Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.
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9.5.2006 | Von:
Gunter A. Pilz

Fan-Projekte

Fanprojekte waren zu Beginn sehr umstritten, sowohl der DFB, als auch die Vereine wollten mit den problematischen Fans nicht zu tun haben. In den vergangenen Jahren ist diese negative Haltung einer engagierten Zusammenarbeit gewichen. Fanbetreuer und Sozialarbeiter haben ihren festen Platz im Fußball gefunden.

Von der Repression zur Prävention - Entstehungsgeschichte, Entwicklung und Perspektiven der Sozialen Arbeit mit Fußballfans und der Fan-Projekte

In dem 1979 vom Bundesministerium des Innern in Auftrag gegebenen und 1982 veröffentlichten Gutachten "Sport und Gewalt" haben wir erstmals einen zielgruppenorientierten Einsatz von Sozialarbeitern in der Fanszene gefordert: "Wenn die Lösung der vielfältigen Probleme der Fans auch zur Reduktion von Gewalthandlungen führt, dann ist ein zielgruppenorientierter Einsatz von Sozialarbeitern und -pädagogen erforderlich. Dieser Einsatz könnte dazu beitragen, dass die Jugendlichen in ihrer Freizeit, insbesondere das Bedürfnis nach Erlebnis, Aktivität, Spannung, eigener Wirksamkeit sozial angemessen (gegebenenfalls auch in anderen Feldern) realisieren, alternative Interessen aufbauen, Vorurteile abbauen u.a." (Pilz u.a. 1982, S. 20). In der Folge dieses Gutachtens entstanden die ersten Fanprojekte in Bremen, Hamburg, Hannover, Frankfurt und Berlin.


Dabei mussten die Initiatoren dieser Projekte sehr schnell erfahren, dass es nicht die Probleme der Jugendlichen selbst waren, die Ernst genommen und bearbeitet werden sollten. Erst folgenschwere Ereignisse wie die 39 Tote während der gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen britischen und italienischen Fußballfans anlässlich des Europacup-Endspiels 1985 zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool im Brüsseler Heysel-Stadion mit der entsprechenden Medienaufmerksamkeit führten zu Diskussionen über adäquate Maßnahmen und lösten hektische Betriebsamkeit aus.

Dies hatte Konsequenzen für die Erwartungen der fördernden Institutionen an die Projektarbeit: Es ging zumindest nicht primär darum, den Jugendlichen tatsächlich zu helfen, sondern darum, die Probleme mit den Jugendlichen aus dem Medieninteresse herauszubekommen. Konsequenterweise wurden auch eher solche Aktivitäten als Erfolg verbucht und entsprechend unterstützt, die das Engagement der Institutionen betonten und öffentliche Aufmerksamkeit auf positiv eingeschätzte Aktionen umlenkten. Die Problembearbeitung selbst tastet immer auch das gesellschaftliche Selbstverständnis an und wurde daher eher misstrauisch beäugt.

Vor allem der DFB und die Vereine zeichneten sich in der Anfangsphase der Fanprojekte durch eine große Distanz, starke Abwehrhaltung, ja z.T. sogar feindseilige Einstellung gegenüber den Fanprojekten aus. Einhelliger Tenor: Fans, die Randale machen, gehörten nicht zum Fußball, das seien Chaoten, die auf dem Fußballplatz nichts zu suchen hätten; es handele sich hier nicht um ein Problem des Fußballs, sondern um ein Problem der Gesellschaft, dessen sich deshalb auch die Gesellschaft anzunehmen habe. Nicht zuletzt aufgrund des unermüdlichen Einsatzes und - dies sei nicht verschwiegen - diplomatischerer Vorgehensweisen und Argumentationen der Fan-Projekte, deren beharrlichem Einklagen der Übernahme von Verantwortlichkeiten sowohl seitens der politischen als auch der sportlichen Institutionen, hat sich vieles zum Besseren gewendet.

Die Fan-Projekte und ihre Arbeit wurden mehr und mehr in der Öffentlichkeit aber auch von den Vereinen und dem DFB anerkannt. Ein Prozess, der mit der Verabschiedung des "Nationalen Konzeptes Sport und Sicherheit" im Jahre 1993 zur festen Einbindung der Fanprojekte in ein Sicherheitsgesamtpaket führte, in dem Bund, Länder, Kommunen, der DFB und seine Vereine sich zu ihrer Verantwortung bezüglich der Bekämpfung des Hooliganproblems und der Gewaltprävention im Umfeld großer Fußballspiele bekannt haben. Das im "Nationalen Konzept Sport und Sicherheit" entwickelte System aufeinander abgestimmter präventiver wie repressiver Maßnahmen ist seitdem nunmehr fester und verbindlicher Bestandteil der Arbeit der Polizei, der Ordnungskräfte der Vereine, der Sicherheitsbestimmungen der Kommunen und der Arbeit der Fanprojekte. Dabei ruht das "Nationale Konzept Sport und Sicherheit" - und dies kann angesichts der aktuellen Diskussionen und Maßnahmen zur Verhinderung von gewalttätigen Ausschreitungen während der WM 2006 in Deutschland nicht deutlich genug hervorgehoben werden - auf zwei gleichberechtigten Säulen, den ordnungspolitischen und den sozialpädagogischen Maßnahmen und Aufgabenfeldern.

Dabei stellt sich zunächst die Frage, was leisten, was vermögen Fanprojekte zu leisten?

Was leisten Fanprojekte?

Eine verallgemeinernde, allgemeingültige Aussage, wie sie sich durch die Frage: "Was leisten Fanprojekte?" aufdrängt, ist nicht möglich und würde der Heterogenität der Fan-Projekte, deren Problemkonstellationen und Arbeitsbedingungen nicht gerecht werden.

Auch wenn es um die Frage geht, was Fanprojekte leisten und was Soziale Arbeit mit Fußballfans zu bewirken vermag - die in den Zitaten zum Ausdruck gebrachte positive Entwicklung in der Fußballfanszene ist sicherlich nicht nur der Arbeit der Fanprojekte zuzuschreiben, sondern Ergebnis des, wenn auch nicht immer konfliktfreien aber sich stetig verbessernden, Zusammenspiels zwischen Prävention und Repression. Andererseits müssen wir aber in den letzten Jahren - analog gesamtgesellschaftlicher Entwicklungstrends - eine Zunahme rechtsextremistischer Orientierungen im Fußballfanumfeld feststellen, trotz engagierter Bemühungen der Fanprojekte im Sinne des Abbaus extremistischer Orientierungen.

