Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

9.5.2006 | Von:
Jochen Voß

Sportjournalismus unter der Lupe

Wohin entwickelt sich der Sportjournalismus? Nach der Explosion der Rechtekosten wollen viele Sender ihre Investition schützen und nicht schlechtreden lassen. Bleibt also nur der Printjournalismus als Ausweg für kritische Berichterstattung?

Der Sport beherrscht das Fernsehjahr. Die Olympischen Spiele haben selbst Harald Schmidt auf den Plan gerufen und zur Fußball-WM in wenigen Wochen wird ein ganzes Land Kopf stehen und sich den Regeln des Weltfußballverbands Fifa unterwerfen. Sportliche Themen boomen in Presse und Rundfunk. Vom WM-Kuchen will jeder ein Stück mitnehmen und auch an den Kiosken springen den Zielgruppen die Helden der Wettkämpfe vermehrt ins Gesicht.


Doch während sich ein Großereignis an das nächste reiht, wird auch bei vereinzelten Medienmachern Unmut laut. Von einer Krise des Sportjournalismus ist die Rede. Besonders im Fernsehen, das die Spiele laut und bunt in die Wohnzimmer bringt, finden die Hintergründe des Millionengeschäfts zu wenig Beachtung, finden die Kritiker. Dabei vermissen sie nicht nur die großen Skandale, die Traditionsvereine und ihre Würdenträger ins Wanken bringen, sondern bemängeln, dass der Sport in den Medien zunehmend zur reinen Unterhaltung verkomme. Kritische Formate wie "Sport unter der Lupe" (SWR) oder der "Sportspiegel" (ZDF) wurden in den vergangenen Jahren eingestellt. Mit einem zu geringen Interesse der Zuschauer begründen die Sender den Trend weg von der Kritik.

Unterhaltung statt Hintergrund

Die Frage nach mehr Hintergründen ist letztlich die Frage, wie viel Unterhaltung der Sport ist. Will der Zuschauer informiert werden oder geht es ihm nur darum, ein paar vergnügliche Stunden mit der Bundesliga-Konferenz und der Sportschau zu verbringen? Dann nämlich will er gar nicht hören, wie viel die Spieler eigentlich verdienen und wer da wem eventuell ein paar Millionen zugeschoben haben könnte. Die Grenze zwischen dem eigentlichen Event und seiner Reflexion ist schwer zu ziehen. Stellt man die Unterhaltung in den Vordergrund, so ließe sich argumentieren, auch bei der Hitparade werde nicht über das Gemauschel der Plattenbosse und das Zustandekommen der Top Ten berichtet. So in etwa scheint Sebastian Hellmann, Anchor beim Premiere Live Sport, sein Programm zu verstehen. Nicht nur kein Interesse, noch nicht einmal Relevanz sieht der mit dem Fernsehpreis dekorierte Moderator in den zum Teil ungeheuerlichen Vorgängen zwischen der Bild-Zeitung und dem deutschen Nationaltrainer. "Die sollen ihre Anti-Klinsmann-Kampagne machen und damit glücklich werden. Warum soll Premiere darüber berichten?", sagt Hellmann bei den Marler Tagen Fernsehkultur. Dieter Gruschwitz, Leiter der ZDF-Sportredaktion bedauert wenigstens den Verlust des "Sport-Spiegel", der es sich seit 1963 unter anderem zur Aufgabe gemacht hatte, "bedenkliche Erscheinungen unter die Lupe zu nehmen". 1996 wurde die Sendung eingestellt. Im "Fernsehlexikon" lässt sich die Tendenz der Sportkritik am Beispiel des ZDF-Formats deutlich ablesen. "1995 nannte das ZDF die Sendung einen 'unverzichtbaren Bestandteil des ZDF-Sports', im Januar 1996 einen 'Luxus‚ den wir uns leisten können und müssen' und nur eine Woche später eine 'Nische', die 'wir uns nicht mehr leisten können' ", heißt es in dem Nachschlagewerk der Medienjournalisten Stefan Niggemeier und Michael Reufsteck.