Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

9.5.2006 | Von:
Jochen Voß

Marler Tage der Medienkultur

Tagung des Grimme-Instituts - "ToppKick - Die (Lust-)Angst des Fernsehens vor dem Fußball"

Pünktlich vor dem Start der Fußball-WM lud das Adolf Grimme Institut die führenden Vertreter des Sportjournalismus sowie deren Kritiker zu den Marler Tagen der Medienkultur ein. Unter dem Motto "Topp-Kick" wurde über die Lustangst des Fernsehens vor dem Fußball diskutiert.

Pünktlich bevor die Nation vollends in Fußball-Fieber und WM-Taumel versinkt, lud das Adolf Grimme Institut die führenden Vertreter des Sportjournalismus sowie deren Kritiker zu den Marler Tagen der Medienkultur ein, um gemeinsam unter dem Motto "Topp-Kick" über die Lustangst des Fernsehens vor dem Fußball zu sprechen. Die Welt zu Gast bei Freunden. Die Fachwelt zu Gast bei Grimme.


Gerade in einem Sportjahr wie diesem lohnt sich ein (selbst-)kritischer Blick der Akteure auf die Sportberichterstattung. Schließlich handelt es sich – wie Medienwissenschaftler Dietrich Leder in einem Vortrag ausführte – beim Sport und dessen massendmedialer Aufbereitung um zwei Größen, die ohne einander nicht auskommen können. Nicht nur wegen der großen Reichweiten, die das Fernsehen bietet, oder den hohen Geldsummen, die für Übertragungsrechte und Werbemöglichkeiten über den Tisch gehen, sondern auch wegen der Inhalte: Ein Sport, den man gut beobachten kann, gepaart mit Emotionen und jeder Menge Identifikationspotenzial. Doch wie weit darf das Fernsehen gehen?

Marler Tage der Medienkultur

Kritiker, wie die Medienjournalisten René Martens und Torsten Körner bemängelten während der Marler Tage eine zu starke Anpassung des Sports an das Fernsehen. Das eigentliche Ereignis im Stadion rückt vor den Bedürfnissen der Zuschauer zu Hause in den Hintergrund, die Berichterstattung bildet nicht dokumentarisch ab, was auf dem Platz passiert, sondern nutzt den Rohstoff Fußball für eine bunte Inszenierung des Sports für die Heim-Arena, lauten die Einwände gegen die Erzeugnisse der Sendungen Sportschau und Co. Darüber hinaus komme die kritische Berichterstattung, die sich auch den Hintergründen fernab jeder Ergebnisverkündung widmet, nahezu in allen Sportsendungen zu kurz. Zu Recht sagen die Macher, schließlich wolle das Publikum das nicht sehen. Will es das wirklich nicht? Und wenn das so ist, sollten die Redaktionen sich deswegen von ihrer journalistischen Arbeit abhalten lassen? Und überhaupt: Ist denn der Fußball jetzt eigentlich noch ein rein sportliches Ereignis, oder ist es vielmehr ein Gut, eine Ware? Ein Produkt, das der Sender, der sich die teuren Übertragungsrechte leistet, pflegen muss, damit sich die Zuschauer nicht davon abwenden?

Nicht nur auf den Marler Tagen sorgen diese Fragen für reichlich Zündstoff. Vor wenigen Monaten ist die Diskussion auch tief in den Kreisen der Sportjournalisten angekommen. Genug von distanzloser Berichterstattung an der Oberfläche hatten Journalisten wie Jens Weinreich und Holger Gertz. Sie gründeten das Sportnetzwerk, in dem sie eben diese Fragen auf breiter Ebene diskutieren wollen. Ein schwieriges Vorhaben, in einer Landschaft mit gewachsenen Strukturen aus Vereinen, Verbänden und Kaisern, den status quo in Frage zu stellen.

Auch wenn demnächst Arena statt Premiere die Bundesliga übertragen wird bleibt fraglich, was es sonst noch Neues gibt. Im Fernsehen wohl nicht viel. In anderen Mediensegmenten hingegen tut sich in Sachen Sport eine Menge. So entwickelt sich nicht nur im Internet eine neue Kultur der Sportberichterstattung, zum Beispiel durch Angebote wie indirekter-freistoss.de und fussballperspektiven. Auch an den Kiosken stößt man auf immer mehr Fußball. Seit einigen Monaten findet der geneigte Leser neben den alten Schlachtschiffen Sport-Bild und Kicker auch neue Hochglanzmagazine wie Player und Rund, die den Fußball in anderen Formen für das lesende Publikum entdecken. Ob sich jedoch der Sportjournalismus nachhaltig verändern wird – in welche Richtung auch immer – war auch auf der Tagung nicht eindeutig zu klären. Fest steht nur eins: Nach den Marler Tagen ist vor der WM.