Wenn sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen junger Menschen verschlechtern, werden eben auch Grenzen sozialpädagogischer Intervention deutlich,. Gelungen ist die Steigerung von Selbstwertgefühl und Verhaltenssicherheit bei jugendlichen Fußballanhängern, die Stabilisierung von Gleichaltrigengruppen durch engagiertes Eintreten für deren Bedürfnisse (z.B. auch Erhalt von Stehplatzbereichen in den Stadien). Die wachsende gesellschaftliche Anerkennung der Arbeit der Fan-Projekte hat auch vermehrt zu einem Klima geführt, das gesellschaftliche Institutionen zu mehr Engagement für Jugendliche bewegt. Die Rückbindung der jugendlichen Fußballanhänger an ihre Vereine ist überall dort gelungen, wo sich nicht nur die Fan-Projekt-Mitarbeiter/innen intensiv darum bemühen, sondern sich auch die Vereine selbst verstärkt für ihre Fans und deren Interessen und Bedürfnisse einsetzen.

Bei aller Euphorie bezüglich der Chancen und Möglichkeiten der Jugend(sozial)arbeit darf auch nicht vergessen werden, dass pädagogische und sozialarbeiterische Konzepte solange die strukturellen Bedingungen gewaltförmigen, auffälligen Verhaltens Jugendlicher nicht beseitigt werden, nur bedingt greifen. Um es einmal salopp zu formulieren: Weder der Polizeiknüppel, noch die Sozialarbeit vermögen die auffälligen Verhaltensmuster junger Menschen, die Gewaltbereitschaft und -akzeptanz nachhaltig einzudämmen bzw. zu bekämpfen, solange auf der Ebene struktureller Maßnahmen keine entscheidenden Verbesserungen vorgenommen werden. Jugendsozialarbeit kann keine strukturbedingten Konflikte lösen. Sie kann - und dies ist nicht wenig -in "sozialhygienischer" Absicht vorhandene Bedürfnisse befriedigen und auffällige Verhaltensweisen verarbeiten.

Für die von Vielen geforderte Präventivarbeit heißt dies, dass auch - vielleicht sogar vor allem - Aufklärung über Ursachen und Bedingungen auffälligen Verhaltens Jugendlicher den sozialarbeiterischen Alltag bestimmen müssen: Sich stark machen für strukturelle Änderungen, für humanere Lebensbedingungen; Auseinandersetzung mit den politischen Entscheidungsgremien, mit den verantwortlichen gesellschaftlichen Institutionen, mit den staatlichen Repressionsinstanzen, den Verbänden und Vereinen. Es geht nicht nur darum, alternative Handlungs- und Einstellungsmuster bei der sozialpädagogischen Klientel zu bemühen, situative Konfliktregelungen und Entschärfungsstrategien zu entwickeln und zu vermitteln.

Es gilt auch und vor allem darum, politisch zu handeln, den politischen Druck zur Veränderung des Status quo zu verstärken, die Probleme dorthin zurückzugeben, wo sie verursacht werden. Jugend(sozial)arbeit bedeutet so besehen in erster Linie auch Institutionenarbeit, politische Einflussnahme. Die Fan-Projekte haben dies in vielfältiger Weise immer wieder erfahren und auch erfolgreich praktiziert. Politik-, Institutionenberatung ist in der Tat ein wichtiges durchaus erfolgreiches Betätigungsfeld vieler Fan-Projekte. So sind seit Jahren schon in Fanprojekten und der Koordinationsstelle Fanprojekte arbeitende Sozialpädagogen wichtige und unverzichtbare Berater für Vereine, nationale wie internationale Fußballverbände.

Jugendarbeit, Straßensozialarbeit, Fan-Projektarbeit können und müssen also einen Betrag zur strukturellen Änderung, zur Humanisierung der Lebensbedingungen Jugendlicher leisten, sie reichen aber bei weitem nicht aus. Sie müssen eingebettet sein in die steten Bemühungen um weiterreichende Änderungen der Lebenswelten Jugendlicher. Hier eröffnet sich ein weites, sehr fruchtbares Feld der Zusammenarbeit von Fan-Projekten, Verbänden, Vereinen aber auch der öffentlichen wie freien Anbieter der Jugend(sozial)arbeit.

Welche Schwerpunkte und Perspektiven ergeben sich für die Soziale Arbeit mit Fußballfans? Was müssen Fan-Projekte leisten?

Wenn Soziale Arbeit repressive Maßnahmen ersetzen oder zumindest verringern soll, dann muss die Arbeit in den Fan-Projekten sich mit der traditionellen Fan-Kultur und den Bedürfnissen der Jugendlichen in dieser Kultur auseinander setzen und entsprechende Angebote bereitstellen und darf die Auflösungserscheinungen der traditionellen Fan-Kultur nicht nur beklagend hinnehmen, sondern muss aktiv dagegen angehen. Prävention kann und darf nicht nur als "Rand- und Problemgruppenarbeit" verstanden werden. Dies gilt vor allem für die zunehmend selbstbewusster auftretende "Ultra-Szene", die sich zum einen verstärkt der (Wieder-) Herstellung der traditionellen Stimmung und Atmosphäre im Stadion durch Inszenierungen, Choreografien, "Schlacht"- und Stimmungsgesänge verschrieben hat.

Hier wird es angesichts der zu beobachtenden Abkehr von der Gewaltlosigkeit in Zukunft sehr entscheidend sein, wie weit es gelingt, den Ultras Räume zur (Selbst-)Inszenierung zu geben, den Teil von ihnen, der sich vorwiegend der Stimmungsmache und dem Herstellen einer fußballspezifischen Atmosphäre verschrieben hat, zu stärken und Selbstregulierungsprozesse initiiert und gefördert werden, um sie so gegen rechtsradikale Tendenzen und Unterwanderungs- und Vereinnahmungsversuche zu immunisieren. Dies ist umso wichtiger, als zu beobachten ist, dass die Inszenierungs- und Choreografiebedürfnisse der Ultras immer stärker mit ordnungspolitischen und sicherheitstechnischen Bestimmungen und Regelungen in den Stadionordnungen in Konflikt geraten. Gelingt es nicht, diese Kriminalisierungstendenzen zu stoppen und den Ultras Räume für ihre Inszenierungen und Choreografien zu schaffen, droht ein Teil der Ultraszene ins rechte und gewaltbereite, gewaltfaszinierte Lager abzudriften.

