielen erfolgsorientierten Leistungssportlern, aber auch in der erlebnishungrigen Hooliganszene.

Gewalt dient hier eindeutig der Lustbefriedigung, Gewalt ist nicht Mittel zum Zweck sondern Selbstzweck, entsprechend werden Auseinandersetzungen mit Gleichgesinnten gesucht und verabredet. Auf Grund der vielfältigen strategischen "Spielchen", brauchen Hooligans freie Plätze um angreifen zu können und Räume um sich zurückziehen zu können, so dass auf Grund der großen Menschenmassen Public Viewing Bereiche wohl eher gemieden werden.