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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

9.5.2006 | Von:
Gunter A. Pilz

Fan-Projekte

Was leisten Fanprojekte?

Eine verallgemeinernde, allgemeingültige Aussage, wie sie sich durch die Frage: "Was leisten Fanprojekte?" aufdrängt, ist nicht möglich und würde der Heterogenität der Fan-Projekte, deren Problemkonstellationen und Arbeitsbedingungen nicht gerecht werden.

Auch wenn es um die Frage geht, was Fanprojekte leisten und was Soziale Arbeit mit Fußballfans zu bewirken vermag - die in den Zitaten zum Ausdruck gebrachte positive Entwicklung in der Fußballfanszene ist sicherlich nicht nur der Arbeit der Fanprojekte zuzuschreiben, sondern Ergebnis des, wenn auch nicht immer konfliktfreien aber sich stetig verbessernden, Zusammenspiels zwischen Prävention und Repression. Andererseits müssen wir aber in den letzten Jahren - analog gesamtgesellschaftlicher Entwicklungstrends - eine Zunahme rechtsextremistischer Orientierungen im Fußballfanumfeld feststellen, trotz engagierter Bemühungen der Fanprojekte im Sinne des Abbaus extremistischer Orientierungen.

Wenn sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen junger Menschen verschlechtern, werden eben auch Grenzen sozialpädagogischer Intervention deutlich,. Gelungen ist die Steigerung von Selbstwertgefühl und Verhaltenssicherheit bei jugendlichen Fußballanhängern, die Stabilisierung von Gleichaltrigengruppen durch engagiertes Eintreten für deren Bedürfnisse (z.B. auch Erhalt von Stehplatzbereichen in den Stadien). Die wachsende gesellschaftliche Anerkennung der Arbeit der Fan-Projekte hat auch vermehrt zu einem Klima geführt, das gesellschaftliche Institutionen zu mehr Engagement für Jugendliche bewegt. Die Rückbindung der jugendlichen Fußballanhänger an ihre Vereine ist überall dort gelungen, wo sich nicht nur die Fan-Projekt-Mitarbeiter/innen intensiv darum bemühen, sondern sich auch die Vereine selbst verstärkt für ihre Fans und deren Interessen und Bedürfnisse einsetzen.

Bei aller Euphorie bezüglich der Chancen und Möglichkeiten der Jugend(sozial)arbeit darf auch nicht vergessen werden, dass pädagogische und sozialarbeiterische Konzepte solange die strukturellen Bedingungen gewaltförmigen, auffälligen Verhaltens Jugendlicher nicht beseitigt werden, nur bedingt greifen. Um es einmal salopp zu formulieren: Weder der Polizeiknüppel, noch die Sozialarbeit vermögen die auffälligen Verhaltensmuster junger Menschen, die Gewaltbereitschaft und -akzeptanz nachhaltig einzudämmen bzw. zu bekämpfen, solange auf der Ebene struktureller Maßnahmen keine entscheidenden Verbesserungen vorgenommen werden. Jugendsozialarbeit kann keine strukturbedingten Konflikte lösen. Sie kann - und dies ist nicht wenig -in "sozialhygienischer" Absicht vorhandene Bedürfnisse befriedigen und auffällige Verhaltensweisen verarbeiten.

Für die von Vielen geforderte Präventivarbeit heißt dies, dass auch - vielleicht sogar vor allem - Aufklärung über Ursachen und Bedingungen auffälligen Verhaltens Jugendlicher den sozialarbeiterischen Alltag bestimmen müssen: Sich stark machen für strukturelle Änderungen, für humanere Lebensbedingungen; Auseinandersetzung mit den politischen Entscheidungsgremien, mit den verantwortlichen gesellschaftlichen Institutionen, mit den staatlichen Repressionsinstanzen, den Verbänden und Vereinen. Es geht nicht nur darum, alternative Handlungs- und Einstellungsmuster bei der sozialpädagogischen Klientel zu bemühen, situative Konfliktregelungen und Entschärfungsstrategien zu entwickeln und zu vermitteln.

Es gilt auch und vor allem darum, politisch zu handeln, den politischen Druck zur Veränderung des Status quo zu verstärken, die Probleme dorthin zurückzugeben, wo sie verursacht werden. Jugend(sozial)arbeit bedeutet so besehen in erster Linie auch Institutionenarbeit, politische Einflussnahme. Die Fan-Projekte haben dies in vielfältiger Weise immer wieder erfahren und auch erfolgreich praktiziert. Politik-, Institutionenberatung ist in der Tat ein wichtiges durchaus erfolgreiches Betätigungsfeld vieler Fan-Projekte. So sind seit Jahren schon in Fanprojekten und der Koordinationsstelle Fanprojekte arbeitende Sozialpädagogen wichtige und unverzichtbare Berater für Vereine, nationale wie internationale Fußballverbände.

Jugendarbeit, Straßensozialarbeit, Fan-Projektarbeit können und müssen also einen Betrag zur strukturellen Änderung, zur Humanisierung der Lebensbedingungen Jugendlicher leisten, sie reichen aber bei weitem nicht aus. Sie müssen eingebettet sein in die steten Bemühungen um weiterreichende Änderungen der Lebenswelten Jugendlicher. Hier eröffnet sich ein weites, sehr fruchtbares Feld der Zusammenarbeit von Fan-Projekten, Verbänden, Vereinen aber auch der öffentlichen wie freien Anbieter der Jugend(sozial)arbeit.