Für die Arbeit der Fan-Projekte ergeben sich entsprechend folgende allgemeine Forderungen:

  • Fan-Arbeit darf nicht selbstzufrieden zur Routine-Arbeit werden, wenn eine scheinbar hinreichend große Zahl von Fans bestehende Angebote regelmäßig wahrnimmt. Das Augenmerk muss auch denen gelten, die die Angebote nicht wahrnehmen, die bislang nicht erreicht wurden; die Tatsache, dass bestimmte Angebote wahrgenommen werden, darf nicht dazu führen, die Suche nach neuen und andersgelagerten Angeboten einzustellen.
  • Veränderungen in der Fan-Szene müssen auf ihre Hintergründe und Perspektiven befragt werden, Ausgrenzungs- oder Begrenzungsprozesse müssen in kritischer Arbeit erkannt und bewusst gemacht werden (siehe Ultras).
  • Fan-Arbeit muss eine kulturelle Isolierung vermeiden, muss versuchen, die kulturelle Eigenwelt der Fans durch Elemente der Erwachsenenwelt zu ergänzen; dies kann politische und kulturell-bildende Ziele verfolgen, muss aber genau so z.B. die Integration in den Verein anstreben. Falsche oder übertriebene Pädagogisierungen können hier allerdings auch das Gegenteil bewirken.
  • Im Hinblick auf die Mittlerfunktion der Projektarbeit sind die Arbeitsansätze gegenüber der Polizei und gegenüber den Verein fortzusetzen, um weitere Verbesserungen im Interesse der Fans zu erreichen. Dies gilt vor allem seit Lens, wo Sozialarbeiter verstärkt unter Druck geraten sind, der Polizei gegenüber ihre Erkenntnisse offen zulegen und wo die bisher weitgehend akzeptierte Verschwiegenheit der Sozialarbeiter bezüglich deren Szenekenntnissen in Frage gestellt wurde. Das für die Kooperation und den Dialog mit der Polizei unverzichtbare Prinzip der Akzeptanz der Verschwiegenheit gegenüber der Polizei und die prinzipielle Solidarität mit den Jugendlichen (als Anwalt der jungen Menschen) muss hier neu diskutiert werden. Umgekehrt muss auch gelten, dass Sozialarbeit die Handlungszwänge der Polizei akzeptiert
  • Präsenz während der Spiele, Organisation von Fan-Turnieren und offene Türarbeit dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass bezüglich der aufsuchenden Jugendarbeit, der lebensweltorientierten Jugendarbeit in den Stadtteilen der Fans, noch Defizite bestehen. Fan-Arbeit kann und darf sich nicht auf das Stadion, das Fußballwochenende und den Fan-Laden, sowie Fan-Turniere oder Fan-Liga beschränken. Dies um so mehr, als die Jugendlichen verstärkt ihre "Action" nicht mehr nur auf das Fußballwochenende beschränken, sondern auch unter der Woche in ihren Stadtteilen und Wohnorten aktiv sind, sich mit anderen Jugendkulturen vermischen oder gar gegen andere Jugendkulturen agieren und sich der Trend weg von den gut bewachten Bundesligaspielen hin zu den regionalen Fußballspielen mit ihren traditionellen Lokalderbys zu verstärken scheint.
  • Die Möglichkeiten politischer Einflussnahme gilt es in Zukunft noch stärker auszuloten und verstärkt zu nutzen.
  • Für die weitere Fan-Arbeit gilt es deshalb verstärkt, die Karrieren der Fans zu verfolgen und Schnittstellen zu ermitteln und zu analysieren, an denen Jugendliche aus der Fanszene heraustreten und sich der Ultra- bzw. Hooliganszene anschließen, verstärkt auch Aktivitäten außerhalb des Fußballbereichs, in Schule, Stadtteil usw. einzubeziehen, gezielte lebensweltorientierte, stadtteil- und wohnortbezogene Sozialarbeit zu leisten, und die Frage möglicher "Seiteneinsteiger" zu verfolgen.
  • Schließlich und endlich ist der Tatsache Rechnung zu tragen, dass - wie Dembowski (2000, S. 251) zu Recht schreibt - männliche Sexualität bei Fans, Ultras und Hooligans eine wichtige Rolle spielt und dass ausgeprägte Männlichkeitsvorstellungen und Mannhaftigkeitsnormen autoritäre Charakterstrukturen, Nationalismus, Rassismus, Gewalt und Sexismus im Fußballumfeld verstärken und der Fußball zum "Opium des Mannes" wird. Angesichts des weit verbreiteten sich manchmal ungehemmt auslebenden Sexismus in der Fanszene und im Stadionrund ist notwendig, verstärkt reflexive, geschlechtspezifische Jungenarbeit (siehe u.a. Behn, Heitmann und Voß1995; deutsche jugend, 1993, Heft 6; Schnack und Neutzling 1991) mit Fußballfans, Ultras und Hooligans in die soziale Arbeit der Fan-Projekte zu integrieren - ein bislang stark vernachlässigter Bereich in der Fan-Projektarbeit. Dabei geht es der reflexiven Jungenarbeit vor allem darum, durch entsprechende Angebote und Thematisierungen die gewaltförmigen Durchsetzungs- und Selbstbehauptungsstrategien und Gewalt- und Männlichkeitsphantasien aufzubrechen.


Entsprechend sind die Funktionen und Bedeutungen der Zugehörigkeit zu gewaltfaszinierten, gewaltbereiten und fremdenfeindlichen Gruppen zu berücksichtigen. An diesen Funktionen und Bedeutungen müssen sozialpädagogische Maßnahmen ansetzen. Das heißt, sie müssen die Bedeutung der Solidaritätsangebote und -leistungen dieser Gruppen für die Jugendlichen aufgreifen, müssen die Bedürfnisse nach Kommunikation, nach Schutz und Abgrenzung ernst nehmen und konstruktiv wenden. In der Arbeit der Fanprojekte ist vor allem immer wieder die Bedeutung der Bedürfnisse der Fans nach sozialen Kontakten, nach dem Verbringen der Freizeit in der Gruppe und nach stimmungsvollen Erlebnissen deutlich geworden.

