Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

9.5.2006 | Von:
Jochen Voß

Der Ball im Kasten

Über die Allianz von Fußball und Fernsehen

Ohne Fernsehen kein Fußball, ohne Fußball kein Fernsehen. Auf diese kurze Formel lässt sich die gegenseitige Abhängigkeit der beiden führenden Freizeitbeschäftigungen unserer Nation bringen. Schon lange bevor Sat.1 mit Ran aus der Sportschau eine Sport-Show machte, und die Preise für die Übertragungsrechte in den vergangenen Jahrzehnten in schier unermessliche Höhen stiegen, war der Sport ein wichtiges Element in der bunten televisionären Welt.

Ohne Fernsehen kein Fußball, ohne Fußball kein Fernsehen. Auf diese kurze Formel lässt sich die gegenseitige Abhängigkeit der beiden führenden Freizeitbeschäftigungen unserer Nation bringen. "Denn erst das Fernsehen", so sagte Dietrich Leder, Professor an der Kunsthochschule für Medien in Köln, bei den Marler Tagen der Medienkultur "hat den Fußball zu der Hauptsache gemacht, die er heute ist." Schon lange bevor Sat.1 mit Ran aus der Sportschau eine Sport-Show machte, und die Preise für die Übertragungsrechte in den vergangenen Jahrzehnten in schier unermessliche Höhen stiegen, war der Sport ein wichtiges Element in der bunten televisionären Welt. Nicht nur die Liebe zum Sport, sondern auch die Fortschritte der Medientechnik sind der Ursprung der Allgegenwärtigkeit von König Fußball und seinen Untertanen.


Betrachtet man die Geschichte des Fernsehens in Deutschland, so fallen die großen Entwicklungssprünge zusammen mit den Terminen großer Sportereignisse. Laufen gelernt haben die Bilder in der Kiste 1936 anlässlich der olympischen Spiele in Berlin.

Fußball-WM als Innovationsmotor

Das Wunder von Bern führte 1954 gleichsam zur wundersamen Vermehrung der Fernseher in deutschen Wohnstuben. Während des Fußballturniers in der Schweiz verzehnfachte sich die Anzahl der Empfangsgeräte. Auch wenn durch die Einführung des Farbfernsehens seit 1967 die Bunten Abende immer bunter wurden: So richtig zum Durchbruch kam die neue Technik erst mit der WM 1970. Schließlich ließ eine Neuerung der Regeln die farbechte Darstellung immer wichtiger werden: Im Eröffnungsspiel der UdSSR gegen Mexiko wurde die erste gelbe Karte gezückt. Auch in diesem Jahr hoffen die Hersteller auf eine spannende Meisterschaft, um den Abverkauf neuer Techniken anzukurbeln. Und Neuerungen gibt es genug: HDTV und mobile Empfangstechniken von DVB-T bis DMB sollen ihren Markt finden. Meist benötigen die Konsumente einen Anlass, sich mit der teuren und immer komplizierter werdenden Technik auseinander zu setzen. Da tut eine ordentliche Halbfinal-Partie das Ihrige. Der wahre Fan kommt zwar schon in Wallung bei Radiokommentaren wie "Ball – hoch – weit – Tor". Doch in höchster Auflösung und mit mehr als einem Meter Bildschirmdiagonale ist das schon was anderes. So setzen die Hersteller auf den Vorführeffekt bei der WM und hoffen, dass aus dem Breitensport bald ein Breitbildsport wird. Überhaupt ist Fußball der ideale Fernsehsport. Die Regeln sind klar und einfach – sieht man mal vom Abseits ab. Das Spiel ist spannungsgeladen, meist bis zur letzten Minute – dramatischer Wendepunkt oft inbegriffen. Spieler, Fans und alles was sich sonst noch im Stadion bewegt sind ein stetiger Quell von Gefühlsausbrüchen und Geschichten. Nach dem Spiel ist nicht nur vor dem Spiel, sondern dann geht es in der Berichterstattung meist erst so richtig los. War die Übertragung der Partie noch annähernd eine dokumentarische Abbildung der Ereignisse auf dem Platz, werden nach dem Abpfiff Beiträge jedweder Couleur hergestellt: Experten analysieren das Spiel, eine Zusammenfassung zeigt die besten Tore, die schlimmsten Schwalben, die härtesten Fehlentscheidungen. Ob Sportschau, Lifestyle oder einfach nur bunte Nummern: Der Fußball generiert mit seinen Stars eine große Anzahl an Talkgästen, Experten, Siegern und Verlierern. "Der Sport ist nur noch ein Rohstoff, der vom Fernsehen weiterverarbeitet wird", sagt Leder in seinem Vortrag und führt als Beispiel die mediale Aufbereitung des Kampfes um Platz eins im Tor zwischen Jens Lehmann und Oliver Kahn bis vor wenigen Wochen an. DSF-Mann Thomas Herrmann gesteht ohne den Widerspruch der übrigen anwesenden Moderatoren ein: "Wir leben doch alle wunderbar davon. Das könnte noch vier Wochen so weitergehen."