Gerade bezüglich des Abbaus der Vereinzelung und Isolierung, die die Jugendlichen erleben, kommt der Fan-Projektarbeit somit eine wichtige Rolle zu. Dies gilt auch für die gesellschaftliche Anerkennung der Fans. So fordern denn auch Fanclubs vermehrt Angebote, die den Kern des Lebens der Jugendlichen als Fans betreffen: Der Fan-Club als Raum und Gemeinschaft, als Bereich der Geborgenheit und das Bestreben aus der Vereinzelung und die Begrenzung auf den eigenen Fan-Club und die eigene Stadt herauszukommen und sich einen größeren Kreis von Freunden und Gleichgesinnten in anderen Räumen zu schaffen und damit den eigenen Lebensraum zu erweitern. Die sozialpädagogischen Maßnahmen müssen dabei den jungen Menschen eindeutige Orientierungen liefern, ihnen helfen, ihre realen Lebensbedrohungen konstruktiv zu verarbeiten, ihnen Halt, Anerkennung und Zuneigung geben und vor allem ihr Bedürfnis nach Abenteuer, Spannung, Risiko und "Action" aufgreifen und ihnen Möglichkeiten eröffnen, sich selbst und ihren Körper intensiv zu erleben. Deshalb wird es darum gehen müssen, stärker erlebnispädagogische Ansätze (sowohl im Sinne des Ernstnehmens des Bewegungsbedürfnisses, Spannungs- und Abenteuerbedürfnisses der Jugendlichen, als auch im Sinne von Beziehungsarbeit) zu erproben.

Hier kommt der körper- und bewegungsbezogenen Jugendsozialarbeit eine große Bedeutung zu (siehe u.a. Kösterke und Stöckle 1989; Pilz 1991, Pilz und Böhmer 2002; Schulze-Krüdener 1999), der die Fan-Projekte wie generell die Sozialarbeit künftig verstärkt gerecht werden müssen. Hier besteht denn auch eine besonders enge Schnittstelle der Zusammenarbeit mit den Vereinen, den Übungsleitern und Fan-Betreuern der Vereine. Zu fordern sind entsprechend sportartenübergreifende freizeitsportliche Angebote, die sich an dem Körperverständnis der jungen Menschen und deren Bewegungsbedürfnissen orientieren, sei es als eigenständige Angebote, sei es in enger Kooperation mit den Fußballvereinen oder anderen Trägern der freien Jugendarbeit. Angebote wie der Mitternachtssport (Pilz und Peiffer 1998), Fan-Turniere, Fußballfan-Ligen als Ergebnis einer stärkeren Zusammenarbeit mit den Vereinen sind hier nicht nur wünschenswert, sondern auch dringend geboten. Die Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) trägt dieser Erfordernis Rechnung und macht mit ihren Schnittstellenkonferenzen "Sport(pädagogik) - Jugendhilfe" Fanprojektmitarbeiterinnen und -mitarbeitern entsprechende Fort- und Weiterbildungsangebote. Die ersten vier Konferenzen standen unter den Themen "Möglichkeiten und Grenzen sportpädagogischer Angebote in der Jugend- und Sozialarbeit mit gewaltbereiten Jugendlichen" (Dortmund 2002); "Integration- Schnittstelle von Sport und Jugendhilfe?!" (Baunatal 2003); "Jugendliche brauchen Räume - Öffentlicher Raum, Partizipation und Engagement" (Potsdam 2004) und "Turnschuhe + Kopftuch!? Sport, Migration und Gender" (Frankfurt 2005).

Was können Fan-Projekte nicht leisten?

Eine heikle und kontrovers geführte Diskussion betrifft die Frage, wie sinnvoll und wichtig es ist, dass Fanpädagogen unmittelbar auch mit Hooligans arbeiten. Die Meinungen hierzu sind und waren einem steten Wandel unterzogen und entsprechend hat die Fan-Projektarbeit immer wieder Paradigmenwechsel erfahren. Anfangs hat die Neigung von Politikern, Medienvertretern und der Öffentlichkeit generell, die Sinnhaftigkeit und den Erfolg der Fan-Projekt-Arbeit auf die Frage der Erreichbarkeit und Therapierung der Hooligans zu reduzieren, dazu geführt, dass die Hooliganarbeit in den Vordergrund gestellt und demgegenüber die Arbeit mit den traditionellen Fan-Clubs und der Kuttenszene von den Fan-Projekten vernachlässigt wurde. Im Laufe der Zeit wurde die Notwendigkeit einer Akzentverschiebung und eines Paradigmenwechsels erkannt und auch konsequent verfolgt.

Nach wie vor gilt zwar, dass keine Jugendlichen ausgegrenzt werden dürfen, aber die schlagzeilenträchtigen Hooligans (siehe Scheidle 2000 a, b) können nicht den Schwerpunkt der Arbeit ausmachen. Nach Lens ist die Frage nach den Kontakten zu und der Beeinflussbarkeit (Therapierbarkeit) von Hooligans wieder neu entbrannt und der Druck auf die Fan-Projektmitarbeiter/innen, sich wieder verstärkt den Hooligans zu widmen, stärker geworden. Dabei hat die Distanziertheit gegenüber der Hooliganszene gute Gründe. Wenn sie Hooligans auf deren Gewalttouren begleiten, laufen Sozialarbeiter/innen Gefahr, von diesen "instrumentalisiert" zu werden und nur "logistische Hilfestellung" bei deren Gewalttouren zu leisten bzw. nur dafür da zu sein, die Folgen des Gewalthandelns der Hooligans im Sinne von Schadensbegrenzung möglichst gering zu halten.

Hier gilt es, besonders behutsam und bedacht vorzugehen und genau abzuwägen. Dies umso mehr, als sich Gewalttäter und gewaltbereite Jugendliche dadurch auszeichnen, dass sie bezüglich ihrer Gewalttaten keine Schuldgefühle zu haben pflegen. Hier klare Grenzen zu setzen, ist auch Aufgabe einer aufsuchenden Sozialarbeit (siehe Deiters und Pilz 1998). Andererseits muss es aber auch Ziel einer dosierten Begleitung gewaltgeneigter Fans sein, zu verhindern, dass diese Jugendlichen kriminalisiert werden - ohne dabei die "Neutralisierungstechniken" und "Entschuldigungsversuche" junger Gewalttäter zu tolerieren. Die Jugendlichen müssen gerade von den Sozialarbeitern immer wieder erfahren und begreifen lernen, dass das, was sie tun, Unrecht ist und dass sie auch bereit sein müssen, die Konsequenzen dafür zu tragen. Akzeptierende Jugendarbeit, die nicht zur "Pädagogik der Folgenlosigkeit oder Verharmlosung, ja vielleicht sogar stillschweigenden Tolerierung jugendlichen Gewalthandelns" degenerieren will, muss also - und ich wiederhole mich hier gern - die Neutralisierungs- und Entschuldigungstechniken junger Menschen sehr ernst nehmen und durch entsprechende Bearbeitungen gezielt aufbrechen.

Dies gilt z.B. für Verharmlosung der eigenen Handlungen, Rückführung der Gewalthandlungen auf übermäßigen Alkoholkonsum aber auch das Negieren der eigenen Fremdenfeindlichkeit, der Verweis auf gruppendynamische Zwänge, Konformitätsdruck, auf die gesamtgesellschaftlichen (Miss-) Verhältnisse, auf vorangegangene Provokationen, Belästigungen oder körperliche Gewalthandlungen der anderen. Akzeptierende Jugendarbeit muss darüber hinaus die eigenen sozialpädagogischen Maßnahmen immer wieder kritisch danach hinterfragen, ob sie der Verfestigung von Neutralisierungstechniken und Entschuldigungsversuchen Vorschub leisten bzw. zum Mangel an Schuldgefühlen bei Gewalttaten und Fremdenfeindlichkeit ihrer Klientel beitragen.

Plädoyer für eine Ausbalancierung von Sozialer Arbeit und Ordnungspolitischer Maßnahmen am Beispiel der Hooligan- und Ultragewalt

Gerade die Diskussion bezüglich der Sozialen Arbeit mit Hooligans aber auch mit gewaltbereiten Ultras macht deutlich, wie wichtig es ist, sehr genau unterschiedliche Gewaltmotive zu erfassen und erforderliche Handlungsstrategien hierauf auszurichten.

Hooligangewalt ist einerseits eine affektive und expressive Gewaltform, die keinem anderen Ziel dient als der eigenen Lustbefriedigung. Gewalt wirkt hier wie eine Droge, gewaltförmige Auseinandersetzungen sind in den Augen der Hooligans quasi sportliche Auseinandersetzungen und die Polizei wird als gleichwertiger Gegner und nicht als Feind angesehen. Für Hooligans ist die Abwesenheit von Polizei geradezu eine Einladung zum Ausleben ihrer Gewaltbedürfnisse und -fantasien, bzw. bedeutet die Anwesenheit von Polizei und SEK´s zunächst einmal eine Aufwertung und dann auch eine Herausforderung. Man sieht in der Polizei schließlich sogar so etwas wie einen sportlichen Gegner mit dem man sich misst getreu dem Motto "Auge um Auge, Zahn um Zahn"

So meinte ein Hooligan zur Faszination des Hooliganismus:
"Es ist ein unheimlich spannendes Gefühl, wenn man in so einer riesigen Gruppe von 100 bis 120 Leuten mitläuft und man muss wirklich aufpassen, ob jetzt links oder rechts aber irgend welcherlei - jetzt wirklich in Anführungszeichen - feindliche Hooligans kommen. Das erinnert mich irgendwie immer so an diese Geländespiele, die man früher immer gemacht hat mit Jugendgruppen. Das ist wirklich so wie wenn man Räuber und Gendarm spielt. Und was das ganze manchmal noch spannender macht, ist dass höchst überflüssiger Weise die Polizei dann auch noch mitmischt, weil das macht die Sache dann interessanter, weil es schwieriger ist, weil man dann auf zwei Gegner achten muss und nicht nur auf einen."
Und ein anderer Hooligan, dem ich aus einer bedrohlichen Situation geholfen habe, es er von vier SEK´s in einer nach meiner Meinung nicht angemessenen Form angegriffen und geschlagen wurde, auf dem anschließenden Heimfahrt im Sonderzug zu mir:
"Du Arschloch, warum mischst du dich da ein? Wenn ich Scheiße baue, dürfen die dies auch!"
Polizisten, die in Gewaltsituationen nicht konsequent einschreiten, werden entsprechend als "Lutscher" tituliert und wenn es bei einer Auseinandersetzung mit der Polizei ordentlich "auf den Frack gab" wird bewundernd festgestellt: Die Bullen waren heute gut drauf"! Hooligans erwarten von der Polizei also, dass sie konsequent einschreitet und "Null-Toleranz" zeigt. "Wenn die Polizei anwesend ist, ist die Schuld, wenn es Tote gibt, ist Polizei nicht anwesend, sind wir verantwortlich für das was da geschieht" bringt ein Hooligan diese Einstellung auf den Punkt.

Mit anderen Worten: Hooligans verhalten sich bei der Anwesenheit von Polizei wie Fußballspieler bei der Anwesenheit eines Schiedsrichters. Sobald Fußballspieler den Platz betreten, lassen sie die Verantwortung für ihr Verhalten in der Kabine bzw. übergeben sie der Trillerpfeife des Schiedsrichters: Erlaubt ist nicht nur das, was das Regelwerk vorgibt, sondern alles, was der Schiedsrichter nicht sieht bzw. nicht pfeift und Hooligans übergeben die Verantwortung für ihr Verhalten dem Schlagstock der Polizei. Die viel diskutierten Selbstregulierungsmechanismen der Hooligans greifen, wenn es sie überhaupt jemals gab, bei verabredeten Auseinandersetzungen ohne Polizeipräsenz.