Mehr als 20 Kameras pro Spiel

Neben der inhaltlichen Aufbereitung passt sich auch die Bildästhetik des Sports mehr und mehr der Filmkunst an. Seit den neunziger Jahren macht Professor Leder eine immer kinematographischere Aufbereitung der Fußballübertragungen im Fernsehen aus. Mit inzwischen mehr als zwanzig Kameras wird ein Spiel übertragen. Spezialkameras und graphische Effekte ästhetisieren und verzerren das Bild dessen, was sich tatsächlich auf dem Platz abspielt. Und die Bilder, die da aus den Arenen der Welt nach Hause kommen, wirken. Ähnlich wie bei einer gelungenen Tanzchoreographie ließe sich laut Leder auch die phrasenhafte Wiederholung besonders raffinierter Spielzüge der Ronaldos und Ballacks auf den Schulhöfen ausmachen. Und da die Medien nicht im luftleeren Raum agieren und eine Realität vorgeben, sondern zur ihr gehören wie ein verschossener Elfer, wirken sie auch auf das Objekt ihrer Berichterstattung – den Fußball im Stadion – zurück. Manche Fan-Aktion, einst nur dazu da, die eigene Mannschaft zu unterstützen, wird bereits in punkto Ausmaß und Originalität auf die Fernseh-Aufmerksamkeit hin ausgetüftelt, so Leder. Wer nun meint, es gehe immer noch einzig und allein um den Sport, der wird von Leder eines besseren belehrt. Eine Wandlung von der "populären Kultur" hin zur "Popkultur" macht der Medienwissenschaftler derzeit im Fußball aus. Mal ganz davon abgesehen, dass der Fußball seit jeher hinsichtlich Bekleidung und Frisuren eigene Moden kreiert. Ausgerechnet aus der Musikbranche kommen die Vorbilder hinsichtlich des Handlings von Übertragungsrechten und dem Umgang mit dem Recht am eigenen Bild vom jeweiligen Fußballereignis. Jedwede journalistischen Prinzipien ausgrenzend, dürfen Medienvertreter nicht einfach von den einzelnen Spielen der hochklassigen Ligen und Turniere berichten. Auch für die Übertragung einer Radioreportage werden inzwischen Lizenzen vergeben. Robbie Williams und Co. machten es vor: Auf deren Konzerten dürfen die Bildjournalisten sich schon seit längerem nicht mehr frei bewegen. Bilder müssen vor der Veröffentlichung entweder vom Veranstalter freigegeben oder die Rechte gar komplett an den Impressario der Stars abgetreten werden. So entstehen die Übertragungen der großen Spiele inzwischen auch im Auftrag der Verbände. Die Sender nutzen lediglich das zugeführte Signal und peppen es nach eigenen Bedürfnissen mit weiteren Bildern und Kommentaren auf. Eine Praxis, die allerdings auch bei den Sendern auf Wohlwollen stößt, da sich so die zahlreichen Teams vor Ort nicht mehr mit ihren Kameras auf den Füßen stehen müssen.

Auch wenn der Fußball im Fernsehen seinen festen Platz hat, so muss er laut Leder dennoch aufpassen, im Spiel zu bleiben. Schließlich sei der Markt gesättigt. Noch mehr Fußball als zur Zeit – gerade im Vorfeld der Weltmeisterschaft – ist kaum denkbar. Bei aller Liebe der Fans rät Leder den Machern, den Sport nicht noch weiter mit flankierenden Gewinnspielen, Experten und Events zu verzieren, denn sonst drohe die Implosion. Ein Schicksal das bereits Michael Jackson, einst der King of Pop, heute eine Notiz auf den Panorama-Seiten, widerfuhr, als er eine Spur zu künstlich wurde.