Andererseits ist Hooligangewalt auch Kompensation für soziale Deprivation, gering ausgeprägtes Selbstbewusstsein und dient entsprechend dem Aufbau von positiver Identität und Selbstwertgefühl. Aus diesem Grunde verschließen sich vor allem Hooligans der ersten Kategorie in aller Regel auch sozialpädagogischen oder erlebnispädagogischen Maßnahmen. Wer einmal der Faszination von Gewalt anheim gefallen ist, zeigt sich erlebnispädagogischen Verführungskünsten der Sozialen Arbeit gegenüber immun. Hier ist unter Umständen nur noch staatliche Repression im Sinne von deutlicher Präsenz und "Null-Toleranz", d.h. kompromissloses, konsequentes Eingreifen der Polizei möglich. Entsprechend könnte man hier flapsig die eingangs gestellte Frage: "Soziale Arbeit statt Knüppel?" mit "Soziale Arbeit und Knüppel!" beantworten oder etwas weniger drastisch mit Prävention und Repression.

Die Gewalt der Hooltras ist im Unterschied hierzu in aller Regel reaktive Gewalt, Gewalt als Antwort auf als Willkür empfundene Repressionen oder Provokationen gegnerischer Ultras. Sie ist aber auch instrumentelle Gewalt im Sinne der Revierverteidigung. Hier wird auch die Polizei nicht als sportlicher Gegner, sondern als Feind gesehen mit der Folge, dass sich bei Polizeieinsätzen die friedlichen Ultras mit den gewaltbereiten Hooltras gegen die Polizei verbünden und solidarisieren. Hier bieten sich Sozialer Arbeit viele Möglichkeiten der Intervention durch sozialpädagogische Aufklärungs- und Lobbyarbeit, die abzielen auf den Abbau von individuellen Feindbildern und die Vermeidung von Solidarisierungsprozessen und auf der institutionellen Ebene die Schaffung bzw. der Erhalt von für die Ultrakultur erforderlichen Freiräumen. Entsprechend ergeben sich im Spannungsfeld von Prävention und Repression drei Pfeiler der Gewaltprävention:

  1. Selbstregulierung: Die Fans dazu zu befähigen, zu ermutigen und zu unterstützen, selbst bestimmt Grenzen zu setzen und die eigene Szene zu befrieden (im Sinne des "self policing").
  2. Prävention: Schaffung und Erhalt von Fanprojekten gemäß dem "Nationalen Konzept Sport und Sicherheit": Soziale Arbeit mit Fans und Einsetzen von Fanbeauftragten bei den Vereinen und Verbänden: Fan-Betreuungsarbeit.
  3. Repression: Durchsetzen von ordnungspolitischen Regularien durch Polizei und Ordnungsdienste der Vereine: Grenzen setzen und bewahren.


Das Prinzip der Deeskalation, dies wird hier sehr schön deutlich, setzt je nach Fangruppierungen sehr unterschiedliche Maßnahmen voraus. Ist bei Kuttenfans, und Ultras im Besonderen eher auf Selbstregulierung zu setzen ist ein verdeckter Polizeieinsatz geboten (Polizei präsent aber nicht sichtbar) und sind polizeiliche Maßnahmen zum Vermeiden von Willkürvermutungen transparent und nachvollziehbar zu gestalten, sowie vor einem Einsatz erst einmal der Einsatz von Konfliktbeamten geboten, sind bei Hooligans aber auch Hooltras eher eine deutliche Präsenz, Null-Toleranz, der Einsatz von SEK´s und ein kompromissloses, konsequentes Vergehen erwartet und gefragt. Um Gewalt und Eskalationsprozesse von Gewalt zu vermeiden bzw. zu verringern, müssen entsprechend zunächst Selbstregulierungen innerhalb der Fanszenen gefördert werden. Dies umso mehr, als es sich bei der neuen Generation der Fans, den Ultras, um eine zunehmend selbstbewusster auftretende, und auch (vereins)politisch engagiertere, ihre Belange selbst in die Hand nehmende, Fangruppierung handelt. Die ordnungspolitischen Institutionen aber auch und gerade die Fanprojekte müssen möglichst an diese Selbstregulierungen anschließen, sie einfordern und unterstützen, um Solidarisierungsprozesse der Fans gegen die Polizei zu verhindern.

Die gemeinsame Erklärung der Fanbetreuung des FC Bayern München, des Fanprojekts München, des Club Nr. 12, der Schickeria München, von Red United 98 und der Münchner Polizei bezüglich eines gemeinsamen Verhaltenskodexes für die Fußballsaison 2005/06 scheint mir dabei geradezu ein Muster-, ja Paradebeispiel nicht nur einer gelungenen Zusammenarbeit, sondern einer wegweisenden Form der Selbstverpflichtung und Selbstregulierung in der Fanszene zu sein. Wenn dann Polizei dennoch einmal einschreiten muss, ist einerseits von nicht gewaltbereiten Fans ein Verzicht auf Solidarisierungen mit den Gewaltbereiten abzuverlangen, andererseits zum Beispiel durch den Einsatz so genannte Konfliktbeamter (Gremmler 2006) polizeiliches Handelns transparent zu machen.

Für eine klare Grenzziehung zwischen Fan- und Fansozialarbeit

Der DFB und die DFL fordern im § 30 der "Richtlinien zur Verbesserung der Sicherheit bei Bundesspielen" von jedem Bundesligaverein die Einsetzung eines Fanbetreuers. Wörtlich heißt es:
  1. Der Verein muss einen Fanbetreuer einsetzen.
  2. Aufgabe des Fan-Betreuers ist es u. a., alle Maßnahmen zu ergreifen, die geeignet und erforderlich sind, die Anhänger des eigenen Vereins von sicherheitsgefährdenden Verhaltensweisen innerhalb und außerhalb der Platzanlagen abzuhalten. Dabei ist besonders anzustreben, dass Gewaltneigungen erkannt und abgebaut sowie bestehende "Feindbilder" beseitigt oder reduziert werden.
Die unter Absatz 2 genannten Ziele sollen vom Fan-Betreuer insbesondere durch folgende Maßnahmen erreicht werden:
  • Besprechungen mit den Anhängern, Weitergabe von Informationen,
  • Veranstaltungen mit den Anhängern, an denen Vereinsmitarbeiter und Spieler beteiligt werden,
  • Aufenthalte bei den Anhängern während der Heim- und Auswärtsspiele und gezieltes Einwirken auf sie in gefährlichen Situationen."


Die hier beschriebenen und geforderten, in den "Empfehlungen für die Vereine und Tochtergesellschaften der Bundesliga und der 2. Bundesliga sowie der Regionalligen" konkretisierten Aufgabenfelder und Qualifikationsanforderungen eines Fanbetreuers gehen meines Erachtens zu weit und bringen nicht nur den Fanbetreuer als Angestellten des Vereins in Konflikte, wenn er einerseits die berechtigten Interessen des Vereins und andererseits in sozialpädagogischer Intention die Interessen der Fans in Einklang zu bringen versucht, sondern sie können auch eine unbelastete und wichtige Kooperation zwischen Fanbetreuern und Fansozialarbeitern gefährden. Auch wenn die Aufgabenfelder des Fan-Betreuers denen der Fanprojekt-Mitarbeiter/-innen ähneln, in manchen Punkten deckungsgleich erscheinen:

Das Fan-Projekt kann und darf nicht die Außenstelle der Fan-Betreuung des Vereins sein und umgekehrt: Fan-Betreuer leisten keine Soziale Arbeit, auch wenn natürlich hier eine sehr enge Zusammenarbeit geboten ist. Im Interesse einer fruchtbaren Zusammenarbeit ist hier eine klare Abgrenzung vorzunehmen zwischen den Aufgabenbereichen der Fanprojekte, deren Unabhängigkeit vom Verein im Nationalen Konzept Sport und Sicherheit bewusst hervorgehoben und gefordert wird, und denen der Fan-Betreuer, die im Dienst der Vereine stehend für die Fans tätig sind. Im Rahmen ihrer Tätigkeit leisten Fan-Betreuer auch Präventionsarbeit, durchaus wichtige Präventionsarbeit als Dienstleister für die Fans und Vereine und sind somit auch ein wichtiges Bindeglied zwischen Verein und Fan-Projekt. Fanprojektarbeit hingegen steht ausschließlich im Dienste der Prävention (hier überschneiden sich die durchaus Aufgabengebiete, die einer einfühlsamen Abstimmung bedürfen) und Intervention im Sinne einer langfristigen Befriedung der Fan-/Ultra und Hooliganszene. Die Tatsache, dass im Nationalen Konzept Sport und Sicherheit gefordert wird, ja zwingend vorgeschrieben wird, dass die Fan-Projekte unabhängig vom Verein sein müssen, hat deshalb auch seinen guten Grund.

Es kann und darf deshalb auch nicht sein, dass durch die Einführung eines Fanbetreuers und die Ausweitung dessen Tätigkeitsfeldes um sozialpädagogische Aufgaben diese klare Trennung und Unabhängigkeit der Sozialen Arbeit im Fußballumfeld quasi durch die Hintertür droht wieder aufgehoben zu werden. Die Herausarbeitung eines klaren Profils für Fan-Betreuer und Fan-Pädagogen, eines klar abgegrenzten Aufgabenkataloges für Fan-Betreuer der Vereine und Fan-Projektmitarbeiter/-innen muss vordringliche Aufgabe der Kooperation von Fußballverbänden, Fußballvereinen und Fan-Projekten sein.

Vernetzung als der Stein der Weisen?!

Ein zentrales Anliegen muss die Vernetzung der Fan-Projekt-Arbeit mit der kommunalen und verbandlichen Jugendarbeit sein. Es gilt, nicht zuletzt im Interesse der Effektivierung der eigenen Arbeit aber auch und vor allem im Interesse der optimalen Nutzung der vorhandenen Ressourcen - sowohl bezüglich der vorhandenen Arbeitskräfte als auch der verfügbaren Finanzen -, verstärkt auf eine Verzahnung der Aufgaben und Angebote der verschiedenen freien und öffentlichen Träger, der betroffenen Ämtern und Behörden hinzuwirken. Dies um so mehr, als das Ernstnehmen des Ansatzes einer lebensweltorientierten Jugendsozialarbeit die örtliche Abstimmung aller Angebote und die Zusammenarbeit aller in der Jugendarbeit Tätigen, erfordert.

Vernetzung ist dabei zum Schlagwort, ja Zauberwort avanciert, das wie der Stein der Weisen, die Probleme präventiver Jugendarbeit lösen soll. Präventionsräte auf lokaler, regionaler und überregionaler Ebene sowie "runde Tische" schießen wie Pilze aus dem Boden. Allein, die Vernetzung scheint sich auf das Zusammensitzen, Zusammendiskutieren und Zusammenplanen zu beschränken. Als ob es so einfach wäre, die unterschiedlichsten Institutionen und in der Praxis arbeitenden Menschen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, partikulare Eitelkeiten und Interessen in den Dienst der schnell ausgemachten gemeinsamen Sache zu stellen. Die strukturellen Bedingungen der Vernetzung und die unterschiedlichen, zum Teil divergierenden Erwartungshaltungen, Einstellungsmuster und rechtlichen Rahmenbedingungen der Vernetzungspartner (z.B. Strafverfolgungszwang der Polizei und Justiz), die Vernetzungsbedingungen, vor allem aber auch die Vernetzungsfolgen für die einzelnen Vernetzungspartner werden viel zu wenig bedacht und reflektiert.

Gerade die Fan-Projekte haben hier im Kontext der Zusammenarbeit mit der Polizei vielfältige, positive wie negative, belastende wie entlastende Erfahrungen gemacht. Dabei kann eine mittel- und langfristig angelegte präventive Jugendarbeit nur dann erfolgreich wirken, wenn die Vernetzungspartner gemeinsam an einem Strang ziehen, inhaltliche Interessen offen gelegt, hierarchische, rechtliche Hindernisse und Hemmnisse erkannt und gemeinsam im Interesse der Sache konstruktiv gewendet werden (z.B. Sozialarbeiter als Anwalt der jungen Menschen, Polizist als Wahrer von Recht und Ordnung im Sinne des Legalitätsprinzips).

Viele der gut gemeinten Maßnahmen in der offenen Jugendarbeit drohen gerade daran zu scheitern, dass sich die Projektpartner zu wenig Gedanken über tragfähige Vernetzungsbedingungen und Vernetzungsfolgen machen. Vernetzung und Zusammenarbeit bewirken allein noch keine effektive Soziale Arbeit geschweige denn Gewaltprävention. Entscheidend ist, dass die unterschiedlichen Interessen der Netzwerkpartner offen gelegt, Gemeinsamkeiten herausgearbeitet und die unterschiedlichen Kompetenzen geklärt und zum Inhalt der Zusammenarbeit gemacht werden. Die Entwicklung fachlich fundierter Konzepte der Sozialen Arbeit und Netzwerkarbeit muss selbst reflektiert und wichtiges Ziel einer solchen Zusammenarbeit sein.

Wider die "Verprojektisierung" von Jugendproblemen

So hilfreich und notwendig Fan-Projekte, wie auch jede Art von Projekten, die sich mit auffälligen Jugendlichen oder gesellschaftlich definierten Jugendproblemen befassen, auch sein mögen, die Gefahren einer "Verprojektisierung" von Jugendproblemen können und dürfen nicht übersehen und verschwiegen werden. Zum einen besteht die Gefahr, dass sich die Projekte verselbstständigen, ein Eigenleben führen mit der Tendenz sich gegenüber anderen Projekten abzugrenzen und damit auch Gefahr laufen, sich und ihre Klientel zu isolieren, ja vielleicht sogar Problemgruppen erst zu stabilisieren.

Ein Vorwurf, der im übrigen immer wieder von Seiten englischer Hooliganismusforscher gegenüber den Fan-Projekten und deren Arbeit gemacht wird. Zum anderen ist die dringend erforderliche stadtteil- und lebensweltorientierte Arbeit mit dem vorhandenen Mitarbeiterstab nur schwerlich zu leisten und die Zusammenarbeit mit den Streetworkern in den Stadtteilen und Wohnorten auf Projektebene ohne Einbindung in die kommunale Jugendarbeit mit vielen Hindernissen behaftet. Die gesellschaftliche Bedingtheit auffälligen Verhaltens von Jugendlichen trägt schließlich vor allem bei den Projekten dazu bei, dass die Sozialpädagogen immer mehr in die unliebsame und vor allem unfruchtbare Rolle eines "Feuermannes" gedrängt werden und retten sollen, was noch zu retten ist.

Besonders seitens der Öffentlichkeit, der Medien und Politiker sowie Finanzgeber führt dies dazu, dass die Projekte unter einem steten Legitimationsdruck stehen und ihre Arbeit immer im Kontext der Beseitigung oder Verringerung des jeweils gesellschaftlich definierten Problems überwacht wird. So stellt sich mir auch die Frage, ob der Ruf der Polizei wie der Politiker nach bundesweiten Fan-Projekten - da die Polizei das Problem nicht lösen könne - die Fan-Projekt-Arbeit nicht auf das Problem der Gewaltverhinderung oder zumindest Gewaltverringerung reduziert und damit die Fan-Projekte in unnötige wie problematische Rechtfertigungszwänge bringt und an sie Forderungen heran trägt, die sie gar nicht erfüllen können und die eine kontinuierliche, langfristig angelegte pädagogische Arbeit unmöglich machen. Sozialpädagogik und Jugendarbeit als Reparaturwerk gesellschaftlicher Versäumnisse und Unzulänglichkeiten - dies ist aber eine wenig befriedigende Vision.

Gehen wir davon aus, dass sich hinter Problemen wie Gewalt, Ausländerfeindlichkeit, Drogen, Alkohol oder Video-Szene, um nur einige Beispiele zu nennen, meist die gleichen Ursachenketten und oft auch die gleichen Jugendlichen verbergen, dann wird die Problematik einer "Verprojektisierung" von Jugendproblemen ebenso deutlich wie die Notwendigkeit einer übergreifenden Vernetzung. Im achten Jugendbericht der Bundesregierung wird zurecht gefordert, dass Aufgaben im Sinne umfassender Zuständigkeit wahrgenommen werden (ganzheitlicher Ansatz) und Spezialdienste nur eingerichtet werden sollen, so weit unbedingt nötig.

Projekte sind nur sinnvoll, um eine bessere Einsicht in die jeweilige jugendkulturelle Szene zu gewinnen, sondern auch dringend geboten, weil sie auf diesem Feld noch experimentiert wird und deshalb größere Freiräume sozialpädagogischen Handelns erforderlich sind. Sie sollten jedoch so angelegt sein, dass sie in ein festes Netzwerk der Jugendarbeit integriert sind. Dabei müssten Formen der Integration und Kooperation gefunden werden, die es ermöglichen, die Infrastruktur des Fan-Projekts zu erhalten und auch flexiblere Arbeitszeiten zu garantieren. Meine Forderung lautet entsprechend: Nicht Auflösung der Fan-Projekte, sondern langfristige Absicherung und Integration der Fan-Projekte in die soziale Arbeit der öffentlichen oder freien Träger der Jugendhilfe.

Wo - so muss man angesichts der vielen in den Kommunen eingesetzten Streetworker fragen dürfen - steht denn eigentlich geschrieben, dass die Arbeit von Straßensozialarbeitern vor den Toren der Fußballstadien endet?

Fan-Projektarbeit muss sich - wie die Jugendarbeit schlechthin - daran messen lassen ob es ihr gelingt durch ihr sozialpolitisches, wie auch sozialpädagogisches Engagement die Welt der Fans auch schon ein wenig lebenswerter zu machen und den Dialog mit den Fans zu führen. Und sollte sich in dieser Richtung etwas bewegen - die bisherigen Erfahrungen der Fan-Projekte lassen uns durchaus optimistisch in die Zukunft blicken - dann hat sich das Engagement allemal gelohnt.

Mein persönliches Resümee aus nunmehr über 20 Jahren Fan-Projekt-Arbeit lautet entsprechend: Wer nicht auf den großen Wurf hofft und glaubt mit einem Mal das Problem von Gewalt und Fremdenfeindlichkeit lösen zu können, wer bereit ist kleine Schritte zu gehen, den Dialog mit den Fans zu führen, der wird trotz vieler Entbehrungen und Enttäuschungen auch in der Sozialen Arbeit mit gewaltfaszinierten Fans Erfolgserlebnisse einfahren.
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